Vollsperrung nervt die Geschäftswelt in Cham: „Wir haben auf, nur die Straße ist zu!“

Ein halbes Jahr lang Vollsperrung vor der Haustüre. Der Alptraum von Geschäftsleuten ist in der Waldschmidtstraße in Cham wahr geworden. Der Gockerlbrater, das Café Journal, das Ärztehaus und die Apotheke am Stadtpark – sie alle sind auf gewohntem Wege nicht mehr erreichbar. Das hat Folgen, mit denen jeder auf seine Weise fertig werden muss.
Die meist gestellte Frage in diesen Tagen: „Habt ihr noch offen!“ Die klare Antwort: Ja!
Hart getroffen hat es gleich zu Beginn das Café Journal. Am ersten Samstag nach der Vollsperrung war nur etwa ein Fünftel der Stammgäste zum Frühstück gekommen. „Jetzt haben wir gerade mal Corona verdaut – und nun das“, sagt Bedienung Anita Seidl. Seit 13 Jahren steht sie dort hinter dem Tresen und kennt viele Stammgäste beim Vornamen.
„Da trifft dich der Schlag“
Ihre Chefin Marina Kuschtscha sieht hat noch ein weiteres Problem: Die Stadt hat zwar das Ärztehaus und die Apotheke in der Nachbarschaft ausgeschildert, das Café Journal aber nicht. „Die Leute haben immer vor der Haustüre parken können, oder gleich in der Nachbarschaft. Jetzt muss man von hinten über die Umleitung fahren. Das wissen viele nicht“, sagt Kuschtscha. Das Ordnungsamt der Stadt hat nun signalisiert, dass die Café-Betreiberin selber ausschildern darf, in Absprache mit der Stadt.
Doch damit enden die Probleme nicht, sagt Bedienung Anita Seidl. Denn am Anfang war der Gastraum tatsächlich fast leer. Eine Woche später sind fünf Tische belegt. Vier Damen karteln. „Heute geht es einigermaßen“, sagt Seidl. Am Morgen waren dann die Stadtwerke da und wollten das Wasser absperren. „Da trifft dich schon der Schlag. Ein Café ohne Wasser. Wie soll ich das den Leuten erklären, dass es im Café keinen Kaffee mehr gib?“, sagt Seidl. Aber sie lobt gleichzeitig den Kompromiss: „Wir machen um 18 Uhr zu und das Wasser ist um 17.30 Uhr weg. Das kriegen wir hin.“
Gockerlbrater ziehen um
Was noch schwieriger wird: Der Außensitz des Journal wird jetzt schon zugestaubt. Dabei ist die Baustelle noch weit oben an der Krankenhauskreuzung. „Bis es richtig warm wird, sind die genau vor der Haustüre… Das müssen wir wohl irgendwie überstehen“, sagt Seidl.
Auch die Gockerlbrater der Firma Ilgner müssen umziehen. Dort, wo es am Mittwoch immer nach frisch gebratenen Hähnchen duftet, ist am Parkplatz der ehemaligen Gärtnerei das Baumaterial-Lager eingezogen. Am ersten Mittwoch stand der Wagen noch dort. Die beiden Hähnchenbrater erinnern sich daran mit Schrecken: „Da war auf einen Schlag nichts mehr los. Die Leute haben wirklich gedacht, wir sind weg. Das war nicht einmal mehr ein Fünftel vom Umsatz.“
Der Hähnchenwagen steht nun hinter dem Sperrschild bei der Abzweigung der Ludwigstraße Richtung Bahnhof. Das hat verschiedene Folgen. Die beiden Herren an den Bratspießen haben ganz neue Gesichter kennengelernt. „Da sind Leute gekommen, die haben uns wohl im Vorbeifahren hier stehen sehen. Die kannten wir nicht.“ Trotzdem fehlt noch immer viel Stammkundschaft. „Die Leute gehen wohl davon aus, dass an unserem alten Standort nichts mehr geht und suchen uns nicht mehr“, sagen die beiden. Das macht sie ein wenig traurig: „Wir haben diesen Standort acht Jahre lang aufgebaut. Es gab richtig gute Tage, da haben wir 200 Hähnchen hier gebraten. Da sind wir jetzt weit davon entfernt.“ Doch sie geben die Hoffnung nicht auf: „Es spricht sich hoffentlich rum!“
„Habt ihr wirklich offen?“
Trotzdem werden die beiden Hähnchenbrater noch beneidet – zwar mit einem Augenzwinkern – aber aus der direkten Nachbarschaft: Die haben wenigstens Räder und können weg“, sagt Apotheker Alexander Pöschl. Er betreibt die Apotheke am Stadtpark und hat derzeit große Einbußen. Zwar sind die Patienten der Ärztegemeinschaft im Nachbarhaus noch immer gute Kunden, aber die Parkplätze vor der Haustüre sind durch die Vollsperrung weg. „Da haben viele im Vorbeifahren die Medikamente geholt. Das spüren wir schon“, sagt Pöschl.
Der Apotheker erzählt, dass es beim Sonntagsdienst etliche Anrufe gegeben hat: „Habt ihr wirklich offen?“ Doch auch Pöschl hat eine Alternative in der Hinterhand. Er kann auf eine Mischkalkulation hoffen, weil er eine weitere Apotheke in Janahof hat und aktuell gerade eine dritte im neuen Sanitätshaus Marchl auf der Stadellohe eröffnet. „Ich hoffe, dass sich dadurch das Problem etwas verteilt“, sagt er.
Die Waldschmidtstraße: Ein Mammut-Projekt
Für die Stadt Cham ist die Waldschmidtstraße ein weiteres Mammutprojekt. Ihre Sanierung wird sich bis in den Oktober hinziehen“, sagt der verantwortliche Tiefbauer im Rathaus, Josef Ried. Saniert wird nicht nur die Fahrbahn. Auch der Mischwasserkanal wird mit höherem Fassungsvermögen neu verlegt. Hausanschlüsse für Trinkwasser müssen erneuert werden, die Stadtwerke ziehen Leerrohre ein und die Straßenbeleuchtung wird erneuert. Und das ist erst Teil 1. Über die Krankenhaus-Kreuzung hinweg geht es anschließend in den großen Ferien den Schulberg hinauf in Richtung Bürgermeister-Vogel-Straße.

