Regensburger strampelt 6000 Kilometer nach Santiago de Compostela und zurück

Der 69-jährige Daniel Fikuart aus Regensburg ist zur Reise seines Lebens aufgebrochen. Er radelt bis nach Santiago de Compostela und wieder heim. Der Fahrradverrückte hofft auf viele Begegnungen, die ihm in Erinnerung bleiben werden – und darauf, dass er am Berg eine gewisse Duldsamkeit lernt.
Sieben kleine Taschen trägt das Fahrrad von Daniel Fikuart. Regenjacke, Ersatzkleidung, einen dicken Pullover und zwei Wasserflaschen hat er verstaut. „Für alle Eventualitäten“, meint der 69-Jährige. Damit wiegt das Gravel Bike mit Carbonrahmen nicht mehr neun, sondern 22 Kilos.
Daniel Fikuart ist am Samstag zur Reise seines Lebens aufgebrochen. Morgens ist der 69-Jährige in Sportkleidung und mit dem vollbepackten Fahrrad zur Reinhausener Kirche gestrampelt. Pfarrer Josef Eichinger spendete ihm den Reisesegen. Fikuart ist nicht besonders gläubig, aber das freute ihn doch. „Stadtpfarrer Eichinger sprüht mir hoffentlich jede Menge Weihwasser über die Softshelljacke“, hatte er im Vorfeld gesagt. Für die knapp 6000 geplanten Radkilometer nach Santiago de Compostela und zurück kann das nicht schaden. Der Geistliche hat noch den Pilgerpass gestempelt. Und dann ging es los.
Duldsamkeit lernen
Daniel Fikuart ist ein Fahrradverrückter, aber ihm geht es nicht nur darum, in die Pedale zu treten und einen persönlichen Rekord aufzustellen. Er möchte innere Ruhe finden und am Berg Duldsamkeit lernen. Vor allem aber bringt er eine große Offenheit für Land und Leute mit. Der Regensburger und sein Freund Edgar aus Tuttlingen werden in Privatunterkünften übernachten und essen. „Ich freue mich schon auf Kohlsuppe und Kartoffelgerichte“, sagt Fikuart.
Sie wollen mit den Menschen in der Schweiz, in Frankreich und Spanien ins Gespräch kommen, erfahren, was diese umtreibt. Mit dem Gravel Bike, einem Mix aus Rennrad und Mountainbike, geht es auf der Via Jacobi durch die Schweiz, auf dem Chemin de Saint Jacques durch Südfrankreich bis zum alten Pilgersammelort Saint-Jean-Pied-de-Port. Südlich davon passieren die Radfahrer die Pyrenäen, strampeln durch Nordspanien immer westwärts auf dem alten Sternenweg bis zum Sehnsuchtsort unzähliger Pilger seit Jahrhunderten: Santiago de Compostela.
Etappen von 70 bis 80 Kilometern
77 Tage werden die beiden im Sattel sitzen. Sie rechnen mit einer täglichen Etappenlänge von 70 bis 80 Kilometern. Die gesamte Reise umfasst rund 5700 Kilometer. Privatquartiere reservieren die Biker unterwegs über Airbnb. Wichtig sind ihnen nur Dusche und Waschmaschine. Weil sie wenig Kleidung mitgenommen haben, müssen sie öfter waschen.
Daniel Fikuart ist eine Teilstrecke schon vor 20 Jahren geradelt und möchte an dieses Erlebnis anknüpfen. Diesmal ohne Rückflug. „Wir starten vor der Haustüre und kommen gegen 20. Juni wieder an der Haustüre an.“
Der frühere Chefredakteur von zwei Bike-Magazinen ist überzeugt, dass er die Strecke mit den vielen Höhenmetern schafft. Dafür hat der 69-Jährige im Fitnessstudio Arme, Bauch und Rücken trainiert. Je besser der Rumpf in Form sei, desto weniger würden die Handgelenke belastet. Die Beine sind ohnehin vom Radfahren gestählt. „Außerdem haben wir keinen Zeitdruck“, meint Fikuart. „Wir lassen alles auf uns zukommen.“
Ehefrauen begleiten sie teils
Ende April werden die Ehefrauen Marion und Claudia nach Pamplona fliegen, ihre mitgebrachten Sättel auf Leih-Gravel Bikes montieren und die beiden Biker 700 Kilometer lang auf alten Pfaden des Camino Francés bis Santiago de Compostela begleiten. Sie fliegen nach zwei Wochen zurück.
„Meine Frau wird dann leicht gebräunt und mit einem Lächeln wieder in ihrer Kanzlei sitzen“, sagt Daniel Fikuart. Die Männer machen sich auf den Rückweg: Nach einem Abstecher an das von Wind und Wogen umtoste Kap Finisterre, ehemals das sagenhafte Ende der Welt, ziehen sie nordöstlich auf dem fast vergessenen Camino Primitivo über Bergpfade nach Oviedo. Sie folgen dem nordspanischen Küstenweg Camino de la Costa ostwärts, besichtigen am Strand von La Griega 100 Millionen Jahre alte Dinosaurierspuren. Und natürlich das Guggenheim Museum in Bilbao. Zurück in Frankreich stoßen sie in Bordeaux mit einem Glas Rotwein an. Am Folgetag geht es auf der Via Turonensis 700 Kilometer hinauf zur alten Pilgermetropole Tours.
Voller Euphorie nach Hause
Knapp vor den Toren von Paris besichtigen sie bei Orleans die bezaubernden Schlösser an der Loire, bevor sie schließlich ostwärts via Basel dann Freiburg im Breisgau zustreben. Die herausfordernden Höhen des Schwarzwalds folgen, „bevor wir euphorisiert hinunterfliegen nach Tuttlingen, wo ich meinen Rad-Kameraden Edgar an seiner Haustür abliefere“, kündigt Fikuart an. Seine Ehefrau Marion Herlitze wird ihn vor der Reinhausener Kirche in Empfang nehmen. Mit Konfetti statt Weihwasser.
Ein besonderes Rad
Rad: Fikuart hat sich ein Camino Pro von der Marke Stevens zugelegt. Das musste es wegen des Namens sein. „Camino“ heißt „Weg“.
Bike-Magazine: Daniel Fikuart hat als Chefredakteur die Magazine „Radfahren“ und „Elektrorad“ geführt. Inzwischen ist der 69-Jährige Privatier.
Rente: Fikuart arbeitet seit einigen Jahren ehrenamtlich bei der Regensburger Tafel mit und schwingt sich in jeder freien Minute aufs Fahrrad. Auf den kürzeren Strecken begleitet ihn seine Frau, die Scheidungsanwältin Marion Herlitze. Die 54-Jährige ist in Regensburg als Blumenradlerin bekannt, weil sie alle Stadtstrecken mit ihrem blumig geschmückten Bike zurücklegt.