Georgierin floh vier Mal in ihrem Leben vor Krieg - In Regensburg startete Lali Gadelia wieder bei Null

Von Marius Göhl · 21. April 2025 um 05:00

Lali Gadelias Stimme ist gebrechlich. Leise spricht die Georgierin über ihr Leben. Ihre Hände zittern. Die Kriege und die immer wiederkehrende Flucht sind nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Und dennoch kann die 67-Jährige lachen, sich freuen und dankbar sein. Auch wenn das bei ihrer Lebensgeschichte nahezu unvorstellbar ist.

Gadelia hat schwarze Haare, sie ist in schwarz gekleidet. Nicht düster, eher stylisch. Ein buntes Tuch komplettiert ihren Look. Am linken Ringfinger zwei Ringe, um den Hals eine Kette mit einem Kreuz. Sie sieht aus, wie eine nette Oma, die man in den Arm nehmen möchte und die viel zu erzählen hat. Und das hat sie.

Es ist der 24. Februar 2022, an dem Lali Gadelia zusammen mit ihrem Mann Tengizi, ihrem Sohn Makhazi und einem Freund das vorerst letzte Mal zwei Taschen packt, in ihr Auto steigt und losfährt. Wohin ist nicht klar. Hauptsache weg. In der zweiten Unterrichtsstunde erfährt die Lehrerin von Kolleginnen, dass Russland die Ukraine überfallen hat.

Bei Angriffskrieg von Russland lebt sie in Kiew

Fünf Tage Flucht liegen vor ihr. „Man überlegt natürlich, wohin man flieht“, sagt sie (Zitate durch Dolmetscherin übersetzt). Gadelia weint. Ihre lange Suche nach Heimat führt sie 2022 nach Regensburg. Sie hat einen Bekannten hier. Aber noch viel wichtiger für die Georgierin: Hier kann sie in Frieden leben. Ein Wunsch, der für sie viel zu selten in Erfüllung gegangen ist.

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1992 spürt die heute 67-Jährige zum ersten Mal Angst vor Krieg. „Ich war mit meinem Mann und meinem Sohn im Urlaub in Gagra“, sagt Lali gefasst. Gagra liegt in Westgeorgien, direkt am Schwarzen Meer. Es ist eine beliebte Urlaubsregion. Dann ändert sich alles. Russland besetzt das Gebiet. Es herrscht Krieg. Die Grenzen sind zu. Mit einem ukrainischen Schiff kann Lali mit ihrer Familie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Poti fliehen, einer kleinen Hafenstadt außerhalb des besetzten Gebiets.

Menschenmassen sind geflohen. Jeder hatte ein Handtuch dabei, auf das er sich auf dem Schiff legen konnte. Es gab keinen Strom. Es war alles dunkel, damit die Russen das Schiff nicht erkannten.

Lali Gadelia

Rund 300 000 Menschen sind damals aus der besetzten georgischen Region Abchasien geflohen. Für viele von ihnen geht es nach Russland. Aus westlicher Sicht konfus. Aber für die Menschen vor Ort ist gerade Moskau noch ein zentraler Anker in einem zusammenbrechenden Sowjet-System.

Ein weiterer Faktor sei laut Gadelia die Sprache gewesen. In Georgien war russisch die zweite Muttersprache. Außerdem vergesse man viel zu schnell, dass beide Länder Nachbarn sind. „Wir Georgier sind mit Russen befreundet. Wir verstehen uns – auch hier in Deutschland“, sagt die 67-Jährige. Es werde viel zu oft alles auf die politischen Beziehungen reduziert.

Russland war unsere Schutzmacht. Moskau war wichtig. Nicht nur in Georgien ist alles zusammengebrochen. Wir hatten kein Strom, es wurden keine Löhne gezahlt. Viele der Sowjet-Staaten hatten keine Perspektive.

Lali Gadelia

In Moskau arbeitet die 67-Jährige als Lehrerin. Gadelia hat in Sochumi, der Hauptstadt von Abchasien, Biologie und Geographie studiert. 1979 hat sie ihren Abschluss gemacht, mit dem roten Diplom. Eine Auszeichung aus der Sowjet-Zeit für besonders gute Abschlüsse.

Das rote Diplom von Gadelia - Foto: Marius Göhl
1979 war die Welt noch in Ordnung.

Lali Gadelia

Gadelia arbeitet neben ihrem regulären Job auch noch in einer „Sonntagsschule“, ein Begriff für Schulen, die Muttersprachen aus anderen Ländern fördern. Während die Schüler fünf Tage den staatlichen Unterricht besuchten, wurde am Sonntag in der Schule, in der Gadelia engagiert war, georgisch gelernt.

Ein neuer Anfang in Luhansk

Nach zwei Jahren verlassen Gadelia und ihre Familie Russland und ziehen nach Luhansk in die Ost-Ukraine. Dort fassen sie Fuß. Die 67-Jährige arbeitet wieder als Lehrerin – an einem „Lyzeum“, dem sowjetischen Pendant zum Gymnasium. In Luhansk sprechen alle russisch. Allerdings seien laut Gadelia mindestens 500 Familien aus Georgien nach Luhansk geflohen, weshalb sie und ihr Mann Tengizi ihre Wurzeln nicht in Vergessenheit geraten lassen wollen und eine georgische Sonntagsschule in der Ukraine gründen.

„Im ersten Jahr hatten wir 26 Schüler. Im zweiten Jahr schon mehr als 100. Die Schule ist sehr gut angekommen“, sagt Gadelia. Tengizi und Lali bringen den Kindern georgische Sprache, Geschichte und Geographie bei. Nicht nur bei den Schülern kommt die Schule sehr gut an. Der Bürgermeister von Luhansk überreicht Gadelia 2007 ein Abzeichen für ihre Schule für die „Kulturförderung internationaler Beziehungen“.

Gadelia ist auf ihre Auszeichnungen stolz: Deutsch-Sprachniveau B1, sowjetische und ukrainische Auszeichnung für ihre Sonntagsschulen, ihr Studienabschluss in Rot und viele mehr. - Foto: Marius Göhl

Ein Jahr später reist Gadelia mit ihrem Sohn Makhazi in die Heimat. Vom Kaukasuskrieg ahnt niemand etwas. Doch dieser bricht genau aus, als Gadelia und ihr Sohn ihre Heimat begutachten wollen, um zu sehen, ob sie wieder nach Hause kommen können. „Die Grenzen waren wieder zu. Flüge gingen nicht. Wir sind dann über die Türkei geflohen und haben uns dazu entschieden, in der Ukraine zu bleiben“, sagt Gadelia.

Zurück in Luhansk arbeitet die 67-Jährige weiter als Lehrerin und in der Sonntagsschule. Dafür sammelt sie weitere Auszeichnungen. Einmal sogar von Wladimir Klitschko. 2012 wird sie zu einem Ministertreffen aller georgischen Sonntagsschulen eingeladen. Luhansk, ein Ort, an dem sich die Familie ein neues Leben aufgebaut hat. „Die Ukraine ist meine zweite Heimat“, sagt sie.

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Die Tränen rollen über ihre Wangen, als Gadelia vom Jahr 2014 erzählt. Die Russen besetzen den Donbass, darunter auch Luhansk. Die Familie verliert erneut alles, was sie sich über die Jahre aufgebaut haben. Eine Wohnung, ein Ferienhaus, Jobs, Freunde. Gadelia flieht mit ihrer Familie nach Kiew.

In Kiew findet sie nach sechs Wochen Arbeit. Nach einem Jahr fängt sie in einer georgischen Sonntagsschule an. Sie wird „Oberlehrerin“, ähnlich wie eine Schulleiterin in Deutschland und ist sehr erfolgreich. In Kiew wird nicht mehr russisch, sondern ukrainisch gesprochen. Also lernt sie ukrainisch. „Ich liebe die Ukraine, die Menschen“, sagt Gadelia, als sie auf ihre Zeit in Luhansk und Kiew zurückblickt.

Ich habe nur noch die Auszeichnungen aus den Bilderrahmen genommen, damit ich irgendetwas habe. Ansonsten habe ich nichts. Wenn ich zurückschaue, kann ich nichts anfassen. Das macht mich traurig.

Lali Gadelia

Nachdem sich die Familie zum dritten Mal ein neues Leben aufgebaut hat, folgt der Angriffskrieg durch Russland 2022. Für Gadelia bricht erneut eine Welt zusammen. In Deutschland findet sie aber eine neue Heimat. „Ich bin nicht verbittert. Man muss vorausschauen und weitermachen“, sagt Gadelia. Die 67-Jährige hat schnell deutsch gelernt. Auf ihr B1-Sprachzertifikat ist sie besonders stolz.

Gadelia arbeitet in einer Grundschule in der Nachmittagsbetreuung. Außerdem ist sie in der georgischen Sonntagsschule aktiv. Ihr großer Wunsch ist es, falls sie in Deutschland bleiben darf, eine ukrainische Sonntagsschule zu eröffnen. „Ich will etwas an dieses Land zurückgeben. Das ist meine Pflicht", sagt Gadelia.