Die Geisterbahn von Siegenburg – Über diese Autobahnbrücke fuhr nie ein Auto

Vor genau 90 Jahren wurde die erste deutsche Autobahn zwischen Frankfurt und Darmstadt eröffnet. Eine beispiellose Propaganda inszenierte Adolf Hitler als Bauherren und Erfinder der Autobahnen. Tatsächlich stimmte beides nicht. In Wirklichkeit blieben viele dieser Strecken unvollendet. Auch im Landkreis Kelheim.
Direkt an der Autoausbahnausfahrt Siegenburg kann man ein derartiges Relikt besichtigen. Verborgen hinter Sträuchern und einem kleinen Wald befindet sich hier eine Autobahnbrücke, über die noch nie ein Auto gefahren ist, denn die Brücke über den Siegbach, direkt an der Autobahnanschlusstelle Siegenburg gelegen, ist nie fertig geworden. Sie sollte im „Dritten Reich“ Teil der Autobahn zwischen Regensburg werden.
Werner Schwarz, Rentner und früherer Zahnarzt, kennt die Bauruine, die im Internet auch als Lost Place beschrieben wird. Er ist seit über 20 Jahren Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Autobahngeschichte (AGAB) und hat sich intensiv mit dem Bau der als Strecke 89 bezeichneten Reichsautobahn zwischen der Holledau und Regensburg, der heutigen A93, beschäftigt. Mit dem Bau der Strecke 89 wurde 1939 an mehreren Stellen begonnen. Das Ziel war, eine schnelle Verbindung zwischen den beiden bayerischen Zentren München und Regensburg herzustellen. Nach Hitlers Plänen sollte die Autobahn über Karlsbad in Tschechien nach Chemnitz weitergeführt werden.
An den Autobahnbau knüpften sich große Hoffnungen der nationalsozialistischen Machthaber. Deutschland sollte zusammengeschweißt werden, lautete eine der Losungen. Fritz Todt, Generalinspektor für das Straßenwesen, hatte noch 1937 einen Zusammenhang zwischen dem „Wikingerblut des nordischen Menschen“ und der Reisefreudigkeit des deutschen Volkes konstruiert. Hermann Göring, der ab 1936/1937 die Führung der deutschen Wirtschaft und des Reichswirtschaftsministeriums übernommen hatte, hatte die Autobahnen als „genialste Voraussetzung für die Mobilmachung Deutschlands, die der Führer überhaupt geschaffen hat“ gelobt.
Einstellung im Sommer 1940
Doch es kam anders. Nach einer Pause zu Kriegsbeginn wurden die Arbeiten im Frühjahr 1940 kurzfristig wieder aufgenommen, aber „bereits im August oder September 1940 war Schluss“, sagt Werner Schwarz. Das Argument: „Der Autobahnbau galt laut Generalmajor Rüdt von Collenberg als ‚unnötig und bedeutungslos für die Kriegsführung‘.“

Von dem großen Pathos, mit dem der Bau der Autobahnen zunächst vorangetrieben worden war, wollte niemand mehr etwas wissen. Übrig blieben Ruinen wie am Siegbach bei Siegenburg. Von Frühjahr bis Herbst liegen sie verborgen hinter dichtem Laub und vor neugierigen Blicken geschützt. Nur wenige Meter von dieser ersten, alten Brücke entfernt, brausen täglich Tausende Fahrzeuge über eine neue Brücke der A93.
Die Brücke steht in einem Waldstück. Sie ist aus Beton gegossen und mit Naturstein verkleidet. Das alte Bauwerk steht in einem sumpfigen Gelände.. Der Siegbach fließt unter dem Bauwerk durch. Aber es gibt keine Rampen, die auf die Brücke oder von ihr herunter führen. Auch deshalb ist diese Brücke eine „Geisterbahn“, es ist noch nie ein Auto auf ihr unterwegs gewesen. Für die Autobahn fehlt lediglich der Erdbau.
Vermutlich hätte es nur noch ein, zwei Jahre gedauert, bis die Brücke als Teil der Strecke 89 in Betrieb gegangen wäre. „Von Wolnzach bis Mainburg war die RAB 89 fertig, aber nicht angeschlossen“, sagt Werner Schwarz. Jetzt aber standen mit der Baueinstellung etliche Bauwerke ohne Funktion mitten in der Landschaft. Etliche wurden später abgerisssen. Manche überdauerten. Eine Brücke nahe Elsendorf fiel Schwarz schon als junger Mann auf. Ein Freund wusste von weiteren Hinterlassenschaften. Das Interesse des späteren Zahnarztes am Autobahnbau war geweckt.

Der Sumpf rund um die Siegbachbrücke beschäftigte auch Werner Schwarz. Eine Autobahn im Sumpf? Haben sich da die Planer im „Dritten Reich“ verkalkuliert? Werner Schwarz winkt ab. „Das war nicht so aussichtslos“, meint er. Man habe auch an eine Drainage gedacht und Spundwände gesetzt. Tatsächlich steht die aktuelle Brücke im selben Gelände wie das Projekt aus den Dreißiger Jahren, aber eben auf einer neuen Trasse östlich der alten, die mit dem Weiterbau ab 1979 die Autobahntrasse entstanden ist. Zumindest theoretisch hätte man also auch das alten Brückenbauprojekt weiter verwenden können.
Mitten im Biotop
Werner Schwarz erklärt: „Für das Abweichen von der Vorkriegstrasse waren Gründe des Natur- und Umweltschutzes maßgebend. Im Siegbachtal hatte sich auf der Vorkriegstrasse ein wertvolles Biotop entwickelt, das erhalten werden musste.“ Die Neutrassierung schone den Kernbereich des Biotops im Siegbachtal, vergrößere den Abstand zur Bebauung auf circa 350 Meter und erhöhe durch eine stetigere Linienführung die Verkehrssicherheit.
Fertig wurde die Strecke 89 als A93 Jahrzehnte später. In den 80er Jahren wurde der Abschnitt von Elsendorf nach Regensburg gebaut. Die Fertigstellung war 1986.