Bombenhagel über Neumarkt: Fanatische Nazis sorgen durch Widerstand für Zerstörung der Altstadt

Von Heidi Bauer · 15. April 2025 um 11:00

Wer heute durch die Gassen der Neumarkter Altstadt schlendert, entdeckt sie nur mit geschultem Auge: die Spuren, die der apokalyptische Kampf um die Stadt zum Ende des Zweiten Weltkriegs gezeichnet hat. Als die Amerikaner am 22. April in die Stadt einzogen, lag kaum noch ein Stein auf dem anderen. Doch warum wurde Neumarkt in einen Trümmerhaufen bombardiert?

92 Prozent der Altstadt waren am Ende der erbitterten Gefechte zerstört, schreibt Stadtarchivar Dr. Frank Präger in seinem Buch „1923-2023 – 100 Jahre Fliegerei in Neumarkt“.

Spätestens nach dem zweiten Bombenangriff auf die Stadt am 11. April 1945 hatte ein Großteil der Neumarkter eilends die wichtigsten Sachen gepackt, die Stadt verlassen und versucht, auf dem Land bei Freunden und Bekannten unterzukommen. Daran erinnern sich die frühere Stadtarchivarin Anni Lang, Rita Niedermayer und Traudi Schlosser aus Neumarkt.

Letztere war von ihrer Mutter allein mit den Geschwistern zu Fuß die 16 Kilometer nach Weidenwang geschickt worden: „Keiner sagte uns, wann wir wieder geholt werden“, erzählt die Zeitzeugin heute.

US-Armee vor Neumarkt

Markus Urban berichtet in seinem Buch „Neumarkt i.d.OPf. im Nationalsozialismus“, dass auch die Parteileitung die Bürger aufforderte, die Stadt zu verlassen, sodass nur noch wenige Zivilisten zurückblieben. Am 18. April erreichten die amerikanischen Bodentruppen Neumarkt und eröffneten aus Norden und Nordwesten das Feuer.

Die Artillerieabteilung hatte zu dem Zeitpunkt bereits die Stadt verlassen. Auch die in den umliegenden Dörfern einquartierten ungarischen und volksdeutschen Freiwilligen der Waffen-SS waren schon abkommandiert worden.

Panzersperren aus Baumstämmen

Jedoch hatten sich am Tag zuvor schätzungsweise 20 bis 30 Mann der 17. SS-Panzergrenadier-Division „Götz von Berlichingen“ in der Stadt verschanzt. Die Aufgabe dieser Division war es, mit zwei Regimentern südlich von Nürnberg eine Verteidigungslinie aufzubauen, um den amerikanischen Vormarsch zu stoppen.

Dafür wurden Panzersperren aus Baumstämmen errichtet und Brücken über den Ludwigskanal gesprengt – ein aussichtsloses Unterfangen gegen die vielfach besser ausgestattete US-Armee. Doch war es dieses letzte Aufgebot, das zur völligen Zerstörung Neumarkts geführt habe, schreibt Urban.

Versuche, die Stadt zu retten, scheitern

Die wenigen noch verbliebenen Zivilisten fanden sich im Gasthaus „Zum Hechten“ zusammengefunden und forderten die militärische Führung zu Verhandlungen über eine friedliche Übergabe der Stadt an die Amerikaner auf. Aber die örtlichen Machthaber gebärdeten sich laut Urban bis zuletzt als fanatische Nationalsozialisten.

Einen weiteren Versuch, die Stadt zu retten, unternahm vermutlich der Kommandant der Neumarkter Feuerwehr. Allerdings – so heißt es in Unterlagen des Stadtmuseums – habe nie geklärt werden können, ob er tatsächlich die Absicht hatte, die weiße Flagge zu hissen, und deshalb von der SS erschossen wurde. An ihn erinnert die Sebastian-Kirsch-Straße, eine Nebenstraße des Deininger Wegs.

Die Nationalsozialisten drohten selbst den verbliebenen Frauen damit, sie bei Missachtung der gegebenen Befehle hinrichten zu lassen. Die Wehrmachts- und SS-Führung hatte Urban zufolge kurz vorher den Befehl erlassen, überall dort, „wo die Bevölkerung bei Annäherung des Feindes weiße Tücher zeigte, die betreffenden Häuser zu zerstören (Abbrennen) und die männlichen Bewohner dieser Häuser vom vollendeten 16. Lebensjahre ab zu erschießen“.

Ganze drei Tage dauerte der Abwehrkampf der Deutschen um Neumarkt. Die Amerikaner führten diesen mit besonders großem Materialeinsatz, nachdem die ersten beiden US-Panzer innerhalb der Stadtmauern mit Panzerfäusten beschossen worden waren. Das Untere Tor, das die Verteidiger mit einer alten Straßenwalze blockiert hatten, wurde von den anrückenden amerikanischen Infanterie- und Panzerverbänden gesprengt.

Napalmbomben auf die Stadt

Am 19. April wurde die Stadt laut Stadtarchivar Präger auch von zwölf amerikanischen P-47-Flugzeugen mit Spreng- und Napalmbomben angegriffen, anschließend von weiteren mit Splitterbomben, bis die gesamte Innenstadt lichterloh brannte.

Als sich die SS-Panzerdivision „Götz von Berlichingen“ am 22. April nach erbittertem Häuserkampf zurückzog und die US-Armee die Stadt einnahm, standen von den meisten Häusern nur noch die nackten Außenmauern. Die Innenstadt glich einer einzigen Ruinenlandschaft. Rund 700 Häuser waren zerstört, entlang der Marktstraße waren nur zwei verschont geblieben.

Doch auch in vielen Dörfern ereignete sich in den letzten Kriegstagen Schlimmes, so beispielsweise in Pfeffertshofen, das am 20. April niedergebrannt wurde. Der Landkreis Neumarkt stand einer Statistik des Bayerischen Landesamtes von 1945 zufolge hinsichtlich der Zahl der zerstörten Wohngebäude bayernweit an erster Stelle.