Die Ossis im Fernsehzoo der Wessis: Wer macht sich hier zum Affen?

Antje Thoms bringt „Wir sind auch nur ein Volk“ in eigener Fassung auf die Bühne des Antoniushauses: Ein erhellender, kluger und auch witziger Abend über eine Beziehung, die gar nicht zum Lachen ist.
Als Helmut Kohl uns 1990 blühende Landschaften versprach, machten sich Hüben und Drüben neugierig und hoffnungsvoll auf den Weg, einander kennen zu lernen. 35 Jahre später scheinen Ost und West – blickt man nur mal auf die AfD-Wahlergebnisse – eher weiter auseinander als damals. Wie konnte es dazu kommen? Das Theater Regenburg schaut mit dem Spielzeit-Motto „Entfernungen“ auf die Teile Deutschlands, so nah und so entfernt, und bietet drei Zugänge an, die sich ineinander klinken und aufschließen.
Den Auftakt einer Trilogie machte Lars Eidinger mit Texten von Thomas Brasch, der in der DDR nicht glücklich war und es im Westen nicht werden konnte. Es folgte die fulminante Mini-Oper „Die wunderbaren Jahre“ nach den Protokollen von Reiner Kunze, komponiert von Torsten Rasch; beide hatten selbst erlebt, wie die DDR ihre Jugend indoktrinierte und zu brechen suchte. Nun hatte im Antoniushaus „Wir sind auch nur ein Volk“ Premiere: nach Drehbüchern von Ex-DDR-Schriftsteller Jurek Becker, die 1994 als TV-Serie mit Manfred Krug bei ARD liefen. Das Stück wechselt wiederum die Perspektive. Es öffnet den Blick dafür, was es für Ossis bedeutete, von Wessis vereinnahmt zu werden. Regisseurin Antje Thoms dampfte acht Stunden Film auf einen dreistündigen Abend ein, der glücklicherweise viele Szenen rettet, der tolle Einfälle mitbringt, wie im Flug vergeht – und den man eigentlich gern auf dem Schulstundenplan sehen würde.
Es wird aufgebaut und eingerissen
Die Beziehung Ost-West ist gar nicht zum Lachen, hier aber ausgesprochen witzig. Der Plot: Fernsehen soll Menschen zusammenbringen und Anton Steinheim (sehr differenziert: Guido Wachter), der von Ossis keinen Dunst hat, eine Serie schreiben. Studienobjekt sind die Grimms in Dresden, bei denen aber wenig los ist außer tristem Daseinskampf und dysfunktionalem Familienalltag. Es wird viel gesüffelt und mit Anker-Spielbausteinen hantiert. Das gerade Aufgebaute reißt todsicher gleich wieder jemand ein – eins der stimmigen Bilder, die Antje Thoms findet.
Damit Leben in die Bude kommt und vor allem die schöne TV-Gage weiter fließt, setzen die Grimms also allerhand Ost-Folklore in Szene, Motto: Wir zeigen euch, wie ihr uns sehen wollt. Sie lassen einen angeblichen Stasi-Mann antanzen, weil doch drüben jeder einen Spitzel kannte. Und sie kochen fasernackt Kaffee, weil man ja weiß, dass DDR für FKK steht.
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Florian Barth vollbringt ein Kunststück mit seiner Ausstattung, secondhand aufgestöbert in Chemnitz und Berlin. Die elf Darsteller in 27 Rollen tragen knallig-coole West-Outfits und lächerlichen Ost-Chic, der den letzten Schrei sucht, samt berüschtem Jeansrock. Preiswürdig! Und wie raffiniert die beschränkten Mittel der Bühne im Antoniushaus genutzt sind! An der Rampe spielt sich der Westen ab, mit angeberischen TV-Leuten und windigen Geschäftemachern. Hinter dem Goldvorhang tut sich die piefige Grimm-Wohnung auf, mit Sofas, die aussehen, als röche man ihr Müffeln noch in der letzten Reihe. Oben laufen originale DDR-Clips – Trabis, Bruderküsse, Reifen schwingende Sportlerinnen – und Live-Videos. Die erweisen sich als Riesen-Gewinn. Im Zoom zeigen sich kleinste Regungen in den Gesichtern eines Ensembles in Hochform, das hier seine ganze Klasse beweist.
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Wie bekommt man bitte ein so beleidigtes Kinn hin wie Anna Paula Muth? Sie spielt diverse Freundinnen von Ex-Philosophie-Student Theo (Paul Wiesmann, herrlich als unreifer Nichtsnutz, den man sich als Sohn nicht wünscht). Und wie gibt man den Augen das glasige Schimmern von zu viel Bier (Glanzrolle für Gerhard Hermann als nerviger Opa-Tyrann Karl Blauhorn)? Wo nimmt man die Mischung her aus demütig-tapfer und desillusioniert (ringt anrührend um seine Würde: Thomas Mehlhorn als Loser Benno Grimm)? Wo lernt man diesen kalten Pragmatismus unter munter-mädchenhafter Fassade (jede Sekunde in ihrer Rolle: Kathrin Berg als Lehrerin Trude)? Großartig in Vielfach-Rollen etwa auch Michael Haake als bezaubernde Corinna oder bedürftiger Saufkumpel und Joscha Eißen als schmieriger Verkäufer. Viele Akteure bringen – wie Antje Thoms – eigene Ost-Geschichte mit. Das ist ein Plus: Die Figuren sächseln authentisch, ohne dass es je peinlich wird.
Wirklich sympathisch ist keiner dieser Beziehungsgestörten, aber unterm Strich nimmt man staunend zur Kenntnis, dass der selbstgerechte Westen im Grunde verlogener ist als der Osten; ihm fehlt selbst das Rückgrat, das er gern von andern verlangt. Denn im Westen änderte sich 1990 kaum etwas – aber im Osten fast alles.