Drei Drogentote und zwei Überlebende in Cham: Hat jemand den Stoff in der Szene gestreckt?

Von Johannes Schiedermeier · 24. April 2025 um 14:30

Das hat es in Cham so noch nie gegeben: Drei Menschen sind innerhalb von 36 Stunden vermutlich an Drogenvergiftung gestorben. Nach Recherchen unserer Zeitung sind innerhalb dieses Zeitraums noch zwei weitere Patienten mit Vergiftungserscheinungen in die Notaufnahme gebracht worden. Die Obduktion der drei Toten soll bereits Anfang nächster Woche stattfinden.

Nun ermittelt die Kripo und die Polizei warnt die Szene: Wurde gestreckter Stoff verkauft? Sind hochreine oder verunreinigte Drogen im Umlauf? „Wir sind schon länger innerhalb der Szene unterwegs und warnen“, sagt Chams Vize-Polizeichef Marco Müller. Die Polizei gehe gerade dem Problem dienststellenübergreifend nach. Die Ermittlungen hat die Kripo in Regensburg übernommen.

Fünf Fälle in 36 Stunden

Seit Dienstagmorgen wurden im Raum Cham drei Todesfälle bekannt, die mutmaßlich auf Drogenkonsum zurückzuführen sind, berichtet Polizeihauptmeister Jonas Krauß, Pressesprecher der Kripo Regensburg. Wie bereits berichtet, war am Dienstag gegen 6 Uhr ein 33-jähriger Mann auf dem Gelände einer Tankstelle leblos aufgefunden. Schon hier sprach die Polizei von mutmaßlicher Drogen-Intoxikation. Die Leiche des Mannes wird auf Anforderung der Staatsanwaltschaft obduziert.

Am Mittwoch um 11 Uhr gab es dann einen zweiten Einsatz in Cham in der Schulstraße. Dort wurden zwei Personen in einer Wohnung tot aufgefunden – ein 24-jähriger Mann mit Wohnsitz in Cham sowie eine 20-jährige Frau aus dem Landkreis. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei sind beide vermutlich an den Folgen einer Drogenintoxikation verstorben. Auch hier hat die Staatsanwaltschaft eine Obduktion zur Klärung der Todesursache beauftragt. In der Wohnung aufgefundene Betäubungsmittel wurden sichergestellt und werden nun mittels Substanzgutachten analysiert.

Polizei prüft Zusammenhänge

Die Kriminalpolizeiinspektion Regensburg prüft derzeit mögliche Zusammenhänge. Die betroffenen Personen waren bereits zuvor im Zusammenhang mit Betäubungsmitteldelikten polizeilich bekannt.

Die Polizei warnt Szene und Bevölkerung: „Auch wenn die Ermittlungen in den aktuellen Fällen noch andauern und bislang keine Erkenntnisse über die Zusammensetzung der Betäubungsmittel vorliegen, wird zur allgemeinen Vorsicht geraten.

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass im Umlauf befindliche Substanzen verunreinigt oder mit unerwartet starken Wirkstoffen versetzt sind. Außerdem wird darauf hingewiesen, Betäubungsmittel nicht mit anderen Drogen oder sonstigen Substanzen zu vermischen, da die Wirkungen solcher Rauschgiftcocktails unberechenbar sind.“ Neben der grundsätzlichen Strafbarkeit werde in Anbetracht der hohen Gesundheitsgefahr dringend davon abgeraten, illegale Betäubungsmittel zu konsumieren.

Auch der stellvertretende Leiter des Rettungsdienstes in Cham, Tobias Muhr, kennt eine Situation solchen Ausmaßes bisher nicht: „Alkoholvergiftungen sind unser täglicher Begleiter bei den Einsätzen. Harte Drogen sind da wesentlich seltener. Hier fahren wir pro Jahr eine Handvoll Einsätze.“ An drei Todesfälle innerhalb so kurzer Zeit könne er sich nicht erinnern. In der Häufigkeit der Einsätze fühle er sich allenfalls an die Zeit vor 10 bis 15 Jahren erinnert, als Crystal aus Tschechien das Grenzland überschwemmte. „Damals waren wir auch häufiger unterwegs“, so Muhr.

Zwei Überlebende

In der Chamer Notaufnahme hat es zwei weitere Fälle vermutlicher Drogenvergiftung gegeben. Beide Patienten wurden dort mit entsprechenden Anzeichen eingeliefert und haben überlebt, bestätigt Constanze Kumpf, die Pressesprecherin der Sana Kliniken des Landkreises Cham. Da Notfälle innerhalb des Landkreises nur noch am Standort Cham behandelt werden, dürfte der Überblick aus der Notaufnahme derzeit ein kompletter sein.

Einen Streetworker des Landratsamtes in der Szene gibt es nicht. Wie der Leiter es Gesundheitsamtes, Dr. Benedikt Knon, auf Anfrage mitteilt, gibt es aber mit Siegfried Urbas einen Ansprechpartner und eine Reihe präventiver und unterstützender Angebote. Es gebe aber weder Statistiken noch ein Lagebild aus der Szene.

Die tödlichen Folgen

Das Verbot des Anbaus von Schlafmohn seit 2021 in Afghanistan hat derzeit in der Drogenszene verheerende Folgen. Weltweit ist die Produktion von Opium um mehr als 70 Prozent eingebrochen. Opium ist ein Grundstoff unter anderem für die Heroin-Produktion.

Nach drei Todesfällen im Stadtgebiet Cham durch eine vermutliche Drogenvergiftung wird derzeit durch Prüfung der aufgefundenen Stoffe und die Obduktion der Leichen versucht, den Todesursachen auf die Spur zu kommen. Es besteht aber der Verdacht, dass gestreckter Stoff unterwegs ist. Wie funktioniert das?

Ein Beispiel: Nitazene sind synthetische Opioide, extrem potent, bis zu 60-mal stärker als Morphin, und können zu schweren versehentlichen Überdosierungen und zu Todesfällen führen. Entwickelt wurde Nitazen ursprünglich in den 1950er Jahren als Schmerzmittel, aber nie zugelassen.

Nitazen wird häufig in Tablettenform hergestellt und kann geschluckt, geraucht oder injiziert werden. Teilweise wird es Süchtigen auch ohne ihr Wissen untergemischt, mit Heroin gestreckt und als solches auf den Markt gebracht.

Die Wirkung von Nitazen ist kurz und intensiv. Es führt schnell zu Abhängigkeit und auf sein Konto gehen inzwischen zahlreiche Todesfälle in Europa.

Quelle: Bericht der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA)

Seit die Taliban in Afghanistan den Anbau von Schlafmohn verboten haben, sind in Deutschland mehr als 70 Prozent des Marktes für Heroin weggebrochen. Deswegen warnt die UN inzwischen vor verschnittenem Stoff und extrem gefährlichen synthetischen Ersatz-Drogen, die bereits zu zahlreichen Todesfällen geführt haben. Foto: Ghulamullah Habibi/dpa picture alliance