Zwei Mittelalter-Fans eröffnen ein Kaufhaus in Neunburg: Was fasziniert sie an dieser Epoche?

Von David Santl · 22. April 2025 um 05:00

Ritter und Burgfräulein aufgepasst: In Neunburg vorm Wald (Landkreis Schwandorf) gibt es ein neues Kaufhaus samt Online-Shop. Dahinter stecken die Brüder Alexander und Jonathan Binder. So kam es zu ihrer Leidenschaft fürs Mittelalter.

Vorsichtig nehmen Jonathan und Alexander Binder zwei Schwerter aus dem Gestell hinterm Tresen. Sie gehen auf Abstand zueinander und schauen sich tief in die Augen. Dann macht Alexander (25) mit dem Schwert voraus einen schnellen Schritt nach vorne. Jonathan (22) geht mit seinem Schwert direkt in Verteidigungshaltung.

Mehr als harmlose Trockenübungen wagen die beiden Brüder in ihrem Laden in der Hauptstraße in Neunburg aber nicht. Es soll ja nicht schon etwas kaputt sein, bevor ihr neues „Kaufhaus des Mittelalters“ komplett in Betrieb gegangen ist.

Zwar ist das Kaufhaus schon seit gut fünf Wochen geöffnet und verleiht der mittelalterlichen Neunburger Innenstadt seitdem noch mehr authentisches Flair – ein wesentlicher Teil fehlt aber noch. Selbst in der Zeit der fahrenden Händler und der Herolde haben neumodische Erfindungen, wie Internet und soziale Medien nämlich Einzug gehalten. „Unser Fokus liegt auf einem Online-Shop. Der ist aber noch in Arbeit. So richtig loslegen werden wir also erst im Mai“, sagen Alexander und Jonathan Binder.

Denn auch wenn dank der historischen Bauten fast permanent ein Hauch Mittelalter durch Neunburgs enge Gassen weht – „für einen rein stationären Laden hätten wir hier dann doch zu wenig Kundschaft“, sind sich die Binders einig.

Die Binders sind ein „klassisches Neunburger Phänomen“

Die Brüder bezeichnen sich selbst übrigens als „klassisches Neunburger Phänomen.“ Den Hussenkrieg-Festspielen sei Dank, wurde ihnen die Faszination fürs Mittelalter quasi in die Wiege gelegt. „Wir waren schon als Kinder bei den Festspielen immer mit dabei. Unsere ganze Familie ist irgendwie involviert.“ Ihre Eltern Jessica Binder und Matthias Eckel-Binder sitzen ebenfalls im Laden – und nicken zustimmend: „Die konnten gar nicht aus.“

Und selbst in Sachen Liebe haben die Beiden jemanden gefunden, der die Leidenschaft mit ihnen teilt: Ihre Partner Jessica Meister und Alexander Pogoda sind ebenfalls so große Mittelalter-Fans, dass sie im Laden mithelfen. Die Familien-Tradition der Binders setzt sich aber nicht nur beim Faible fürs Mittelalter fort, sondern auch bei der Ladenfläche in der Hauptstraße. „Unser Ur-Ur-Opa hatte hier schon einen Kolonialwarenhandel“, erzählen Jonathan und Alexander Binder. Bis 2008 führte ihre Oma an gleicher Stelle einen Spielzeugladen. Nun sind also die Enkel dran.

Die Beiden wollen in ihrem Geschäft alles anbieten, was es braucht, um im Mittelalter zurechtzukommen: Ritter-Rüstungen, Wein, Met, das originale Neunburger Hussiten-Blut und natürlich Klamotten. Die Kunden können sogar auswählen, ob sie lieber Kleidung aus dem frühen oder aus dem späten Mittelalter kaufen wollen.

Was ist hier eigentlich der Unterschied? „Im frühen Mittelalter trugen die Leute noch Tunika. In der späteren Phase war die Kleidung sehr figurbetont und es gab auch Knöpfe, Bänder und Hosen“, erklären Jonathan und Alexander Binder, die in ihrem „Kaufhaus des Mittelalters“ sehr viel Wert auf Originaltreue und Authentizität legen wollen, zum Beispiel beim Zuschnitt der Klamotten.

Trotzdem soll ihr Geschäft nicht nur den Mittelalter-Profis offenstehen. Es gebe auch einige Leute, die keinen Anspruch auf historische Korrektheit haben. „Die wollen einfach günstige mittelalterliche Kleidung, die sie hübsch finden und mit der sie auf den Mittelaltermarkt gehen können. Für sie haben wir hier auch Angebote“, sagen die Binders.

Mittelalter mögen alle

Denn die Faszination, so wissen die Brüder, kann jeden anstecken. „Bei Lagern oder Märkten kommen alle zusammen, unabhängig von Alter oder Geschlecht.“ Dass das Interesse am Mittelalter so groß ist, liegt aus ihrer Sicht daran, dass es sich um längst vergangene Zeiten handelt. „Es werden dann oft positive Dinge darauf projiziert.“ Und gerade im Landkreis Schwandorf sei die Mittelalterszene dank zahlreicher Feste und Märkte ohnehin sehr groß.

Aber jetzt einmal Hand aufs Herz: Würden Alexander und Jonathan Binder ihre Jobs als Mechatroniker und Informatiker aufgeben, um per Zeitmaschine ins Mittelalter zu reisen? Ihre Antwort kommt überraschend. „Lieber nicht. Die Zeit war bestimmt nicht schlecht, aber gewisse Annehmlichkeiten aus der heutigen Zeit würden uns dann doch fehlen.“

Bei der Kleidung legen die Brüder viel Wert auf Authentizität.
Mittelalter-Fans von klein auf