Pferdeliebhaberin oder Betrügerin? Angeklagte tischt kuriose Geschichte auf

Eigentlich ging es nur um drei nicht bezahlte Tierarztrechnungen. Doch dann erzählte die 23-jährige Angeklagte vor dem Schwandorfer Amtsgericht von Millionenkrediten, mit denen sie ein Anwesen erwerben wollte. Das kam Richterin Michaela Frauendorfer äußerst suspekt vor. Sie vermutete jemand anderen hinter diesen Geschäften.
Ihre blonden Haare hat sie zu einem strengen Dutt zusammengebunden, ihr Gesichtsausdruck ist angestrengt und nervös. Immer wieder blättert die 23-jährige Frau auf der Anklagebank des Schwandorfer Amtsgerichts in den dicken Ordnern ihres Anwalts. Die Vorwürfe gegen sie sind vergleichsweise alltäglich. Drei Mal bezahlte die angehende Pferdewirtin aus dem Städtedreieck tierärztliche Behandlungen nicht. In einem Fall aus dem Jahr 2021 ging es um die fast 3000 Euro teure Behandlung eines Pferdes in einer Münchner Pferdeklinik und in zwei Fällen 2022 um Tierarztkosten für ihren Hund in Höhe von insgesamt rund 2100 Euro. Bei allen drei Behandlungen soll es die Angeklagte aufgrund ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse billigend in Kauf genommen haben, die Rechnungen nicht zu bezahlen. So lautete der Vorwurf der Staatsanwaltschaft in der Verhandlung am Mittwoch. Ihre Zahlungsfähigkeit habe die 23-Jährige den Tierärzten bei der Auftragserteilung immer nur „vorgespiegelt“.
Saß hier also eine junge Frau auf der Anklagebank, der die Tierliebe über den Kopf gewachsen ist und die sich dann zum Betrug verleiten hat lassen? Es sah zunächst ganz danach aus – bis ihr Verteidiger Corey Weber ankündigte, nun ein bisschen ausholen zu wollen. Zum Zeitpunkt der nicht bezahlten Tierarzt-Rechnungen hatte sich die Frau laut Weber in anderen Streitigkeiten befunden. Sie habe nämlich ein großes Anwesen im Landkreis Straubing-Bogen erworben, bei dem sie zugesichert bekam, dass dort Pferdehaltung möglich wäre. Das stellte sich laut Verteidiger als falsch heraus.Doch die Angeklagte habe dafür bereits erhebliche Investitionen getätigt. Denn der Kaufpreis für das Anwesen lag bei über einer Million Euro. Da begann Richterin Michaela Frauendorfer stutzig zu werden. „Was steckt denn hier dahinter? In Ihrem Alter hat man doch keine Million am Konto“, fragte sie die 23-Jährige. Das sei ihr von der Bank über ein Darlehen finanziert worden, erklärte die Angeklagte. Den Kredit habe sie immerhin rückabwickeln können.
Woher hat eine junge Frau so viel Geld?
Dass die Frau einen derart hohen Kredit bekommen hat, versetzte Frauendorfer und die Anklagevertreterin dennoch in Staunen. Darum fragten sie genauer nach, wo die für ihr junges Alter geradezu schwindelerregenden Geldbeträge herkämen. Schließlich kam heraus, dass wohl die ganze Familie der Angeklagten in die Geschäfte involviert ist, konkret ihre Mutter und ihr jüngerer Bruder. Es existiere eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR), erklärte die 23-Jährige. Auch ihr Bruder sei darin involviert. Die GbR kümmere sich schwerpunktmäßig um die Betreuung von Pferden. Zum Zeitpunkt der Gründung im Jahr 2017 sei auch ihre Mutter noch in der GbR dabei gewesen. Damals befasste sich die Gesellschaft noch mit Bürotätigkeiten für Unternehmen.
Ab 2021 habe sich die GbR dann um acht Pferde gekümmert und Einstell-Plätze für rund zwölf weitere Pferde betrieben, schilderte die Frau. Die Pferde seien 2023 beschlagnahmt worden. Auch im südlichen Landkreis Schwandorf war die Familie in Sachen Pferdehaltung aktiv. Auch dort wurden die Tiere beschlagnahmt. Die Pferdehaltung liege aktuell auf Eis, erklärte Anwalt Corey Weber. Dass die 23-Jährige bereits seit Jahren geschäftlich derart aktiv ist, mochte das Gericht nach wie vor nicht glauben. Denn viele Schilderungen der Angeklagten offenbarten, dass sie selbst Sachverhalte nicht erklären konnte, die bei den Geschäften eigentlich von zentraler Bedeutung gewesen wären.
Sie machen absolut nicht den Eindruck einer taffen Geschäftsfrau. Sie wirken heillos überfordert.
Michaela Frauendorfer, Richterin
Oder spielte die Frau ihre Ahnungslosigkeit nur vor? „Jetzt seien Sie ehrlich. Ich glaube, Ihnen ist der Ernst der Lage nicht bewusst“, ermahnte die Anklagevertreterin sie – und warnte sie eindringlich vor Konsequenzen. Denn gegen die Familie gibt es schon mehrere Verfahren. Richterin Michaela Frauendorfer kam der ganze Fall mehr als kurios vor. „Sie wollen eine riesige Geschichte aufziehen, aber haben null Durchblick“, sagte sie zur Angeklagten.Sie ortete eine „Familienmauschelei“, bei der wohl die Mutter eine besondere Rolle spiele und die Tochter eher als Frontfrau agiere. „Sie machen absolut nicht den Eindruck einer taffen Geschäftsfrau. Sie wirken heillos überfordert“, so die Richterin weiter. Hinsichtlich der drei nicht bezahlten Tierarztrechnungen – dem eigentlichen Gegenstand dieser Verhandlung – stellte Frauendorfer das Verfahren vorläufig ein, gegen eine Geldauflage von 1500 Euro