Rettung für die Innenstädte? Das sagen die Händler im Landkreis Cham zum Ladenschlussgesetz

Schon lange war es im Gespräch, jetzt könnte es bald so weit sein. Das bayerische Ladenschlussgesetz erhitzt auch im Landkreis Cham die Gemüter. Die Reaktionen sind gemischt: Für die einen ist es ein Schritt zur Rettung der Innenstädte, für die anderen eine zusätzliche Belastung für die Betriebe in ohnehin schon so schwierigen Zeiten.
Doch worum geht es eigentlich? Seit dem Jahr 2006 dürfen die deutschen Bundesländer selbst über ihre Ladenöffnungszeiten bestimmen. Im benachbarten Baden-Württemberg war die damalige Landesregierung besonders schnell: Sie verabschiedete bereits 2007 ein Gesetz, das es den Ladeninhabern ermöglichte, die Geschäfte außerhalb von Sonn- und Feiertagen zu jeder beliebigen Uhrzeit zu öffnen. In Bayern gilt dagegen immer noch das Bundesgesetz – aus dem Jahr 1956.
Das soll sich heuer ändern. Ende des vergangenen Jahres hat das Kabinett den Entwurf für ein eigenes Gesetz beschlossen. Wer jetzt hofft, nachts um zehn noch in den Supermarkt zu kommen, sieht sich allerdings getäuscht. An den generellen Öffnungszeiten von 6 bis 20 Uhr ändert sich nichts. Allerdings dürfen Gemeinden künftig neben den vier verkaufsoffenen Sonntagen auch acht verkaufsoffene Nächte unter der Woche veranstalten.
Und auch die Einzelhändler selbst sollen bis zu viermal pro Jahr bis Mitternacht öffnen dürfen. Für verkaufsoffene Sonntage werden zudem die Hürden gesenkt. Am meisten profitieren Kleinstsupermärkte ohne Personal. Sie können künftig durchgehend offenbleiben.
Einkauf erlebbar machen
Wie sich das neue Gesetz am Ende genau auswirkt, kommt laut Chams Bürgermeister Martin Stoiber (CSU) „auf die genaue Ausführung an“. Es sei „aus der Sicht einer Handelsstadt positiv“ – und somit auch für die Kreisstadt. In Bad Kötzting ist Carola Höcherl-Neubauer für das Stadtmarketing zuständig.
Interessant sind für sie gerade die verlängerten Öffnungszeiten. „Man muss den Einkauf wieder erlebbar machen“, erklärt sie. Dafür seien gerade die verlängerten Öffnungszeiten von Bedeutung. „Wir als Stadtmarketing haben ein Jahresprogramm mit vielen Aktionen“, sagt Höcherl-Neubauer. Die Neuerungen sorgen nun für „viel mehr Möglichkeiten, das zu bespielen“.
Von den Einkaufsnächten profitiere „die ganze Innenstadt“, da neben dem stationären Handel auch die umliegenden Gastronomiebetriebe häufiger besucht würden. Damit das gelingt, werden die Aktionen im Vorfeld mit den 150 Mitgliedern des Stadtmarketings abgestimmt und die Eigentümer vor Ort einbezogen.
Das Angebot soll nicht überreizt werden
Gibt es in Bad Kötzting also künftig jeden Monat so eine Aktion? „Es muss schon noch verträglich sein“, stellt Höcherl-Neubauer klar. Das Angebot „darf nicht überreizt werden. Es braucht gute Konzepte und gute Planungen.“
Auch Helmut Hagner vom Modehaus Frey begrüßt die neuen Möglichkeiten. „Das Internet hat 365 Tage im Jahr offen“ sagt er und fügt an, „wir sind froh, dass in das Ladenschlussgesetz aus dem letzten Jahrhundert Leben reingekommen ist.“
Eine Gelegenheit, die neuen Möglichkeiten zu nutzen, sind für den Unternehmensleiter der Frey-Handelsgruppe die Modenschauen im Haus, die bislang immer vor 20 Uhr zu Ende sein mussten. Die Modenschau im September soll nun bis Mitternacht gehen.
Unternehmer werden gefordert
„Da lassen wir uns noch die eine oder andere Idee einfallen“, gibt Hagner einen Ausblick. Die Frequenz in der Innenstadt zu generieren, werde ihm zufolge für Handelsstädte eine große Herausforderung werden. Wenn das Gesetz beschlossen wird, sind aus Hagners Sicht dann auch die Unternehmer gefordert, „den Ball aufzunehmen. Wenn die Läden nicht geöffnet werden, bringt das auch nichts“.
Doch nicht jeder zieht bei den geplanten Neuerungen mit. Einer davon ist Werner Allescher, Geschäftsführer beim Edeka Allescher. „Ich bin da sicher skeptisch eingestellt“, sagt der Lebensmittelhändler. Eine große Herausforderung ist für ihn die personelle Situation. Beispielsweise würde das Personal, das an einem verkaufsoffenen Sonntag im Einsatz ist, dann unter der Woche fehlen. Beim Lebensmittelhandel komme zudem ein weiteres Argument dazu: „Man kann nicht mehr essen“. Entsprechend sind längere Öffnungszeiten nicht direkt mit mehr Kunden verbunden.
Schutz des Personals
„Wir verkürzen die Öffnungszeiten eher“, sagt Allescher. Er werde daher auch die verkaufsoffenen Sonntage „nicht mitgehen“. Das Personal ist „das größte Gut, das man als Arbeitgeber hat“, erklärt er. Auch Franz Wanninger jun., Inhaber der Möbelhäuser in Bad Kötzting und Straubing, steht den Neuerungen zwiegespalten gegenüber. „Die Begeisterung hält sich in Grenzen“, sagt er.
Auch er befürchtet, „dass es sich nur um eine Verschiebung der Umsätze handeln wird“, für die die Kosten durch die längeren Öffnungszeiten aber dennoch steigen. Auch er spricht in dem Zusammenhang die schwierige personelle Situation an. Einem Aspekt steht Wanninger jedoch positiv gegenüber: „Wir haben in Straubing einen verkaufsoffenen Sonntag im Herbst. Ein zweiter würde schon gut tun.“
Viele Faktoren spielen zusammen
Ist das geplante Ladenschlussgesetz der entscheidende Schritt, um Bayerns Innenstädte weiterhin lebendig zu halten? Ganz so einfach ist es nicht, erklärt Martin Stoiber: „Es kann sicher einen Beitrag dazu leisten, aber es zählen viele Punkte dazu.“ Neben den Geschäften vor Ort nennt der Chamer Bürgermeister dabei beispielsweise Grünflächen oder kühle Orte in der Stadt. Neben dem reinen Warenangebot zähle in den Geschäften Chams zudem „der Service und die Beratung.“ So sei es am Ende das Zusammenspiel von vielen Faktoren, „dass so eine Innenstadt attraktiv bleibt“, so Stoiber.
Ob die geplanten Neuerungen ausreichen, um den Wandel des Einkaufsverhaltens zu bremsen, bleibt offen – die Städte und Gemeinden stehen in jedem Fall vor neuen Möglichkeiten.
