Initiative für Stolpersteine stößt auf Widerstände, aber auch auf Unterstützung junger Menschen

Von Christian Eckl · 13. April 2025 um 15:11

Man möchte es nicht glauben. Und doch: „Habt’s jetzt ihr nix besseres zu tun?“, rief eine Anwohnerin auf die Straße. Dort knieten Menschen am Boden und reinigten die Stolpersteine, die an jene Menschen erinnern, die erniedrigt und getötet wurden. All das endete vor 80 Jahren, als Deutschland uneingeschränkt kapitulierte und in den Trümmern des selbst begonnenen Krieges versank – doch offenbar glaubt nicht jeder, dass die Morde und Gräueltaten an Juden, an Sinti und Roma, Homosexuellen, angeblich Arbeitsscheuen und an vielen anderen Gruppen vergessen werden sollten.

„Als wir hochriefen, nein, wir hätten nichts besseres zu tun, zeigte uns die Frau den Scheibenwischer“, erzählt Susanne Feichtmayer-Arnold. Es war der 20. Dezember vergangenen Jahres. Es war der Tag, an dem Vertreter der Initiative zusammen mit dem Regensburger Restaurator Rudi Rappenecker die Sprayfarbe von den Steinen entfernten. Wenige Tage zuvor war es in Regensburg erstmals zu Vandalismus gekommen. In anderen Städten sieht das anders aus, wie SPD-Stadtrat Alexander Irmisch erzählt. „In Magdeburg wurden sogar Steine ausgegraben.“ Irmisch war zu Gast bei einer kleinen Feierlichkeit vergangene Woche in der Fachakademie für Ernährung und Versorgungsmanagement am Ziegelweg. Eingeladen hatten die Schüler, um sich für Führungen der Initiative zu den Stolpersteinen und in der Synagoge zu bedanken. Feichtmayer-Arnold war in der Zeit ihrer Berufstätigkeit selbst dort als Lehrerin tätig. Sprecherin Feichtmayer-Arnold ist zudem eine direkte Nachfahrin des letzten bayerischen Ministerpräsidenten in der Weimarer Republik, Heinrich Held, der 1938 in Regensburg starb und auch hier begraben ist.

„Antisemitischer Anschlag“

Elf Steine wurden vergangenes Jahr beschädigt, die meisten davon in der Von-der-Tann-Straße. Zehn davon erinnerten an jüdische Opfer, eines an ein Opfer der Aktion T4, also der Vernichtung von Menschen mit Behinderung. „Wir gehen davon aus, dass die Täter das nicht wussten, dass es sich nicht um ein jüdisches Opfer handelte“, sagt Feichtmayer-Arnold. Die Vermutung liege nahe, dass es sich um einen antisemitischen Anschlag auf die Gedenksteine handelte.

Restaurator Rappenecker erzählt, wie die Reinigung der Stolpersteine nach dem feigen Anschlag von statten ging: „Ich habe ein Sortiment an Lösungsmitteln zusammengestellt und wir hatten auch Putzschwämme und Stahlbürsten dabei.“ Erst, wenn klar ist, um welche Substanz es sich handelt, könne entschieden werden, welche Lösungsmittel man anwendet. Rappenecker hat Erfahrung mit Schmierereien. Auch an der Regensburger Neupfarrkirche war er schon zugange. Manche der Farben ließen sich überhaupt nicht mit Lösungsmitteln entfernen. „Da arbeiten wir mit Heißluft.“ Mit Nitroverdünnung konnte der Spraylack aus der Sprühdose schließlich entfernt werden.

Unter den Steinen in der Orleansstraße, die beschädigt wurden, fand sich eine Schmiererei. „Eine arabische Schrift war es nicht, das sah aus wie ein Hakenkreuz“, sagt Feichtmayer-Arnold. Sie war damals von der Kriminalpolizei informiert worden. Bis heute sind der oder die Täter der antisemitischen Schmierereien nicht gefunden worden.

Insgesamt 280 Einzelsteine sind bisher verlegt worden, die allermeisten in der Stadt Regensburg. Aber es gibt auch sogenannte Stolperschwellen. Etwa an der Synagoge selbst wird erinnert an die Deportierten, die aus einem jüdischen Altersheim in der Weißenburgstraße in den Tod geschickt wurden. Am Bezirksklinikum wird zudem an 600 Menschen erinnert, die im Zuge der T4-Tötungsaktionen etwa in der Anstalt Hartheim ermordet wurden. 80 Jahre nach Kriegsende sind die Gräuel der Deutschen nicht vergessen – Gott sei Dank, wie Feichtmayer-Arnold betont.

„Kann es nicht mehr hören“

„Dieses: Das ist doch alles schon so lange her, das kann ich nicht mehr hören“, sagt sie. Zahlreiche Stolpersteine erinnern auch an Opfer aus der Regensburger Bevölkerung, die zunächst nicht zu den Gruppen gehörten, die seit Beginn der Nazi-Diktatur 1933 verfolgt wurden. Mehrere Steine gedenken beispielsweise Opfern der letzten Kriegstage. Einer ist der Hilfsmesner von St. Emmeram, Johann Igl, der wegen eines Herzfehlers nicht an die Front musste, aber im Luftschutzbunker arbeiten musste. „Findet sich denn keiner, der Hitler beseitigt?“, soll er nach einem Luftangriff auf Regensburg im Februar 1944 gesagt haben. Nach Haft und KZ-Straflager verbrachte er die letzten Kriegstage in der Augustenburg, bis er am 21. April 1945 von einem Exekutionskommando aus dem KZ Flossenbürg hingerichtet wurde. Seine Kameraden der Luftschutzpolizei hatten sich geweigert, das Unrechtsurteil zu vollstrecken. Igls Stolperstein ist am Beraiterweg verlegt. Ein weiteres Opfer der Nazis in Regensburg und der letzten Kriegstage war der pensionierte Polizeibeamte Michael Lottner. An ihn erinnert ein Stolperstein in der Glockengasse, wo er wohnte. Lottner hatte an der Demonstration vorwiegend von Frauen und Kindern am 23. April 1945 teilgenommen. Dort wollte Domprediger Dr. Johann Maier, der ebenfalls von den Nazis ermordet wurde, sprechen – das wurde von der NS-Kreisleitung verhindert. Er wurde am Minoritenweg in der damaligen Kreisleitung erschossen.

Diese Beispiele belegen, wie wichtig die Initiative bis heute ist, um den Vorgängen von damals zu gedenken. Das brachte auch der Gastgeber bei der kleinen Feierlichkeit am Ziegelweg vergangene Woche zum Ausdruck. Die Stolpersteine würden den Opfern „ihre Würde zurückgeben“, so Oberstudiendirektor Alfons Koller in einer kleinen Ansprache.

Luise Gutmann ist Gründungsmitglied der Initiative, Uli Teichmann spielt bei Verlegungen die Klarinette.
Auch Ilse Danziger, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, war bei der Veranstaltung.
Stolperstein für Michael Lottner, der am 23. April 1945 von Nazis erschossen wurde.