Ein Hakenkreuz in der Wahlenstraße: Die Regensburger Juden leben in Angst

Antisemitische Attacken nehmen auch in Regensburg weiter zu, sagt ein Vertreter der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus. Bei der Eröffnung einer Ausstellung sprach die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von mangelnder Zivilcourage.
Antisemitismus ist allgegenwärtig – bis heute, auch in Regensburg. Wer Zweifel daran hat, sollte sich eine Ausstellung im Gewerkschaftshaus im Paradiesgarten ansehen. Am Dienstagabend wurde die Ausstellung, die antisemitische Vorfälle thematisiert, eröffnet. Dabei wurde deutlich: Auch in Regensburg nimmt die Zahl der antisemtischen Übergriffe zu. Die Ausstellung wurde zusammengestellt von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS).
„Antisemitismus, Judenfeindschaft, nimmt erschreckend zu“, sagte die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Regensburg, Ilse Danziger. „Es sind nicht mehr nur verbale Beleidigung oder dummes Gewäsch von Verschwörungstheoretikern.“ Die Attacken hätten eine andere Qualität. Auch körperliche Angriffe gebe es. Danziger zitierte allerdings ein Beispiel eines jüdischen Studenten der Freien Universität Berlin, der von einem pro-palästinensischen Kommilitonen krankenhausreif geschlagen wurde. Als der Zentralrat der Juden die Exmatrikulation des Studenten verlangte, lehnte die Kultursenatorin das ab.
„Was ist da nur los ...?“
„Was ist nur mit der Zivilgesellschaft los?“, fragte sich – nicht nur – Danziger. „Zu viele sehen weg, zu viele schweigen – sei es aus Angst, Desinteresse oder Gleichgültigkeit.“ Danzigers Fazit: „Der schon immer dagewesene Antisemitismus wird immer gesellschaftsfähiger.“ Hinzu komme „ als neuer Antisemitismus die als nur angeblich an Israel erhobene Kritik“.
Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer machte deutlich, dass das nicht geht. Die SPD-Politikerin ging offen auf die vielen Schmierereien ein, die derzeit überall in Regensburg zu finden sind. „Die Verbreitung antisemitischer Parolen, die sich aktuell in Hassbotschaften gegen Israel mit Bezug auf die Situation im Gaza-Streifen richten, und die systematische Diffamierung jüdischer Menschen, zum Beispiel in judenfeindlichen Schmierereien, sind nicht nur Angriffe gegen einzelne Individuen, sondern auch ein Angriff auf unsere gesamte demokratische und offene Gesellschaft“, sagte die SPD-Politikerin. „es ist entscheidend, dass wir uns diesen Tendenzen entschlossen entgegenstellen.“ Ein jeder trage die Verantwortung, „ Verantwortung, aktiv gegen jede Form von Diskriminierung, Herabsetzung und Hass vorzugehen“.
Die Ausstellung im Gewerkschaftshaus ist auch deshalb wichtig, weil sie zeigt, dass politisch linke Organisationen keineswegs einstimmen in ein Israel-Bashing, das allzu oft in Antisemitismus abgleitet. Der DGB distanziert sich eindeutig von solchen Tendenzen. Das ist nicht überall so in Regensburg. Der Anfang der Woche vorgestellte bayerische Verfassungsschutzbericht erwähnt explizit die antisemitischen Tendenzen der Gruppe „Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend“, die sich beispielsweise immer wieder im Jugendzentrum in der Guerickestraße trifft. „Die SDAJ hat sich nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 eindeutig auf Seiten der Palästinenser positioniert und wirft Israel einen Genozid an diesen vor“, heißt es im Verfassungsschutzbericht. „Darüber hinaus wird die solidarische Haltung der Bundesregierung gegenüber Israel angeprangert und stattdessen die Unterstützung der Palästinenser verlangt“, heißt es. Zu einer Eskalation zwischen Organisatoren der Demo gegen Rechts und der Gruppe kam es im Februar. Die Gruppe war mit Pro-Palästina-Symbolen zur Demo gekommen, die sich vorwiegend gegen die AfD und eine gemeinsame Abstimmung mit der Union im Bundestag richten sollte. Dabei hätten Ordner die Gruppe dazu gedrängt, „unsere Palästina Fahne abzulegen und Kufiya Tücher abzunehmen. Dabei wurden wir auch körperlich angegangen“, so die Behauptung der Gruppe.
Staat Israel delegitimiert
Tobias Eisch von RIAS sagte, Regensburg verfüge über eine starke Zivilgesellschaft. Doch die Opfer von Antisemitismus würden im Alltag konfrontiert: „Auf der Straße, in der Nachbarschaft, in der Schule oder auch am Arbeitsplatz.“ Zwar würden aktuelle Zahlen erst in zwei Wochen vorgestellt, doch „so viel vorweg: Die Vorfälle nehmen zu“. Das bestätigt auch sein RIAS-Kollege Felix Banandat. In dem Bericht wird der Anschlag auf Stolpersteine im Dezember 2024 ebenso thematisiert werden wie eine Schmiererei am Rosenpalais in der Ostengasse, auf dem das Existenzrecht Israels mit der Parole „From the River to the Sea, Palestine will be free“ in Frage gestellt wurde. Ebenso erschütternd: Ein Hakenkreuz in der Wahlenstraße an einer Haustüre – direkt über Stolpersteine, die an Regensburger Juden erinnern, die 1942 deportiert wurden.



