Bürgermeister Thomas Gesche ist fast blind: So schätzt er die Barrierefreiheit Burglengenfelds ein

Von Thomas Rieke · 16. August 2024 um 19:00

Ferienbedingt sind auch im Burglengenfelder Rathaus aktuell diverse Lichter aus. Bürgermeister Thomas Gesche (CSU) gönnt sich aber nur hier und da ein paar Tage Auszeit. Denn auch im August gibt es in der Verwaltung allerlei zu tun. Der MZ stand er nun für ein Sommerinterview zur Verfügung, in dem es um ein ernstes Thema geht, das ihn selbst besonders betrifft.

Herr Bürgermeister, wenn Sie jemand fragte, ob „Ihre Stadt“ behindertenfreundlich ist, was würden Sie ihm sagen?

Thomas Gesche: Burglengenfeld ist generell eine weltoffene Stadt, und das Thema Inklusion schreiben wir groß. Wir versuchen, dieses zu leben und stetig zu verbessern.

Bitte nennen Sie Beispiele.

Gesche: Beim Erweiterungsbau der Grundschule haben wir selbstverständlich einen Aufzug eingebaut. Und unsere Homepage, die wir vor kurzem gerelauncht haben, ist jetzt weitestgehend auch für Personen mit Einschränkungen nutzbar.

Seit rund drei Jahren leiden Sie selbst unter einem schwerwiegenden Handicap – einer stark eingeschränkten Sehfähigkeit. Wer Sie aber im Rathaus erlebt oder auch auf Terminen (und von der Krankheit nichts weiß), wundert sich immer wieder, wie flott Sie unterwegs sind. Wie schaffen Sie das?

Gesche: Ja, seit Ende Januar 2021 leide ich an dem sogenannten Lhon-Syndrom. Seitdem ist meine Gesamtsehstärke von 100 auf nur noch drei Prozent gefallen. Das ist gerade noch der Wert, mit dem man sich einigermaßen frei bewegen kann. Die Ärzte sagen, wenn die Sehleistung um ein weiteres Prozent abnehmen würde, wäre ich auf den Blindenstock angewiesen.

Aber, wie gesagt, viele sehen Ihnen das nicht an.

Gesche: Dass ich mich in Burglengenfeld relativ problemlos bewege, wie auch im Rathaus, liegt daran, dass ich jeden Pflasterstein und jeden Quadratzentimeter kenne. Für Außenstehende ist das oft schwer nachvollziehbar. So geht es im Übrigen allen Lhon-Patienten. Deshalb haben viele zusätzlich starke psychische Probleme.

Wie geht es Ihnen auf ungewohntem Terrain?

Gesche: Wenn ich mich in der Fremde bewege oder wenn ungewohnte Hindernisse auftreten, habe ich Schwierigkeiten. So bin ich beispielsweise auf der Lanzen beim Spazieren mit meinem Hund bereits drei Mal gestürzt, weil in der Wiese neue Löcher aufgetreten waren.

Können Sie konkretisieren, was im Kopf vorgeht?

Gesche: Zwei Beispiele: Wenn ich einen Meter hinter einem Auto stehe, sehe ich, dass sich dort etwas befindet und kann auch vermuten, dass es ein Auto ist. Es ist mir aber unmöglich, das Kennzeichen zu lesen. Genauso verhält es sich bei einer Person: Einen Meter vor ihr sehe ich ihre Konturen, kann also grob erkennen: Da ist ein Mensch. Ohne Kommunikation ist es mir aber unmöglich, ihn zu identifizieren. Das Gesicht würde ich erst erkennen, wenn ich mich auf 20 Zentimeter näherte.

Im Alltag dürfte dies nicht selten zu Irritationen führen.

Gesche: Genau. Wenn mir Menschen begegnen, grüße ich in der Regel freundlich, und mein Gegenüber denkt dann: Ach der Bürgermeister, ach der Thomas hat mich erkannt, wie schön. Im Regelfall sehe ich aber nur, dass ich einen Menschen getroffen habe. Mir ist ganz oft nicht klar, wer mir wirklich begegnet ist.

Was geht Ihnen, wenn Sie am Fußgängerüberweg stehen, den Sie täglich mehrfach passieren müssen?

Gesche: Ich drehe den Kopf in die ein oder andere Richtung. Das könnte so wirken, als ob ich schaue, ob etwas kommt. Das ist aber nicht der Fall, ich versuche vielmehr Geräusche wahrzunehmen. Beim Queren von Straßen verlasse ich mich zu 90 Prozent auf mein Gehör und maximal zu zehn Prozent auf das, was ich noch sehen kann.

Wie verhalten Sie sich vor Ampeln?

Gesche: In den wenigsten Fällen erkenne ich, ob Rot oder Grün ist. In Burglengenfeld weiß ich aber, wann welche Verkehrsachse losfährt und kann daraus die nötigen Schlüsse ziehen. Es gibt auch Unterschiede: Wenn ich die einspurige Straße an der Sonnenapotheke quere, und es ist gerade bewölkt, sehe ich über diese Spur hinweg ein rotes oder grünes Schimmern. Wenn ich hingegen über die Straße bei der AOK möchte, sind dort drei Spuren. Wenn es auch noch sehr hell ist, habe ich keine Chance zu erkennen, was die Ampel anzeigt.

Moderne Lichtzeichenanlagen geben ein akustisches Signal. Wäre das nicht auch für Burglengenfeld überfällig?

Gesche: Das wäre sicher sinnvoll und auch für mich eine Erleichterung. Unser Stadtbauamt hat überprüft, was dazu nötig ist. Das Ergebnis: Es müsste eine komplett neue Ampelanlagen aufgestellt werden. Es wären Grabarbeiten und damit Sperrungen notwendig. Die Kosten wären also sehr hoch, so dass das Ganze zeitnah nicht umzusetzen ist. Es bleibt aber dennoch ein Ziel.

Burglengenfelds Innenstadt ist nicht eben. Überall gibt es teils viele meterlange Stufen. Stellen diese für Sie nicht ebenfalls ein erhöhtes Risiko dar?

Gesche: Mit den Stufen in der Altstadt komme ich relativ gut zurecht, da ich diese, wie gesagt, kenne. Wenn sie sich farblich vom restlichen Gehweg abheben, ist dies zudem hilfreich.

Im Wahlkampf 2020 kam vor allem seitens der SPD die Idee, über 20Jahre nach der Marktplatzgestaltung wäre es an der Zeit, über Verbesserungen nachzudenken. Damit war auch Barrierefreiheit gemeint. Was halten Sie heute davon?

Gesche: Fakt ist: Stufen und Kopfsteinpflaster stellen, wie in jeder Altstadt, Hindernisse dar. Diese gilt es nach und nach zu beseitigen. Denn sowohl ältere Menschen mit Rollatoren, als auch Rollstuhlfahrer sind dadurch in ihren Bewegungen nicht zu 100 Prozent frei.

Jetzt geht es hoffentlich bald auch für Sie in den Urlaub. Wie stark schränkt die Fast-Erblindung Ihren Radius ein, wie sehr mindert sie den Genuss?

Gesche: Auch hier gebe ich ein Beispiel: Ein Grashügel, ein bewaldeter Berg und ein Alpengipfel sind für mich jeweils nur eine schattige Erhebung. Die reale Schönheit bleibt mir verborgen. Meine Bewegungsfreiheit ist massiv eingeschränkt. Ich kann nicht mehr spontan, wie früher, mit dem Auto schnell mal irgendwo hin fahren. Auch ist es kaum möglich, alleine mit dem Zug oder Flugzeug zu reisen, da ich keine Anzeigentafel lesen kann. Also ja: Die Behinderung schränkt extrem ein – nicht nur im Urlaub.

Ein großes Ziel

Situation: Horst Seehofer hat 2013 das Ziel vorgegeben, Bayern im öffentlichen Raum und im Nahverkehr barrierefrei zu gestalten.

Vorgehen: Die Ressorts der Staatsregierung haben ein Konzept erarbeitet. Aus diesem wurden 2014 drei Handlungsfelder priorisiert, 2017 kamen drei weitere hinzu. Außerdem hat das Bauministerium das Modellvorhaben „Die barrierefreie Gemeinde“ gestartet.

So gut es einst gemeint gewesen sein mag: Die Stufenzeilen in der Altstadt stellen für Menschen mit Behinderung ein Problem dar.