Tiere töten – aber mit Anstand: Warum Neumarkter Landwirte auf hofnahe Schlachtung umstellen

Es dauert bis zu drei Jahre, bis ein Rind geschlachtet werden kann. Landwirte in der Region Neumarkt reißen sich ein Bein aus, um den Tieren ein gutes Leben zu ermöglichen. Deswegen wollen die Bauern nicht, dass ihr Vieh am Ende des Lebens leiden muss. Doch derzeit lässt sich das häufig nicht vermeiden.
Immer mehr Metzgereien geben auf, nur noch wenige schlachten selbst – und die Transportwege werden immer länger. Unser Medienhaus hat Landwirte im Landkreis Neumarkt besucht, die sich für einen anderen Weg entschieden haben.
Rund 15 Metzgereien haben im Landkreis Neumarkt in den vergangenen Jahren aufgegeben, lässt Karl Schneider, Obermeister der Fleischer-Innung im Landkreis Neumarkt, wissen. Zwei weitere folgten in Kürze, weiß er. Die gesetzlichen Anforderungen stiegen ständig und damit auch die hohen Investitionskosten. Dazu komme der Personalmangel, nennt Schneider die Gründe.
„Wie die Metzgereien sterben auch die landwirtschaftlichen Betriebe“
„Es brennt überall in der Branche“, empört sich Johannes Breindl. Der Metzger wollte seinen Familienbetrieb im Berchinger Stadtteil Rappersdorf eigentlich weiterführen, bis er 60 ist. Doch jetzt wirft er hin – er findet „keinen Azubi, keinen Metzger und allein ist das nicht zu machen“, sagt er.
Arbeitswochen mit bis zu 70 Stunden, überbordende Bürokratie und hohe Investitionskosten – das lasse viele Metzger kapitulieren, weiß Breindl und warnt: „Das zieht einen langen Rattenschwanz nach sich: So wie die Metzgereien sterben, sterben auch die landwirtschaftlichen Betriebe.“
Seit langem kein Schlachthof mehr im Landkreis
525 Rinder- und 343 Schweinehalter (davon 301 Schweinemastbetriebe) und 58 zugelassene Schlachtbetriebe gibt es laut Veterinärdirektorin Sonja Forster vom Veterinäramt Neumarkt, davon schlachten 35 Metzgereien noch selbst. Die anderen bringen die Tiere zum Schlachthof. Nachdem es im Landkreis Neumarkt seit langem keinen mehr gibt und auch der in Lauf vor Jahren geschlossen hat, sind die nächstgelegenen laut Amtstierärztin in Fürth, Erlangen, Bayreuth, Ingolstadt, Landshut, München, Crailsheim.
Für die Schlachttiere bedeutet das Stress: Die Transportwege werden länger und sie müssen in fremder Umgebung auf den Tod warten. „Das haben wir nicht mehr übers Herz gebracht. Wir wollten das nicht mehr“, unterstreichen die Rinderhalter und Direktvermarkter Daniela und Matthias Ochsenkühn aus Tyrolsberg. „Wir betreiben einen Riesenaufwand für Nachhaltigkeit, Tierwohl und beste Fleischqualität und wollen nicht, dass das auf den letzten Metern kaputt gemacht wird.“
Hofnahe Schlachtung als Alternative
Das war auch für Andrea und Michael Gärtner aus Stauf der ausschlaggebende Punkt: „Wir wollten diesen Stress für die Tiere nicht mehr.“ Beide Familienbetriebe nahmen viel Geld in die Hand und stellten ihre Betriebe auf hofnahe Schlachtung um.
Die Ochsenkühns nahmen 2020 ihr eigenes Schlachthaus in Betrieb. Es befindet sich direkt neben dem 2017 gebauten Stall und entspricht allen EU-Zulassungen. Fast zur gleichen Zeit , 2016 bis 2018, errichteten die Gärtners in Stauf ihr Schlachthaus mit Tötungs-, Kühl- und Zerlegeraum direkt neben der Weide auf dem ehemaligen Hof der Großeltern.
„Wirtschaftlich rentiert sich das nie“
Als gelernter Maurer legte Michael Gärtner dabei selbst mit Hand an: „Sonst wäre das kaum zu finanzieren gewesen“, sagt er, denn die Kosten hätten sich anderweitig wohl im sechsstelligen Bereich bewegt. Aber die Investition ins Tierwohl sei es der Familie wert gewesen.
„Wirtschaftlich rentiert sich das nie“, meint Matthias Ochsenkühn, „aber wir wollten, dass unsere Tiere so wenig Stress wie möglich haben“. „Schlachten ist immer ein heikles Thema. Das ist für uns immer hart“, ergänzt seine Frau Daniela. Aber auch für den Rest der Herde. Diese bemerke eine veränderte, angespannte Situation sofort, weiß Ochsenkühn aus Erfahrung. Deswegen kamen die Ochsenkühns auf eine Lösung, die für Außenstehende vielleicht paradox klingen mag: Sie integrierten einen mobilen Schlachtstand in den Stall. Von der Einstallung an werden die Tiere mit Salzlecksteinen ermuntert ihn zu betreten.
Schlachthaus direkt neben Stall und Weide
Soll ein Rind geschlachtet werden, so sei es gewohnt, in den Stand zu laufen und werde dort betäubt, erklärt Matthias Ochsenkühn. Binnen kürzester Zeit – „unter einer Minute, wie auch gesetzlich vorgeschrieben“ – wird der Schlachtstand dann mit einem Radlader aus dem Stall gehoben und ins fünf Meter entfernte Schlachthaus transportiert. Dort wird das Tier letztlich geschlachtet und entblutet.
Bei den Gärtners liegt das Schlachthaus keine 20 Meter entfernt von der Weide. Auch sie legen großen Wert darauf, dass das Schlachttier so aus der Herde geholt wird, dass es die anderen nicht bemerken.
Die Gärtners haben sich vor 20 Jahren entschieden, mit der Zucht von Angus-Rindern zu beginnen. Die Tiere werden von Hand aufgezogen. Die rund 20 Rinder, die sie halten, leben das ganze Jahr über im Freien: „Die Angus fühlen sich so wohl“, erklärt Andrea Gärtner. Bei schlechtem Wetter, zum Schlafen und Fressen bietet ihnen ein Unterstand Schutz, im Sommer spenden Hecken und Büsche Schatten.
Die Weide liegt direkt neben dem Wohnhaus der Familie. Auch Bio-Puten und Bio-Gänse halten sie auf ihrem Hof, die wie die Rinder ebenfalls direkt vermarktet werden. Geschlachtet wird etwa alle fünf Wochen, so Gärtner.
16 Betriebe haben eine Genehmigung
Die Ochsenkühns halten in ihrem etwas außerhalb gelegenen Stall und auf den sich anschließenden Weiden rund 40 Limousin-Rinder – allesamt Färsen. Diese kommen mit etwa einem halben Jahr auf ihren Hof. Das Futter stammt von den eigenen Wiesen. Geschlachtet werden die Rinder mit rund drei Jahren – etwa zwölf bis 15 im Jahr. Direktvermarkter sind die Ochsenkühns inzwischen seit 28 Jahren.
16 Betriebe haben derzeit laut Amtstierärztin Forster im Landkreis Neumarkt eine Genehmigung für hofnahe Schlachtung. Drei weitere Anträge seien aktuell in Bearbeitung, die Auflagen hoch, der Mehraufwand für die Betriebe groß. Beantragt werden könne die so genannte Schlachtung im Haltungsbetrieb für Rinder, Pferde und Schweine.
Weideschuss als weitere Option
Unter dem Begriff „hofnahe Schlachtung“ oder „Weideschlachtung“, so erläutert Forster, werden Schlachtungen im räumlichen Umfeld des Herkunftsbetriebs verstanden. Beide Begriffe würden synonym gebraucht. Bei jeder Schlachtung stünden Tierwohl und Hygiene im Vordergrund, unterstreicht Forster. Deswegen seien die Anforderungen auch entsprechend hoch.
Tierschutzrechtlich sei bei der Schlachtung von Rindern die Betäubung per Bolzenschuss und Tötung durch Entbluten das übliche Verfahren. Nur bei ganzjährig im Freien gehaltenen Rindern sei die Betäubung und Tötung per Kugelschuss unter bestimmten Voraussetzungen genehmigungsfähig, so die Amtstierärztin.
Eine Option, die auch Andrea Gärtner noch im Visier hat, „weil ein Weideschuss schonender und stressfreier fürs Tier ist“. Wenngleich das wiederum mit Kosten verbunden ist, steht für sie im Vordergrund, dass die Tiere auf ihrem letzten Weg nicht leiden. Genau wie für die Ochsenkühns.

