Leichentrunk beim ältesten Stammtisch Regensburgs: Mangels Volk dankt der Kinibauer ab

Der Bürgermeister der „Unterer Wöhrdler Gmoa“ verkündet deren Auflösung. Sie ist die älteste Tischgesellschaft der Stadt und hat in 100 Jahren viel erlebt.
„Aus is’ und gar is’ und schad is’, dass wahr is’“: Ausgerechnet in seinem 100. Jahr gibt der älteste Stammtisch der Stadt seine Todesanzeige auf. Am Samstag, zur Sportschau-Zeit, ist Leichentrunk im Gmoa-Lokal Kolpinghaus. Mal sehen, wer von den letzten 16 Getreuen noch kommt.
32 Männer gründeten am 1. März 1925 im „Gasthaus zur silbernen Gans“ die Tischgesellschaft „Unterer Wöhrdler Gmoa“. Sie verpflichteten sich damals feierlich, Kameradschaft, Frohsinn und gegenseitige Achtung zu fördern. Jeden ersten Samstag im Monat trafen sie sich beim Gmoawirt und waren für ein paar Stunden andere Menschen. Sie läuteten die Gmoa-Glocke, setzten sich eine schwarze Zipfelmütze auf und redeten sich mit ihrem Gmoabauern-Namen an. Ihr gewählter Bürgermeister achtete auf ordnungsgemäßen Ablauf. Summa summarum 264 Männer schrieben so mit den Jahren ein besonderes Kapitel der bayerischen Wirtshaustradition.
Die Donauinsel liegt zwischen Lazarettspitz und Eiserner Brücke. Sie war schon immer hochwassergefährdet. Der Stammtisch der Gmoabauern war darin ein Fels des Zusammenhalts und der Geselligkeit. Jetzt geht es dahin mit der Tischgesellschaft, donauabwärts. Anker auf! Der Kinibauer dankt ab.
Flyer-Aktion ohne Wirkung
Die Tischgemeinschaft „Untere Wöhrdler Gmoa“ hat sich 26 Jahre lang tapfer gegen den Untergang gestemmt. Eine Flyer-Aktion 2014 in alle Briefkästen zeigte keine Wirkung bei den Anwohnern. In diesen Jahren wurde das „Dorf“ Unterer Wöhrd endgültig zum städtischen Wohnviertel. Der Niedergang des Stammtisches folgte dem Sterben der bayerischen Wirtshäuser. Es begann 1999, als die Gmoabauern ihr „Ganserl“ verloren. Im „Schildbräu“ in Stadtamhof und im „Landshuter Hof“ ereilte sie dasselbe Schicksal. Endstation ist nun das Kolpinghaus. Am ersten Samstag im April 2025 werden 100 Jahre Regensburger Wirtshauskultur „owegschwoabt“.
Die Gmoabauern sind im Schnitt über 70 Jahre alt. Zuletzt versammelte Bürgermeister Kinibauer „noch vier Hanseln“ im Burschenzimmer des Kolpinghauses. Die Amtskette des Gmoa-Bürgermeisters, um die früher heftig gestritten wurde, bleibt seit 17 Jahren wie Blei an ihm hängen.
Ganserl heißt jetzt Chaska
Ein letztes Mal: Vorm Gründungs-Wirtshaus, Werfstraße 3, setzt der Kinibauer seine schwarze Gmoa-Mütze auf. In seinem Herzen mischen sich die Gefühle. Hier war der Gründungs-Tempel der Gmoabauern und sein persönlicher Glückshafen, das Gasthaus zur silbernen Gans. Seine Schwiegermutter Maria Sack hat es 21 Jahre geführt. Hier hat er bedient und ausgeschenkt. Hier ist er 1984 in die Tischgesellschaft eingetreten. Er wurde 1984 Gmoabauer in dritter Generation: Bereits sein Schwiegervater Edi II. und dessen Vater Eduard II. waren Stammtischbrüder. Die Sack-Dynastie stammte aus dem ehemaligen „Dampfschiff“, Werfstraße 8, dem historischen Ausgangspunkt für die Personenschifffahrt bis hinab ins Schwarze Meer.
Heute deutet nichts mehr auf das Ganserl hin. Saal und Kegelbahn wurden abgerissen. Die fürstliche Immobilie ist filetiert, saniert und neu verpachtet an eine „Indian Street Kitchen“. Das „Gasthaus zur silbernen Gans“ nennt sich „Chaska“. Das ist ein geheimnisvolles Sanskrit-Wort.
Die Werftstraße glänzt in der Frühlingssonne. Sie hat ihren Namen von der ehemaligen „königlichen und kaiserlichen Werft der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft“. Fischer- und Schiffsmeisterhäuser geben ihr das Gepräge. „Zur Eröffnung des alten Eisstadions habe ich hier gesungen,“ fällt Peter König ein, als er die Werftstraße hinabgeht. „Im Jugendchor von Pestalozzi.“ „Wo Bier ausgeschenkt wird, kommen Menschen ins Gespräch, kommen sich näher und entwickeln interessante Gedanken.“ So einfach sieht das Gerhard Polt. Der Stammtisch gilt bei dem Stadtsoziologen Ray Oldenburg als ein „guter Ort“. Hier erfährt der Mann Nähe, kommt zu Wort und kann alle Neuigkeiten erfahren. Das ist ein zeitloses Versprechen.
Die besten Schweinshaxen der Stadt
Nach 1945 war der Gmoa-Stammtisch vom Unteren Wöhrd ein Magnet. Es gab noch keinen Fernseher, ein Smartphone zweimal nicht und ein Rauchverbot dreimal nicht. „Während der Fresswelle musste die Tischgesellschaft sogar den Zugang limitieren. Alle wollten Gmoabauern werden und die besten Schweinshaxen der Stadt essen“. Die lieferte traditionell der Gmoa-Metzger Wolf. Es ging hoch her im Ganserl. 1953 wurde hier eine Bauernhochzeit gefeiert. Die verheiratete Gmoawirtin Maria Sack heiratete zum Spaß einen Einmeter-Stumpen, den Hanslbauern.
Der Kinibauer schlendert die Werftstraße hinab. Beim Gmoa-Metzger Wolf bleibt er stehen und legt bei Hausnummer 19 eine Gedenkminute ein für den letzten Metzger im Viertel. Es ist noch nicht lange her, da konnte man hier mit dem grandiosen Blick auf die königliche Villa in seine Leberkässemmel beißen. „Veronika“-Kapitän Georg Schäffer grüßt. Er trauert den Zeiten nach, als er nach der Arbeit auf den Klinger-Schiffen seine Feierabend-Halbe im Ganserl trank. „Die Gmiatlichkeit und die Zeiten san vorbei“, meint er. „Wenn man heut in ein bayerisches Wirtshaus will, muss man rüber ins Museum gehen.“ Dort findet man dann auch seinen Stammtisch.
Stadtbekanntes Gesicht
Bei der ältesten Tischgesellschaft der Stadt wurde Buch geführt, teils kalligraphisch. In Folianten steht geschrieben, dass der Professor neben dem Straßenkehrer saß. Prof. Dr. Eberhard Dünninger, Generaldirektor der Bayerischen staatlichen Bibliotheken a.D. (1934 bis 2015), ließ sich hier als Schloutbauer nieder neben Herbert Eichhammer, dem Besenbauern. Dessen gütiges Gesicht war stadtbekannt.
Für die letzte Gmoa-Versammlung macht Gmoawirt Martin Seitel die Prälat Böhm-Stube auf. Es ist ausgerechnet der Raum, wo vormittags der Leichentrunk für Prälat Heinrich Wachter stattfindet. Der Kinibauer wird vielleicht was essen. Er kann zufrieden sein. Er hat mit dem Vorstand die letzten Dinge geregelt. Im Vorfeld haben sich der Kanonenbauer Dieter Möbert, der Laufbauer Franz Hohenleutner und der Kinibauer mit Prof. Dr. Waldherr von der Stadt getroffen. Die Gmoa wandert vom Unteren Wöhrd ins Archiv.
Mit allem, was von lokalhistorischem Interesse ist: Stammbaum mit Weinreben, Gmoa-Glocke und die Vitrine mit Standartenständer und Geräten der Gmoa-Liturgie. Am wertvollsten ist die Chronik, Dokument einer 100 Jahre alten Regensburger Stammtischkultur. Wenn die aufgearbeitet sein wird, wird die Gmoa in zwei, drei Jahren wieder aufleben, als Vitrine im Haus für bayerische Geschichte. Diese Vorstellung tröstet den Kinibauern. Dorthin können die Bewohner des Unteren Wöhrd pilgern, wenn sie ein lebendiges Stück Stammtischkultur sehen wollen. Als weißblauer Schmetterling hinter Glas, mit einer Nadel in der Brust.

