Weidepflicht bremst Bio-Landwirte aus: Zwei Betriebe im Landkreis Neumarkt haben schon aufgegeben

Das Bio-Siegel soll es in Zukunft nur mit Weidehaltung geben: Die EU hat klargestellt, dass auf Bio-Bauernhöfen Rinder, Schafe und Ziegen eine Weide brauchen. Doch kann längst nicht jeder Bio-Bauer genügend Weideland vorweisen: Droht nun vielen Bio-Betrieben im Landkreis Neumarkt das Aus?
Die befragten Landwirte Neumarkt knirschen mit den Zähnen und verweisen auf den enormen Mehraufwand und die hohen Kosten, die mit der Weidepflicht auf sie zukommen. Sie warnen aber auch vor Sicherheitsrisiken wegen der Gefahr von Ausbrüchen der Tiere und von Angriffen durch den Wolf.
Laut EU-Öko-Verordnung müssen Ökobetriebe ihren Pflanzenfressern – Rindern, Schafen, Ziegen – spätestens ab 2026 einen Zugang zur Weide gewähren. Ausschließlich Laufhöfe oder Ausläufe reichen nicht mehr aus. Insbesondere Betriebe mit langer Tradition, die sich innerorts befinden, hätten mit einer generellen Weidepflicht Probleme, weil sie die Tiere nur schwer jeden Tag durchs Dorf auf die Weide bringen könnten, erklärt Michael Gruber, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes. Die Regelung stelle eine Reihe von Betrieben im Landkreis vor quasi unlösbare Herausforderungen.
Das weiß auch Franz Baumer, Bereichsleiter Landwirtschaft am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Amberg-Neumarkt. Bereits bis Ende Februar hatten Bio-Betriebe eine Vorentscheidung treffen müssen: Baumer berichtet dass 22 Öko-Betriebe (von mehr als 200) keinen Antrag mehr auf die Kulap-Förderung gestellt haben – weil sie möglicherweise wieder auf konventionelle Landwirtschaft umstellen.
Keine Weide am Hof
Insgesamt zählt der Landkreis Neumarkt laut Baumer 289 konventionelle Milchviehhalter. Davon halten 213 mehr als 30 Milchkühe. In vergleichbarer Größe zählt der Landkreis zwölf Bio-Betriebe. Zwei haben Baumer zufolge nun wegen der fehlenden Weidemöglichkeit auf konventionelle Produktion umgestellt.
Einer davon ist Peter Meyer aus Holnstein (Berching): „Ich habe mich schon g‘scheit geärgert. Das ist für mich nicht schön.“ Der Landwirt klingt frustriert. Er habe seinen Hof seit 15 Jahren aus Überzeugung und erfolgreich nach ökologischen Kriterien betrieben.
„Das hätte nur Sinn gemacht, wenn wir dann auch die Hoflogistik und das Wohnhaus am Stall gebaut hätten.“ Peter Meyer, Holnstein
Der Grund für den Umstieg: Um die Weidepflicht umzusetzen, hätte er von der Ortsmitte auf die grüne Wiese aussiedeln müssen. „Das hätte nur Sinn gemacht, wenn wir dann auch die Hoflogistik und das Wohnhaus am Stall gebaut hätten“, erklärt Meyer.
Die Investitionen beziffert er auf rund 2,5 Millionen Euro – eine Summe, die er nicht hätte stemmen können, nachdem er bereits in den vergangenen Jahren viel Geld in die Stallungen im Ort gesteckt hat, sagt Meyer. Dass er jetzt wieder zurück zur konventionellen Landwirtschaft muss, sei für ihr „eine Riesenumstellung“. Er findet: „Die Regelung ist für die Bio-Bewegung in Deutschland ein gewaltiger Rückschritt.“
Weidezugang: Viel Arbeit, wenig Geld, hohes Risiko
„Ich verstehe den Gedanken dahinter schon, aber die Frage ist, ob wirklich alle Tiere auf die Weide müssen“, gibt Richard Götz aus Thann (Berching) zu bedenken. Wenngleich seine Trockensteher – Milchkühe, die Kälber erwarten – schon einen Weidezugang und die Flächen in unmittelbarerer Nähe des Hofes haben, rechnet der Bio-Landwirt mit hohen Kosten, wenn er für all seine Tiere – rund 200 Milchkühe und Bullen – einen Weidezugang schaffen muss: „Das bedeutet viel Arbeit, aber wenig Geld und ein hohes Risiko“, sagt er. Götz geht davon aus, er müsse für die weitere Einzäunung rund 30 000 Euro investieren.
Mehraufwand entstehe dadurch, dass die Milchkühe jeden Abend wieder zum Melken in den Stall getrieben werden müssten und die Zäune mindestens alle zwei Wochen ausgemäht werden müssten: „Dafür braucht es Manpower.“ Doch sei das noch das geringere Problem verglichen mit dem Sicherheitsrisiko, sagt Götz.
Denn es sei schwierig, die Weide so zu gestalten, dass aggressive Bullen nicht ausbrechen und andererseits Wölfe nicht in das Gehege eindringen könnten.
Mindestens 25 000 Euro werde er infolge der EU-Weidepflicht investieren müssen, rechnet Klaus Pätzold, überzeugter Bio-Bauer von der Friedlmühle in Neumarkt: für 1000 Meter Weidezahn, Futter- und Getränkestellen, die Pflasterung der Treibwege vom Stall zur Weide sowie den Grassamen für die Wiese. Dabei hat Pätzold den Ernteausfall für das 4,5 Hektar große Feld, wo der Weizen gerade zu sprießen beginnt, noch nicht mit eingerechnet.
Bio-Kühe leben länger
Die Pätzolds freuen sich, weil sie die Möglichkeit haben, dass sie über ein Feld verfügen, dass gleich neben dem Milchvieh-Laufstall liegt und es so kein Problem ist, eine Weide für die rund 100 Kühe zu finden. In dieser glücklichen Lage seien nur wenige Bio-Betriebe, weiß Pätzold. Der 34-jährige Landwirtschaftsmeister hat den elterlichen Betrieb 2016 zusammen mit seiner Frau Anja von konventioneller auf Bio-Landwirtschaft umgestellt.
Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereut hat: „Es gibt keinen Grund, das anders zu machen“, sagt Pätzold und listet eine Reihe von Plus-Punkten auf: Die Böden in der Bio-Landwirtschaft seien besser, humoser und nehmen dadurch auch das Oberflächenwasser besser auf.
„Es gibt fast keine Öko-Betriebe mehr, weil fast nichts übrig bleibt.“ Klaus Pätzold
Bio-Kühe gäben pro Tag zwar weniger Milch als andere, lebten dafür aber länger. In Summe gleiche sich das also mehr als aus. „Aber der Mehraufwand, auch wegen der strengen Auflagen muss halt auch bezahlt werden“, unterstreicht Pätzold und klagt: „Es gibt fast keine Öko-Betriebe mehr, weil fast nichts übrig bleibt.“
Kritik an der Umsetzung der EU-Öko-Verordnung kommt auch vom zuständigen Europaabgeordnete, Christian Doleschal: Anstatt regionale Unterschiede zu berücksichtigen, setze die EU auf pauschale Vorgaben, die in vielen Fällen schlicht nicht umsetzbar sind. Die CSU-Gruppe setze sich deshalb für eine pragmatische Anpassung der Auslegung ein.
EU-Weidepflicht und KULAP
EU-Öko-Verordnung: Diese sieht vor, dass in der Weidezeit allen Pflanzenfressern (Rinder, Schafe, Ziegen,Pferde) ein Zugang zu Weideflächen ermöglicht werden muss. Betroffene Betriebe, die das bislang nicht gewährleisten konnten, müssen in diesem Jahr ein Weidekonzept erstellen und mit der Umsetzung beginnen.
KULAP: Das bayerische Kulturlandschaftsprogramm (KULAP) ist der Überbegriff für Umweltmaßnahmen, an denen Landwirte freiwillig teilnehmen können. Das heißt, Landwirte, die über die gesetzlichen Vorgaben hinaus besonders umweltschonend (Blühflächen, weniger Tiere pro Hektar) wirtschaften, bekommen Geld von EU, Bund und Land Bayern, weil sie weniger ernten.
Fristen: Bei etwa zwei Dritteln der Bio-Betriebe stand bis 27. Februar 2025 die Entscheidung an, ob sie einen neuen Förderantrag für einen fünfjährigen Verpflichtungszeitraum im (KULAP) stellen.
