Bomben legen Neumarkt in Schutt und Asche: Zeitzeugen erinnern sich an zweiten Luftangriff 1945

Von Heidi Bauer · 11. April 2025 um 11:00

„Wenn ich heute die Berichte von der Ukraine und Gaza im Fernsehen sehe, kommen mir die Bilder von damals wieder vor Augen“, sagt die 86-jährige Rita Niedermayer. Der 11. April 1945 brachte Tod und Zerstörung über die Stadt Neumarkt, wie Rita Niedermayer verloren viele ihr Zuhause und geliebte Menschen. Zeitzeuginnen schildern den Schicksalstag.

Der 11. April 1945 ist ein schöner Frühlingstag in Neumarkt. Der Himmel strahlt weißlich-blau, als sich der Unglück bringende Verband von 71 „Flying Fortress“ der 8. US-Luftflotte auf den Weg nach Neumarkt macht, schreibt Rainer Krüninger in seinem Buch „Die Zerstörung Neumarkts 1945“.

Über dem Wolfstein und dem Mariahilfberg taucht kurz vor 14 Uhr eine Formation schwerer Bomber auf. Die vorausfliegenden „Pfadfinder“ lassen Rauchbomben fallen, um das Zielgebiet zu markieren, doch diese fallen ungenau. Nicht der Bahnhof, sondern ein Teil der Stadt selbst liegt zwischen den Markierungen.

Eine Kette von Donnerschlägen erschüttert Neumarkt, die Glocken der Kirchen beginnen unter den Erschütterungen zu läuten. Mit infernalischem Geheul gehen elf Minuten lang 371 Bomben mit insgesamt 175 Tonnen Sprengstoff auf Neumarkt nieder und verwüsten ganze Häuserreihen.

• Hildegard Weber berichtet detailliert über den Angriff.

Die inzwischen verstorbene Neumarkterin schreibt in ihren Lebenserinnerungen, die ihre Nichte Elisabeth Werner zusammengetragen hat: „Um 11 Uhr heulten die Sirenen. Ich war in der Bräugasse und hatte kein gutes Gefühl. Zu meiner gleichaltrigen Kollegin Erna sagte ich, sie solle doch mit zu mir nach Hause laufen, wir könnten doch die Mittagspause schon früher beginnen. Es war so ein schöner, sonniger Tag. Aber Erna wollte nicht mit. Ihr war der Weg zu weit.

Daheim angekommen, setzte ich mich in die Sonne. Unsere Mutter fütterte gerade die Hühner im Gartenhäuschen. Da richtete sich ihr Blick gegen den Mariahilfberg und sie rief: ‘Alle schnell in den Keller! Da fallen ja schon die Bomben!‘ Dumpfes Dröhnen und Knallen lag in der Luft. Nach etwa elf Minuten wurde es still.“

Überall Verwüstung und ein Wagen voller Leichen

Nach dem Angriff wollte die junge Frau so schnell wie möglich zurück an ihren Arbeitsplatz. Ihre Schwester Marie begleitete sie. Dort müssen die beiden feststellen: „Überall war Verwüstung! Als wir in der Bräugasse angekommen waren, kam uns schon ein Leichenwagen entgegen. Er hielt an und man fragte mich, ob ich jemanden erkennen würde. Der Wagen aber war voll mit Leichen, die zum Teil aufeinander lagen. Ich wagte nur einen kurzen Blick hinein und habe auch keinen der Toten erkannt. Marie lief vor Schreck gleich wieder heim.

Als ich unten im Waisenhaus ankam, boten sich mir schreckliche Bilder. Es spielten sich vor den wenigen Überlebenden fürchterliche Szenen ab. Die vier Schulräume waren bis zum Erdgeschoss zusammengestürzt.

Im Keller der Schule verschüttet

Wer überlebt hatte, floh ins Ungewisse aufs Land. Der halbe Torbogen über dem Keller war eingestürzt, aber wer sich noch im Keller aufgehalten hatte, war verschüttet worden. Ein paar Personen, die sich auf der Kellertreppe befunden hatten, konnten noch gerettet werden.

Meine Kollegin Erna hatte es nur bis zum Kellereingang geschafft. Sie war verschüttet worden, lebte aber noch“, so Hildegard Weber. Dennoch kann Erna nicht gerettet werden und auch die anderen Menschen, die sich im Keller befanden, sind tot. Ganze Familien werden ausgelöscht. Wie durch ein Wunder entrinnt hingegen die Familie Schmidt dem Tod.

• Die frühere Stadtarchivarin Anni Lang erinnert sich.

Ihr Vater hatte in der Hallertorstraße einen Schreinerbetrieb und war Luftschutzwart. Der Keller der Familie war mit Bänken und Licht ausgestattet. In der benachbarten Sterngasse wohnte die Familie Schmidt, die keinen Keller hatte. „Mein Vater forderte sie auf, doch in unseren Keller zu gehen. Das rettete ihnen das Leben“, berichtet die 92-Jährige.

Das Anwesen der Schmidts bekommt einen Volltreffer und auch die Werkstatt von Anni Langs Vater wird durch eine Bombe vernichtet. Doch im Keller der Hallertorstraße 17, kommen alle mit dem Leben davon – im Gegensatz zu den Menschen, die im Untergrund des zerstörten Geschäftshauses Hiereth Schutz gesucht hatten: 15 Leichen zählt man hier.

Besonders nahe geht Anni Lang bis heute das Schicksal der Familie Geitner. Die Mutter war mit dem Fahrrad nach Langenthal unterwegs, um einen Kommunionanzug für ihren Sohn zu holen. Sie überlebt, als sie zurückkam, waren ihre drei Kinder, die zu Hause geblieben waren, tot.

• Rita Niedermayer floh mit ihrer Familie aufs Land.

Bereits beim ersten Bombenangriff auf Neumarkt am 23. Februar 1945 war das Haus in der Bahnhofstraße, in dem sich die Wohnung von Rita Niedermayers Familie befand, zerstört worden. Ihre Mutter, Geschwister, Nachbarn und sie hatten im Keller überlebt.

Als ihr Vater, der Polizist war, nach Hause kam, entschied er sich kurzentschlossen, seine Familie aus der Stadt in Sicherheit zu bringen. Heimlich verfrachtete er drei seiner Kinder mit dem Auto nach Berngau. Er, die Mutter und der jüngste Bruder kamen erst später nach, erinnert sich Rita Niedermayer. Von Berngau ging es für die Familie weiter nach Pölling, wo sie die zweite Bombardierung Neumarkts im Luftschutzkeller des Pfarrhofs erlebten, den sie für Tage nicht mehr verließen.

Hildegard Weber schreibt in ihren Aufzeichnung zum 11. April: „Am Spätnachmittag wurde noch einmal Alarm gegeben und zwar mit Sprechrohren, da die Sirenen ausgefallen waren. Alle Leute sollten raus aus der Stadt.“ Dem Aufruf folgt ein Großteil, nur ein Pulk SS-Soldaten will Widerstand bis zum Letzten leisten – mit fatalen Folgen für Neumarkt.

Luftangriffe auf Neumarkt im April 1945

7. April 1945: Je näher die Front rückte, umso mehr geriet auch die Stadt Neumarkt ins Visier der alliierten Streitkräfte. Rainer Krüninger „Die Zerstörung Neumarkts 1945“ schreibt, dass die Tiefflieger selbst den Bewohnern kleinster Dörfer zur tödlichen Gefahr werden. Jagdbomber attackierten Züge, die den Neumarkter Bahnhof verlassen – so auch am 7. April den Freystadter „Bockel“. Wie Dr. Frank Präger in „1923-2023: 100 Jahre Fliegerei in Neumarkt“ berichtet, werden am gleichen Tag auch gegen 11.45 Uhr das Holzwerk Pfleiderer und die Expresswerke sowie Fahrzeuge und Pferdegespanne in der Amberger Straße angegriffen.

11. April 1945: Dieser Tag wird zu einem weiteren schweren Schicksalstag für Neumarkt. Wie aus Krüningers und Dr. Prägers Büchern hervorgeht, hat ein Verband von 71 „Flying Fortress“ den Befehl bekommen, Neumarkt anzufliegen und die Bahnanlagen endgültig zu zerstören. Es ist 13.52 Uhr, als sich die Bombenschächte öffnen. Doch weil die Markierungsrauchbomben ungenau abgeworfen werden, landen nur 17 Bomben im Zielgebiet. Stattdessen wird hauptsächlich die Altstadt getroffen: die Gebäude Unterer Markt 11 und 12, mehrere Gebäude an der Spital- und Botengasse, Bräu-, Kasten- und Klostergasse sowie am Oberen Markt 26 und 27. Das Inferno dauert elf Minuten. 100 Menschen verlieren ihr Leben.

16. April 1945: Ein Aufklärer über der Stadt entdeckt Wehrmachtsfahrzeuge, die auf der Altdorfer Straße nach Norden fahren. 16 herbeigeholte Jagdbomber greifen ab 17 Uhr eine halbe Stunde lang mit Bomben und Bordwaffen Lkws und Fuhrwerke in der Nähe des Blomenhofs an.

Viele Neumarkter verloren durch die schwere Bombardierung ihr Dach über dem Kopf und flüchteten aufs Land. Foto: Bildarchiv Marburg
Zahlreiche Gebäude in der Bräugasse wurden zerstört. Foto: Stadtarchiv Neumarkt
Rita Niedermayer erinnert sich noch gut an 1945. Foto: Heidi Bauer