Nach der Messerattacke: Jetzt spricht der Veranstalter des kurdischen Neujahrsfests in Parsberg

Viele Menschen kamen und wollten Freiheit und Neubeginn feiern. Doch dann stürzt eine Bluttat das friedliche kurdische Familienfest ins Verderben. Jetzt bricht der Veranstalter, ein junger Mann (35) aus Parsberg im Landkreis Neumarkt, sein Schweigen und erzählt, wie das Newroz-Fest nach Parsberg kam und wie er den Sonntag erlebt hat.
Seinen Namen will der Mann nicht nennen, zu viel Angst machen ihm die feindseligen Kommentare und Aussagen, die nicht nur durch die sozialen Medien, sondern auch durch Parsberg wabern. Der Tenor: Ein Fest von solchen Leute, die gleich zum Messer greifen, hätte nie stattfinden dürfen. Mit „solchen Leute“ sind in diesem Fall Menschen mit kurdischen Wurzeln gemeint. Sie stammen aus dem Iran, Irak, Syrien und der Türkei.
Ein Kommentar zum Thema: Nach der Messerattacke in Parsberg: Es gibt nur Opfer
Der 35-jährige Mann, der das Fest in Parsberg 2017 und danach noch einige weitere Male organisiert hat, flüchtete 2014 aus Syrien nach Parsberg. Er ist verheiratet, hat einen festen Beruf und spricht gut deutsch. Trotzdem stockt ihm immer wieder die Stimme, sucht er nach den richtigen Worten, wenn er über sein Newroz-Fest erzählt.
Erinnerung an die Kindheit
In seiner Kindheit seien seine Eltern an diesem Tag immer mit der ganzen Familie nach draußen gegangen. Man habe sich mit anderen getroffen, getanzt, gegrillt und einen Tag der Freiheit, des Neuanfangs und des Siegs über den Tyrannen aus einer Sage (siehe Infokasten) gefeiert. Newroz habe nicht mit Religion, Politik oder Nationalität zu tun. Es sei ein Familienfest, an dem man zusammenkomme, gutes Essen genieße und am Feuer tanze.
„Als ich nach Deutschland kam, habe ich mein Fest vermisst“, sagt er. Und deshalb habe er bei der Stadt Parsberg nachgefragt, ob und wo es möglich sei, solch ein Fest zu organisieren. Gezeigt wurde ihm der Grill- und Zeltplatz und so wurde erstmals Newroz gefeiert. „Wir haben 2017 angefangen, mit ein paar Familien. 2019 haben wir auch gefeiert, dann ist Corona gekommen“, erzählt der Organisator. Nach Corona hätte man wieder angefangen. Mit der Zeit sei das Fest gewachsen, denn es „ist ein schöner Ort und alle haben Spaß gehabt und die Leute haben es untereinander weiterempfohlen.“
Polizei und Stadt Parsberg immer eingebunden
Immer seien Polizei und Stadtverwaltung eingebunden gewesen. „Wir haben auch den Bürgermeister eingeladen, uns zu besuchen. Denn wie alle Menschen freuen wir uns, wenn viele Menschen unterschiedlicher Nationalität mit uns zusammen unsere Tradition pflegen“, erzählt der 35-Jährige. Das sei genauso wie wenn ein Kurde aufs Trachtenfest gehe.
Dass es vorher niemals Probleme gegeben habe, bestätigt Stadtrat Josef Hierl, der für den Touristikverband Parsberg-Lupburg als Platzwart fungiert und von Anfang an mit dem Veranstalter zusammengearbeitet hat. „Es wurde immer friedlich gefeiert und der Platz sei am Tag danach immer picobello aufgeräumt und gereinigt worden – übrigens auch am Montag nach dem tragischen Zwischenfall. Zudem seien die Mieteinnahmen durch das Fest die größte jährliche Einnahme durch den Zelt- und Grillplatz.
2025 sei die Veranstaltung, unabhängig von der Bluttat, allerdings an ihre logistischen Grenzen gekommen. Das bestätigen Hierl und der Veranstalter. „Dieses Jahr war krass. Wir haben gedacht, dass vielleicht 200 oder 300 Leute kommen. Am Ende waren es mehr als 800“, erzähl er. Es gab zum Beispiel stetig lange Schlangen vor den Toiletten. Trotzdem sei alles unter Kontrolle gewesen.
Aus Familienfest wird schlagartig eine Tragödie
„Wir hatten junge Helfer, die den Parkplatz organisiert haben. Zwei waren beim Feuer und haben aufgepasst, dass die Leute oder Kinder nicht mit dem Feuer spielen. Ja, es war ein schöner Tag.“ Weil es so viele Besucher gab, sei es ein besonderes Gefühl gewesen, die traditionellen Tänze zu tanzen. Dabei die Hände von eigentlich Fremden zu ergreifen und so eine Beziehung aufzubauen und sich kennenzulernen.
Doch plötzlich sei alles anders gewesen. „Wir sind alle schockiert. Das war eine schlechte Überraschung für uns“, sagt der 35-Jährige über die Messerattacke. Der Täter habe danach nicht einmal versucht zu flüchten. Er sei stolz gewesen, habe davon gesprochen, dass er sich gerächt habe, weil das Opfer seine Schwester getötet haben soll. Eine Motivlage, die Oberstaatsanwältin Heike Klotzbücher als Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth zwar nicht bestätigt, aber auch nicht dementiert. Der Tatverdächtige habe bisher keine Angaben gemacht, die Ermittlungen würden deshalb noch Zeit in Anspruch nehmen.
„Es ist nicht einfach für mich und für uns alle. Ich kann es noch nicht endgültig sagen, aber ich denke, ich gehe in die Richtung, dass ich aufhöre, dass ich es nicht mehr mache“, sagt der Organisator über die Zukunft seines Festes. Er habe zu viele Sorgen, dass wieder etwas passieren könnte. Das sei jetzt seine Meinung, er wisse noch nicht, was später kommt. Folgt der Veranstaltung der Meinung der Mehrheit?
Ein Feuerwehrmann vertrat gegenüber Hierl noch während des Einsatzes am Sonntag eine andere Sichtweise. Schließlich würde ja auch das Volksfest nicht aufgegeben, nur weil ein Einziger einem anderen einen Maßkrug auf den Kopf schlägt.
Newroz – ein neuer Tag ohne Tyrann
Übersetzt heißt Newroz neuer Tag. „Es wurzelt in einer Geschichte, die sich vor 2700 Jahren abgespielt haben soll“, erzählt der Veranstalter. Damals herrschte in der Heimat der Kurden ein tyrannischer König, der eine Burg auf einem hohen Berg hatte. Seine Untertanen lebten buchstäblich unter ihm im Tal.
Als der König krank wurde, sagten ihm die Ärzte, er müsse seine Schulter jeden Tag mit dem Gehirn zweier Knaben einreiben. Also beauftragte er einen Schmid, täglich zwei Jungen zu schlachten und ihm, dem Herrscher , die Gehirne bringen. Der Schmid aber versteckte die Jungen, schlachtete stattdessen Schafe und täuschte so den Herrscher. Die versteckten Jungen wuchsen zu Kriegern heran.
„Der Schmid sagte den Menschen am 20. März, er werde eine Armee aufstellen und versuchen, den Tyrannen zu stürzen. Wenn er gewinnt, werde er auf dem Berg ein großes Feuer entzünden. Und so wurden dieser Tag und das Feuer für uns Kurden ein Symbol“, sagt der Veranstalter des Festes. „Der nächste Tag, der 21. März, das war ein freier Tag. Ohne König, ohne Diktator. Die Leute haben diesen Tag gefeiert.“ So entstand Newroz, ein Fest das aus Sicht des Veranstalters nichts mit Religion, Politik oder Nationalität zu tun hat.