Bombennacht 1945 hinterlässt in Cham Blindgänger: Das langlebige Erbe des Krieges

Von Johannes Schiedermeier · 5. April 2025 um 05:00

Die Bombennacht vom 18. April 1945 verfolgt die Bewohner von Cham-West bis heute. Gerade soll dort die abrutschende Eichenstraße abgefangen und saniert werden. Ein Blick auf Luftbilder der Alliierten zeigt etliche Bombentrichter im Umfeld. Wir haben Helga Kowallik besucht, die ihr Leben in der direkten Nachbarschaft verbracht hat. Sie hat uns die Geschichte einer besonderen Bombe erzählt. Ihre Geschichte und die anderer Zeitzeugen verdeutlichen, warum die Lage bis heute brisant ist.

Helga Kowallik wohnt im Anwesen Berghangstraße 2. Das Haus trägt bis heute an seiner Längsseite unsichtbar unter dem Verputz eine alte Wunde. Ein Onkel und seine Freunde haben die eingedrückte Wand einst geflickt. „Ein paar Meter haben gefehlt, und wir würden heute wohl nicht mehr leben“, sagt Helga Kowallik.

„Die ganze Luft hat vibriert“

Fünf Jahre war sie alt, als die Bomber kamen. Sie erinnert sich noch gut an den Schrecken der Angriffe. „Da hat die ganze Luft vibriert und alles hat laut gebrummt. Dabei haben die vorher immer nur Schwandorf angegriffen.“ Das änderte sich in der Vollmondnacht des 18. April 1945. Um 23.24 Uhr heulten erstmals die Sirenen. In drei Wellen flogen später die Lancaster-Bomber der britischen Luftwaffe an. 90 viermotorige Maschinen sollen es gewesen sein, die 317 Tonnen Bomben rund um den Güterbahnhof abwarfen.

„Wir sind in den Keller des Nachbarhauses geflüchtet, weil der schon mit Baumstämmen abgestützt war. Bei uns lagen die Balken erst neben dem Haus“, erzählt Helga Kowallik. Ein Stück weiter oben hatte es Richtung Steinbruch einen Volltreffer gegeben, der auf späteren Luftbildern deutlich zu sehen ist. „Dort haben Menschen geweint und geschrien“, erinnert sich die Zeitzeugin.

„Nach dem Angriff ist der Großvater in den Garten gegangen und hat dort ein kreisrundes Loch im Boden entdeckt. Weil er nicht wusste, was er damit anfangen sollte, hat er einen Polizisten geholt. In dem Moment ist die Bombe im Boden explodiert. Das war Stunden nach dem Angriff am nächsten Morgen. Der Opa wurde von einer Zaunsäule getroffen, und es hat ihm den Fuß zerschmettert. Er hat aber überlebt. Unsere Hauswand war an der Längsseite eingedrückt. Die des Nachbarn auch.“ Kowallik erinnert sich, dass der Onkel, ein Maurer, die Wand später neu aufgezogen hat, gemeinsam mit Freunden.

66 Tote, 186 zerstörte Häuser rund um den Bahnhof

186 Gebäude werden in dieser Nacht in Cham beschädigt, vorwiegend rund um den Bahnhof. 66 Menschen sterben, 46 werden verwundet.

Was Helga Kowallik da beschreibt, verfolgt die Chamer bis heute. Die britischen Fliegerbomben haben nämlich tückische Eigenschaften. Der Sprengmeister Bernhard Zellmann hat 2010 bei der Entschärfung eines Blindgängers in der Taubenbühlstraße berichtet, dass die 250 Kilogramm schweren Fliegerbomben mit einer Geschwindigkeit von rund 800 Kilometern pro Stunde in die verdichteten und felsigen Böden der Stadt eingeschlagen haben.

Deswegen liegen Blindgänger dort meist nur in einer Tiefe von 60 Zentimetern bis zu einem Meter. Die Wucht ihres Aufpralls ist so groß, dass Kieselsteine zersplittern, Felsen zertrümmert werden und sich die Erdschicht verfärbt. „Das sind die Anzeichen, nach denen ich oft suche“, hat Zellmann erzählt.

Der tückische Zeitzünder

Die Bomben hatten keinen Aufschlagzünder. Stattdessen befand sich in der Spitze eine Blindschraube. Die Bomben explodierten also nicht beim Aufprall. Sie steckten in der Erde. Die Besetzung des Fliegers hatte die Möglichkeit, einen Zeitzündung beliebig einzustellen. Das funktionierte so: Am Heck der Bombe saß am Zünder ein kleines Windrad, das im Herabfallen eine Metallnadel in eine Säureampulle trieb. Die Säure tropfte auf ein Pergament und zerfraß es. Je langsamer die Einstellung, desto später die Zündung.

Putin hat es also nicht erfunden, dass nach der ersten Detonation Rettungskräfte und Heller anrücken, die dann bei einer zweiten Explosion getötet werden. Die britischen Bomben waren darauf ausgerichtet, durch eine Detonation im Boden die Grundfesten der Häuser zu zerstören und durch lange hinausgezögerte Explosionen die Bevölkerung maximal zu terrorisieren.

Flucht in den Steinbruch

Walter Donhauser aus Cham-West hat dem Bayerwald-Echo schon 2010 berichtet, wie er den Angriff in dieser Nacht überlebte, weil er mit seinen drei Geschwistern in den Steinbruch geflüchtet war. „Wir hatten den Steinbruch und den schützenden Wald noch nicht erreicht, als die Christbäume schon ganz Cham-West in ein gespenstisches Licht tauchten.“ – Christbäume wurden diese Markierungsbomben genannt, deren Leuchtmunition den Bombern das Zielgebiet markierte. Eine solche Christbaum-Bombe wurde beim Bau des Hochregallagers von Goldsteig im Aushub gefunden (Anm. der Red.).

Nach der ersten Welle, so erzählt Donhauser, seien noch eine zweite und eine dritte gekommen. Das Zischen der Bomben, das Dröhnen der viermotorigen Bomber und das Krachen der Einschläge im Bahnhofsviertel hat er nie vergessen. Und auch er belegt die Gefährlichkeit der Zünder: „Am Nachmittag wagten wir Buben uns trotz immer wieder hochgehender Zeitzünder in die Gartenstraße, wo mehrere Wohngebäude und der Rohbau eines Kindergartens in Trümmern lagen...“

Flüchtlingsfrau als Lebensretter

Ein weiteres eindrückliches Beispiel hat 2010 Erna Heitzer dem Bayerwald-Echo erzählt. Sie hat mit ihrer Familie in der Berghangstraße 1 gewohnt, dort wo später das Haus mit der Nummer 28 stehen wird. Am Morgen des 19. Aprils berichtet auch sie, sei um 3.30 Uhr Cham taghell erleuchtet gewesen. Im Nachthemd und barfuß flüchtet sie mit Mutter und Geschwistern in den Keller. Auch eine Flüchtlingsfrau mit ihren beiden Buben, die mit im Haus wohnt, kommt dort hinunter.

„Wir standen im Kellergang, als direkt vor unseren Füßen eine Bombe in den Boden schlug“, erinnert sich Heitzer. Die Flüchtlingsfrau erkennt das, und ruft: Jetzt müssen wir hier raus! „Das hat uns das Leben gerettet“, blickt Heitzer zurück. Im Gegensatz zu der Frau habe ihre Familie nicht gewusst, dass in der Bombe ein Zeitzünder war. Noch während sie flüchten, detoniert der Sprengsatz und zerstört das Haus. „Alles Schutt und Asche“, erzählt Erna Heitzer.

Blindgänger in Cham-West

Die Blindgänger dieses Angriffs vor 80 Jahren stecken heute noch irgendwo in Cham-West. Sie haben die Wucht des Aufpralls überstanden und deswegen ging Sprengmeister Zellmann davon aus, dass die Gefahr einer Explosion ohne Anlass nicht groß ist. Gefahr bestehe dann, wenn die Bombe bewegt, oder im Heckbereich beschädigt wird.

Deswegen werden Bauarbeiten im Bereich rund um den Bahnhof grundsätzlich von Spezialfirmen überwacht. Mit Sonden scannen sie den Untergrund nach Metall. Kein einfacher Job angesichts des Gewirrs von Gullideckeln, Gas- und Wasserleitungen und Wasserschiebern.

Das steht nun auch an bei der Sanierung der Eichenstraße und der Verankerung der notwendigen Sicherungsmauer. Meter um Meter muss erst gescannt und dann wieder gebohrt werden, bis jeder der mehr als 100 Anker sitzt. Das Erbe des Krieges ist langlebig.

Die Baustelle der Eichenstraße in Cham-West wurde anhand von vorhandenen Aufklärungsbildern analysiert. In dem Haus neben dem Bombentrichter in der Mitte lebt heute noch die Augenzeugin Helga Kowallik. Foto: Stadt Cham