Nach dem Tod dreier Drogenkranker herrscht in der Szene Panik: Ist gestreckter Stoff im Umlauf?

Zwei Drogenkranke haben ihre Vergiftungen durch schnelle Hilfe in der Notaufnahme der Chamer Sana Klinik überlebt. Drei sind gestorben. Das alles innerhalb von 36 Stunden (wir berichteten). Nun ermitteln Kripo und Polizeiinspektionen im Landkreis auf Hochtouren die Todesursachen.
Marion Santl, Referatsleiterin der Caritas-Suchthilfe in Regensburg, kennt die Probleme: „Für uns ist das eine Bombe. Wir beobachten das schon lange.“ Marion Santl ist auch zuständig für den Landkreis Cham und hat durch enge Zusammenarbeit mit der Caritas vor Ort einen guten Einblick. Auch, weil die Chamer Drogenkranken oft nach Regensburg kommen: „Regensburg hat natürlich aus unterschiedlichsten gründen eine Magnetwirkung auf die Szene in Cham.“
Strecken – eine perfide Sache
Seit mehr als einem Jahr beobachten fünf Streetworker verschiedener Organisationen in Regensburg schon die verheerenden Wirkungen von stark verunreinigten Substanzen, mit denen Drogen gestreckt werden. Für die Drogensüchtigen eine besonders perfide Sache: Sie wissen normalerweise genau, welche Mengen sie von der Droge nehmen müssen, und kennen die Wirkung. Die Beimengung zum Beispiel von Fentanyl oder Nitazenen macht die Wirkung explosiv und unberechenbar: „Durch Fentanyl verhundertfacht sich die Wirkung von Heroin, Nitazene sind nochmal ein Mehrfaches stärker“, beschreibt Santl.
Auch in Regensburg hat es laut Santl heuer gesichert bereits zwei Drogentote gegeben. Sie geht aber von einer Dunkelziffer aus. Sie beiden Streetworker der Caritas berichten seit einiger Zeit von verheerenden Wirkungen der gestreckten Drogen. Die sind nicht nur potenziell tödlich, sondern sie führen auch zu Gesundheitsschäden in einem bisher nicht gekannten Ausmaß, sagt die Leiterin der Suchthilfe.
„Das ist nur ein Teil der Szene“
In Cham selbst gibt es keinen Streetworker, wohl aber die Beratung der Caritas in der Klosterstraße. In Cham sei die Szene auch nicht sehr groß. Allerdings geht Santl auch hier von einer enormen Dunkelziffer aus. 40 Personen sind wegen Abhängigkeit von Opioiden in die Chamer Fachambulanz zur Beratung gekommen. „Das ist aber nur ein Teil der Szene“, sagt Santl. Und es sei natürlich noch lange nicht raus, ob aus der Beratung dann ein Ausstieg wird. „Das ist auch nicht die Voraussetzung. Wir sind da flexibel und passen uns der Lebenssituation des Betroffenen bei der Beratung an“, erklärt die Leiterin der Suchthilfe.
Was hilft tatsächlich gegen das offensichtlich um sich greifende Phänomen, das Krankheit und Tod verbreitet? Santl sieht hier nur politische Lösungen, denen sich das Land Bayern allerdings derzeit verschließt: „Wir bräuchten geschützte Räume für Drogenkonsumenten. Dort könnte der Stoff dann Schnelltests unterzogen werden und es wäre Hilfe vor Ort, wenn jemand zusammenbricht.“
Was würde wirklich helfen?
Santl berichtet von guten Erfahrungen aus anderen Bundesländern und von neuen Ansätzen im Ausland. So habe beispielsweise in Portugal die verpflichtende Verknüpfung von Drogen-Checking mit einem Beratungsgespräch nicht nur zu einem Rückgang der Todesfälle geführt, sondern auch zu einem Schrumpfen der Szene. Das sei bisher durch Strafverfolgung nicht gelungen. Der Bund habe die Verantwortung für die Einrichtung geschützter Räume an die Länder übertragen. Deswegen könne nur ein Erlass der Staatsregierung in Bayern dazu führen.
Sollte der weiterhin ausbleiben, gibt es auch niedrigschwellig gute Erfahrungen. So hat die Caritas in Regensburg einen Spritzenautomaten aufgestellt und schult mit Naloxon. „Das eine führt zu mehr Hygiene und weniger Infektionen, und das andere ist auch durch Laien wie ein Nasenspray anwendbar und kann bei Zusammenbrüchen nach Drogenkonsum Leben retten“, so Santl.
„Ja“, sagt Santl, „es ist illegal. Aber Drogensucht ist auch eine Krankheit. In Cham wäre ein geschützter Raum aber eine Möglichkeit gewesen, traurige Schicksale zu ersparen. Niemand müsste hinter einer Tankstelle menschenunwürdig sterben. Und ein Schnelltest auf Strecksubstanzen in der Droge hätte vielleicht sogar den Tod verhindert“, sagt Santl.
Zögern bei der Politik
Bei der Staatsregierung stößt die Idee der geschützten Räume auf Zurückhaltung. „Prävention ja, Hilfe für Schwerkranke ja, Methadon-Substitution ja – aber bei einer Unterstützung des illegalen Konsums sind wir derzeit nicht dabei“, sagt der Chamer MdL Dr. Gerhard Hopp (CSU). Er verweist in der Sache auf den Vorsitzenden des zuständigen Gesundheitsausschusses, MdL Bernhard Seidenath.
Seidenath bestätigt Hopps Aussagen. Und ergänzt sie um das sogenannte Nürnberger Modell. Hier habe der Freistaat rund eine halbe Million Euro in die Forschung investiert, um herauszufinden, was wirklich hilft bei der Bekämpfung der Drogensucht. „Das ist ergebnisoffen, wird von den Ärzten an der Klinik Nürnberg-Nord sehr professionell und vielversprechend durchgeführt“, sagt Seidenath. Er weiß aber auch, was seine Fraktion auf keinen Fall will: geschützte Räume wie in Frankfurt. „Ich war da. Das ist verheerend. Die gehen da praktisch eskortiert von der Polizei rein, spritzen sich das Zeug und verschwinden wieder. Da wird nur verhindert, dass jemand stirbt. Aber die Zustände sind eine Katastrophe.“ Auch das Drogen-Checking habe eine eigene Seite: „Der Staat macht den Job der Dealer und zertifiziert den Stoff noch. Sowas muss man sich schon ganz genau ansehen. Und genau das läuft gerade in Nürnberg“, sagt Seidenath. Und sein finaler Rat: „Finger weg von dem Zeug. Wir werden deswegen weiter viel Geld in Prävention stecken.“
Obduktionen und Gutachten
Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft für Anfang der Woche die Obduktion der drei Drogentoten angeordnet, um den Ursachen auf den Grund zu gehen. Außerdem wurden bei den beiden Toten in der Schulstraße auch Drogen sichergestellt, die derzeit im Labor untersucht werden. Der Tote hinter der Tankstelle in der Further Straße hatte keine Drogen dabei, und die Kripo ist dort auf die Ergebnisse der Obduktion angewiesen. Inzwischen warnt die Polizei die Szene dringend vor dem Konsum der Drogen, die gerade im Umlauf sind.
Wie Pressesprecher Jonas Krauß vom Polizeipräsidium in Regensburg aktuell mitteilt, werden derzeit bereits toxikologische Gutachten erstellt, die Art und Zusammensetzung der verwendeten Drogen feststellen. Mit einem Ergebnis ist laut Krauß aber erst in einigen Wochen zu rechnen. Jedoch ermittle die Kripo bereits auf Hochtouren im Umfeld der Szene. Es geht dabei um eine schnelle Feststellung von Zusammenhängen zwischen den Fällen und der Drogen-Quelle.