Leute mit Handicap schrauben an Rädern: Kleeblatt-Werkstätte in Schwandorf als Erfolgsgeschichte

Von Renate Ahrens · 12. April 2025 um 19:00

Bei der Kleeblatt-Werkstätte in Schwandorf arbeiten derzeit 110 Menschen mit seelischer Behinderung. Ziel ist es, sie in die freie Wirtschaft zu vermitteln. Viele Unternehmen geben bereits Aufträge, trotzdem sehen die Verantwortlichen noch Luft nach oben.

Konzentriert beobachtet Matthias Blaschtzik (35) den Roboter hinter der Glasscheibe und erklärt den interessierten Gästen der Kleeblatt-Werkstätte dessen Vorgehensweise und Funktion. Oberbürgermeister Andreas Feller (CSU), Armin Rank von der Wirtschaftsförderung und weitere Vertreter der Stadt Schwandorf sind beeindruckt. Bei einer Betriebsbesichtigung machten sie sich ein Bild von jeder Arbeitsgruppe der Kleeblatt-Werkstätte, die seit 2001 in die Naab-Werkstätten integriert sind.

110 Menschen mit seelischer Behinderung arbeiten dort momentan. Oberstes Ziel ist es, diese Menschen in den ersten Arbeitsmarkt, also in die freie Wirtschaft, zu vermitteln. Mit fundierten Ausbildungen und Außenpraktika werden sie auf eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit vorbereitet – jeder in seinem Tempo, ohne Zeitdruck und Vorgaben. Auch Alltagsthemen wie Politik werden besprochen. „Wir nehmen ihnen zudem die Angst vor Neuem und bringen ihnen moderne Technik wie eben Robotik bei“, erklärt Jürgen Anzer, Zweigstellenleiter der Kleeblatt-Werkstätten. „Manches geht hier langsamer, aber das Ergebnis ist das gleiche.“

Davon sind auch die Firmen überzeugt, die den Werkstätten, oft seit vielen Jahren und regelmäßig, Aufträge geben und zufrieden sind. Rund 150 Betriebe, von BMW über Horsch, Sennebogen bis hin zu Grammer sind darunter. Täglich werden je nach Kundenwunsch Metallteile gelötet, Dübel oder Spiralen hergestellt oder Holzteile zusammengeschraubt.

In der Gesellschaft habe bei Integration und Inklusion Behinderter durchaus ein Wandel stattgefunden, dennoch sei vor Auftragsvergaben häufig noch immer Überzeugungsarbeit erforderlich, sagt Anzer. „Die Firmenleiter haben nicht selten Berührungsängste. Ich würde mir wünschen, dass grundsätzlich mehr Zeit für diese Menschen und ihre Befindlichkeiten in Betrieben wäre.“

Arbeit gibt Struktur und Selbstvertrauen

Praktika und damit der Kontakt zu Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen hätten jedoch schon oft Vorurteile abgebaut. Zum Beispiel sei eine Kleeblatt-Beschäftigte momentan als Assistentin in einem Schwandorfer Seniorenheim tätig, berichtet Margit Gerber, Geschäftsleiterin der Naab-Werkstätten. In der Kleeblatt-Werkstätte hatte diese Mitarbeiterin zuvor einen Lehrgang absolviert. „Sie blüht nun auf, weil ihr die Arbeit Freude macht und sie Anerkennung bekommt. Schließlich entlastet sie die Fachkräfte enorm.“

Viel mehr als ein Beruf bedeute allen Beschäftigten der Naab-Werkstätten ihre Tätigkeit – sie gebe ihnen eine Tagesstruktur und Selbstvertrauen und verhelfe zu sozialen Kontakten. „Und sie sehen, was man trotz einer Behinderung leisten kann“, sagt Gerber. Jeder habe die Chance, sich weiterzuentwickeln. „Wir fordern, ohne zu überfordern und legen Wert auf gegenseitige Augenhöhe.“

„Für psychisch Krankeist in der Gesellschaft oft kein Platz. Wir setzen die Beschäftigten ein, wie es am besten zu ihnen passt.“

Jürgen Anzer, Zweigstellenleiter der Kleeblatt-Werkstätte

Tatsächlich ist die Atmosphäre in den Arbeitsgruppen entspannt. Jeder ist mit seiner Aufgabe beschäftigt, und ab und zu unterhalten sich die Mitarbeiter beim Löten und Verdrahten – zum Beispiel über anstehende Projekte in den Naab-Werkstätten wie Turniere oder das bald stattfindende inklusive Musical. Denn viele Freizeitangebote in Sport und Kultur, aber auch Weiterbildungen wie PC-Kurse werden gerne angenommen.

So werden Kollegen oft zu Freunden – oder gar zu mehr. Kathrin Vogel zum Beispiel, die in der Fahrradwerkstatt seit 2018 tätig ist, arbeitet hier gemeinsam mit ihrer Ehefrau Franziska Vogel, die nebenan in der Arbeitsgruppe Autoaufbereitung mit dem Polieren eines Kotflügels beschäftigt ist. Über Facebook hat sich das Paar kennengelernt, und Franziska Vogel, die aus Würzburg stammt, kam vor fünf Jahren nach Schwandorf, wo 2022 die Hochzeit stattfand. Vom Betreuten Wohnen zogen beide, zusammen mit einer Katze, in eine eigene Bleibe. Natürlich haben sie zur Hochzeit auch ihre Kollegen eingeladen, erzählt das Paar. „Wir sind glücklich, dass wir hier arbeiten dürfen. Es macht großen Spaß“, versichern sie.

Der Anspruch der Kunden und auch die Anforderungen der Technik sind gestiegen. Nach den Worten Gerbers wächst aber auch die Werkstatt mit. „Wir bilden hier die freie Wirtschaft ab und bereiten die Beschäftigten darauf vor.“ Die Gäste zeigen sich beeindruckt: „Die Kleeblatt-Werkstätte ist ein Musterbeispiel für Integration in der Arbeitswelt“, betont Feller. Noch vor nicht allzu langer Zeit seien psychische Krankheiten ein Tabuthema und ein Stigma gewesen, berichten Margit Gerber und Jürgen Anzer. Das habe sich zum Glück geändert. „Ich würde mir dennoch mehr Offenheit wünschen“, sagt Anzer.

Und noch etwas macht Sorgen: die aktuelle Wirtschaftslage. Drei der rund 150 Kunden, alle drei Automobilzulieferer, hätten bereits Insolvenz angemeldet. Was die Zukunft bringe, sei schwer abzuschätzen. Dennoch sind die Verantwortlichen zuversichtlich. Die Kleeblatt-Werkstätte sei breit aufgestellt, sagt Anzer – bei den Kompetenzen ebenso wie bei den Aufträgen.

Das sind die Naab-Werkstätten:

Nutzen: Die Naab-Werkstätten GmbH ist eine gemeinnützige Werkstätte für Menschen mit Behinderungen und beschäftigt an den Standorten in Schwandorf und Oberviechtach 600 Menschen mit und ohne Behinderung. Wichtigster Kostenträger ist der Bezirk Oberpfalz. Gemäß dem dualen Auftrag bietet man für Industrie und Gewerbe oder Privatkunden Dienstleistungen an. Die Kunden stehen dabei an oberster Stelle.

Aufträge: Das Gefühl, gebraucht zu werden, am Arbeitsleben teilzunehmen und einen wertvollen Beitrag in der Gesellschaft zu leisten, bedeutet den Menschen mit Behinderung viel, erklären die Verantwortlichen. Daher erfüllen die Naab-Werkstätten GmbH mit ihrer Ausrichtung sowohl einen sozialen als auch einen wirtschaftlichen Auftrag.

Mitarbeiter Matthias Blaschtzik (r.) findet an seinem Arbeitsplatz Erfüllung – und die Bestätigung, gebraucht zu werden. Sehr genau erklärt er OB Andreas Feller die Funktion des Roboters.
Beim Rundgang durch die Arbeitsgruppen wird der Rathaus immer wieder von den Mitarbeitern angesprochen und über Themen aus der Stadtpolitik befragt.