Die Unterwelt von Traitsching: Kaum einer ahnt, was sich hinter der Bodentür versteckt

Von Christoph Klöckner · 22. April 2025 um 19:00

Eine unscheinbare, quadratische Bodentüre gegenüber dem Rathaus in Traitsching (Landkreis Cham) birgt ein Geheimnis, das viele hier nicht kennen – dahinter geht es tief hinab in den Untergrund. Zwei Stockwerke in Beton sind hier verbaut – doch eben nicht nach oben, sondern in die Erde. Womöglich ein Bunker? Oder ein geheimes Versteck? Weit gefehlt, aber dennoch spannend.

Denn solche begehbaren Häuser unter der Erde – das hier ist vor etwa 40 Jahren entstanden – sind doch eher selten. Über Eisengittertreppen geht es mehrere Meter tief – im ersten Erdgeschoss ist eine Instrumententafel, die das wiedergibt, was eins tiefer vor sich geht. Es ist eines der Kontrollzentren des in der Erde versteckten Abwassernetzes in der Gemeinde Traitsching, das mehr ist als ein paar Rohre und Pumpen, die in der Kläranlage enden.

Über Berg und Tal

Die Problematik erklärt Bürgermeister Josef Marchl mit einer Binsenweiheit: „Wasser fließt nicht bergauf.“ Wäre das so, hätte sich die Gemeinde einiges an Bauwerken und Euros sparen können. Doch in der Buckelwelt des Bayerwaldes ist eher das Gegenteil der Fall. Wie der ewige Zufluss in den Abwasserrohren nie versiegt, so muss immer wieder in die Anlage investiert werden, um alles funktionstüchtig zu halten.

„Die Pumpen und Systeme sind in Dauerbetrieb“, sagt Ludwig Heitzer, der im Nebenberuf sozusagen der Ersthelfer des Netzbetriebs ist. Funktioniert irgendwo im System etwas nicht, fällt eine Pumpe aus oder verstopft ein Überbleibsel aus der Toilette die Vakuumanlage , schlägt sein Handy Alarm.

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Er macht sich dann auf den Weg, um den Fehler zu beseitigen. Denn wenn der Abwasserabfluss nicht funktioniert, wird das relativ schnell zum sichtbaren und riechbaren Problem über der Erde. Manchmal geht es auch darüber hinaus – so war vor einigen Jahrzehnten in der Gemeinde ein Fischsterben die Folge unsauberer Abwassersäuberung, wofür der damalige Bürgermeister und weitere Gemeindebedienstete zu Strafzahlungen verurteilt wurden.

Tief wie ein Springerbecken

Was da so zusammenkommt, kann man eine Bodentür weiter anschauen – hier sammeln sich die Fäkalien aus Traitsching und weiteren Ortsteilen, eine braune, teils dickflüssige Brühe mit dem Geruch, den man dazu gleich im Kopf hat. Das Auffangbecken sei so tief wie ein Springerbecken und reiche unter der Erde bis weit auf die andere Straßenseite. Die Masse wird von vier großen Pumpen, das Stück zu 10 000 Euro, auf die Reise Richtung Loifling geschickt. Dabei ist auch das, was das Vakuumsystem aus Siedling anliefert. Da dort das Gefälle zu gering sei, arbeite das Rohrsystem mit Unterdruck, erläutert Marchl. Jedes der 87 Häuser hat hier einen Extraschacht, um per Vakuumabsaugung die Abwässer zur Pumpstation beim Rathaus zu bringen. Über Rohrleitungen geht es bis zur nächsten Station bei Thal.

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Von hier aus geht es wieder mit Pumpkraft bergan bis auf Höhe der Ossersiedlung, um von dort im freien Lauf mit genug Gefälle bis zur Kläranlage Loifling zu laufen. Mit den Abwassergebühren der Bürger werden die Netze instand gehalten – aktuell kostet der Kubikmeter 3,63 Euro. Nimmt man die Bezugsmenge der Gemeinde pro Jahr an Frischwasser, ist das in etwa auch die Abwassermenge: 216 000 Kubikmeter sind das.

Viel Geld investiert

Viel Geld verschwinde damit dorthin, wo man es nicht sehe, sagt der Bürgermeister. Und dort, wo man etwas sieht, kommt keiner hin – etwa zu den Kläranlagen. In Loifling wird gerade mehr als halbe Million Euro verbaut, etwa für neue Kompressoren und deren Unterbringung. Toilette, Dusche, Spüle – überall gehen jeden Tag in der Gemeinde Traitsching tausende Liter Schmutzwasser auf den kilometerlangen Weg durch den Untergrund, um am Ende in der Kläranlage durch die fleißige Arbeit von Millionen von Bakterien seine braune Farbe und den Schmutz zu verlieren und als klares Wasser wieder im Bach landen. Um irgendwann in zehn oder zwanzig Jahren wieder aus dem Grundwasser als Trinkwasser an die Oberfläche zu kommen. Die Technik sei weit und bringe vieles aus dem Wasser, sagt Bürgermeister Josef Marchl – 100 Tonnen Klärschlamm bleiben pro Jahr, die abtransportiert und verbrannt werden.

Doch nicht alles wird herausgefiltert. Spuren von Medikamenten, Drogen, Hormonen, Viren oder auch Mikroplastik sind bislang nicht aufzuhalten. Wie das Wasser finden auch sie eines Tages den Weg zurück zum Wasserhahn.

Bürgermeister Marchl grüßt aus dem ersten Kellergeschoss.
Eine unscheinbare, quadratischen Stahltür führt in die Tiefe.
Ganz unten arbeiten vier Pumpen.
Originell, aber nicht einzigartig: das Vakuumsystem in Siedling
Ludwig Heitzer schaut, wenn‘s Alarm im Abwassersystem der Gemeinde gibt, die drei Klärnetze betreibt.
Was passiert wo mit dem Abwasser – hier in Loifling kommt auch an, wo es Alarm im Netz gibt.