Bunker bei Abensberg erzählt von der Angst eines Hitlerjungen

Hakenkreuzfahne, Funkgerät, Fahrrad, Tisch, Bett – all das gab ein Bunker bei Abensberg preis, als er Mitte der 1990er-Jahre entdeckt wurde. Auch 80 Jahre nach Kriegsende ist er zugänglich. Bemerkenswerte Funde ringsherum lassen eintauchen in die Schicksale von Soldaten, auch eines US-Militärs.
Es dürften die letzten Kriegstage gewesen sein. Der Hitlerjunge nahm reißaus, vermutlich aus Angst. Das jedenfalls schließen Markus Steinsdorfer und Wiko Galle, zwei Sondengänger aus dem Landkreis Kelheim, aus ihrem Fund bei Abensberg.
„Ich habe ein Abzeichen der Hitlerjugend in der Erde entdeckt“, sagt Steinsdorfer. Auch ein anderes Utensil deutet darauf hin, dass sich der junge Soldat seiner Sachen entledigte, um den Posten hinter sich zu lassen. Er wollte dem sinnlosen Töten entfliehen.
Hinter dornigem Gestrüpp verbirgt sich, wo der Hitlerjunge, mutmaßlich kaum 16- oder 17-jährig, seinen Dienst versah: ein Bunker. Die Wehrmacht hatte ihn zur Luftüberwachung betoniert. „Drei mal zwei Meter und gut zwei Meter hoch“, schätzen Steinsdorfer (48) aus Abensberg und Galle (38) aus Kelheim die Raummaße. Unter Erdniveau war der Schutzraum angelegt. „Der Bau dürfte selbst mit einem Zehn-Mann-Trupp einen Monat gedauert haben“, so die beiden.
Heute ein Treffpunkt für Partys
Wie viele Soldaten mit arbeiteten und wann der Bunker entstand, ist nicht bekannt. Der steinerne Zeuge klafft immer noch in der Hügelkuppe. Vor der einzigen Luke zum Schutzraum liegt ein massiver Eisenverschluss, der das Fenster bei einem Angriff schützte. „Auch die Tür hatte einen Eisenverschlag.“
Vor Jahren war sie noch angebracht – heute dient sie als Rampe hinunter zum unter Erdniveau liegenden Bunker. Der Raum ist leer, an den Wänden finden sich moderne Graffitis. „Er ist wohl auch ein Treffpunkt für junge Leute“, vermuten die beiden „Schatzsucher“.
Am Kriegsende zugeschüttet – samt allem Interieur
Nach dem Zweiten Weltkrieg schien der Bunker niemanden zu interessieren. „Die Menschen hatten andere Sorgen, als sich hier herum zu treiben.“ Sehr wahrscheinlich wurde er zugeschüttet, um ihn dem Zugriff der US-Army zu entziehen. Wortwörtlich wuchs Gras über die Sache.
Ehe Mitte der 1990er-Jahre drei Abensberger Buben im Alter von 12 bis 15 Jahren beim Spielen ein paar Stufen entdeckten, die in der Erde endeten. Sie selbst, so berichtet Steinsdorfer, hätten zu graben begonnen – und stießen auf den steinernen Zeitzeugen. „Es war für sie sicher spannend, was sie da freigelegt hatten.“
50 Reichsmark Strafe bei Missachtung eines Fliegeralarms
Und als wäre die Zeit kaum vorgerückt, standen im Raum ein Funkgerät der Wehrmacht, Tisch, Bett, Fahrrad und die Fahne. „Man muss sich das vorstellen: Da hockte ein Soldat im Bunker, um auszuspähen, ob sich Luftangriffe der US-Army, die in unserer Region vordrangen, näherten.“
Per Funk wurde die Feinderkennung weiter gegeben. Wer sich trotz Fliegeralarms auf der Straße aufhielt, dem drohten 50 Reichsmark Strafe, ist einer Anordnung des damaligen Abensberger Bürgermeisters zu entnehmen.
Ein Fernglas der Wehrmacht von den Spähern
Vor 15 Jahren war Steinsdorfer mit seinem Metalldetektor unterwegs und stieß auf das erwähnte HJ-Abzeichen. Und machte fortan weitere Funde – etwa ein Dienstfernglas der Wehrmacht. Nur wenige Meter vom Bunker entfernt zog er es aus dem Boden. Von Schmutz und Erde befreit sieht es aus wie fast neu. „Und man kann noch durchgucken.“
Ergiebig sind für ihn und Galle sogenannte Mülllöcher. „Dort haben die Soldaten reingeworfen, was sie nicht mehr brauchen konnten.“ Zahnbürsten, Rasierpinsel oder Blechdosen von der Verpflegung fanden die beiden Sondengänger schon – alles mindestens 80 Jahre alt. „Vieles liegt unentdeckt in der Erde. Es fängt niemand aus Jux und Tollerei an zu graben, wenn er spazieren geht.“ Die Sondengänger wiederum sehen genau darin ihre Aufgabe und Leidenschaft.
Eine Frau erhellte als Flak-Helferin die Nacht
Die Spurensuche führt sie auch an andere Orte, so zur früheren Stellung einer Flak (Flugabwehrkanone) in einem Wald bei Abensberg-Gaden. „In der Nähe zur Donau gab es viele derartige Stellungen, um das Übersetzen des US-Militärs zu stoppen.“ Auf das Zielfernrohr einer Flak 8,8 stießen Galle und Steinsdorfer. Und eine Gürtelschnalle des Reichsarbeitsdienstes. Auch eine Hohner-Mundharmonika fanden sie, der sich sogar noch ein paar Töne entlocken lassen.
Bei zwei Funden schimmern Einzelschicksale durch. Eine Erkennungsmarke des Reichsarbeitsdienstes, die ein Bekannter der beiden ausgrub, verrät mit einem eingravierten „W“, dass die Trägerin weiblich war. Die folgenden Buchstaben und Zahlen geben weiteren Aufschluss: „Sie war zur Bedienung von Flak-Scheinwerfern eingesetzt.“ Diese erhellten die Nacht, um die feindlichen Flieger erkennen zu können. Ob die Frau ihre Marke verlor, sie wegwarf oder im Kampf fiel, bleibt ungeklärt.
Sollte der Ring dem US-Soldaten Tapferkeit verleihen?
Auch warum ein schwerer Fingerring aus Zink im Wald bei Gaden lag, wird sich nicht enträtseln lassen. Auffällig ist der stilisierte Indianerkopf am Schmuckstück, der einen auch acht Jahrzehnte nach Kriegsende stolz anblickt. „Der Ring gehörte definitiv einem US-Soldaten“, schlussfolgern Steinsdorfer und Galle. War es ein Talisman für Tapferkeit?
Bei Welschenbach (Vogelpark) lauerte in der Erde ein weiteres Rätsel: ein Fernrohr – der Kriegsmarine. „Es gab dort eine Tankstelle für Militärfahrzeuge. Vielleicht wurde eine Einheit verlegt und die Kriegsmarine kam hier durch.“
Keine Kriegsverherrlicher: „Wir bergen Geschichte als Mahnung“
In der Szene der „Schatzsucher“ stoßen solche Funde auf große Beachtung. Von anderen dagegen müssen sich die Sondengänger als „Kriegsverherrlicher“ titulieren lassen. „Das trifft auf uns ganz bestimmt nicht zu. Wir heben Geschichte aus dem Boden – auch als Mahnung an die Gräuel“, sagen Steinsdorfer und Galle.
Auch den Bunker zählen sie dazu. „Allein die Vorstellung von der Angst des Hitlerjungen sollte jedem die Sinnlosigkeit eines Krieges vor Augen führen.“




