Jahresempfang der ostbayerischen Wirtschaft: Digitale Chancen und Erwartungen an die Politik

Zwei Aspekte waren es, die den Jahresempfang der ostbayerischen Wirtschaft am Dienstagabend prägten. Zum einen standen ganz aktuell die Erwartungen an die Politik im Mittelpunkt der Veranstaltung der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz und der IHK Regensburg für die Oberpfalz und Kelheim. Andererseits gab der Festvortrag des bayerischen Digitalministers Fabian Mehring das Thema vor, worüber sich die 200 Gäste anschließend intensiv austauschten.
Dass die Menschen „Veränderung erwarten“, auf diesen Nenner hatte zu Beginn der gastgebende Handwerkskammerpräsident Georg Haber die Erwartungshaltung gerade auch in Ostbayern gebracht und damit auch konkrete Forderungen verbunden: Entlastungen bei den Abgaben, eine planbare und bezahlbare Energieversorgung, Abbau der Bürokratie sowie eine gezielte Zuwanderung, um die Fachkräftebasis zu sichern. Statt taktischer Machtspiele müsse es künftig um eine sachorientierte Politik gehen. „Keine schnellen Versprechen, sondern gut durchdachte praxisnahe Lösungen“ erwartet Haber von der Politik. Um die Herausforderungen der Zukunft bewältigen zu können, werde es vor allem ohne Digitalisierung nicht gehen.
Fabian Mehring: Mit Mut in Zukunftstechnik
Umso mehr zeigten sich die beiden Kammern erfreut, dass der im Freistaat für Digitales zuständige Minister Mehring für den Jahresempfang gewonnen werden konnte. Der Freie-Wähler-Politiker betonte zwar, dass in puncto Digitalisierung speziell Ostbayern durchaus „voranmarschiert“. Generell jedoch bedauerte er das Fehlen einer „Leitidee“, ohne die eine Gesellschaft nur sehr schwer die Ärmel hochkrempeln könne. Nur mit Hilfe der Digitalisierung werde man Wohlstandsverluste verhindern oder die Bürokratie nicht als „Bleigewicht“ empfinden.
Die Welt habe sich in den letzten Jahren gravierend verändert, „so dass wir mit den Rezepten der 90er-Jahre nicht aus der Krise kommen werden“. Vielmehr müsse Deutschland als der „kranke, alte Mann Europas“ endlich mit Mut in Zukunftstechnologien investieren. In diesem Zusammenhang appellierte Mehring an die Unternehmen, die Möglichkeiten von KI und Digitalisierung zu nutzen. Der Staatsminister sprach sich auch und gerade im Bereich Digitales für eine engere europäische Zusammenarbeit aus und erinnerte an das Erfolgskonzept von Airbus. Schließlich sei der KI-Boom die industrielle Revolution unserer Zeit.
Jepsen Autogruppe lasse sich nicht entmutigen
Wie sehr sich vor allem Familienbetriebe in der Tat diesen Herausforderungen längst stellen, machte auch eine kleine Umfrage der Mediengruppe Bayern deutlich. Laut Geschäftsführer Johannes Marx lasse sich die Jepsen Autogruppe mit Sitz in Regensburg keineswegs entmutigen, obwohl seine Branche einem besonders intensiven Transformationsprozess ausgesetzt sei. Deshalb setzt Marx sehr stark auf die Ausbildung seiner Mitarbeiter, was auch sein Kollege Rudolf Angerer aus Schierling im Kreis Regensburg unterstrich. Der ehemalige Weltmeister − er war Gewinner der Goldmedaille beim Internationalen Berufswettbewerb im Kfz-Mechaniker-Handwerk – und aktueller Vorstandsvorsitzender der Kfz-Innung Niederbayern-Oberpfalz verwies nicht zuletzt darauf, dass es in Zukunft mehr denn je auf Qualität ankommen werde. Man müsse den Wandel mitgestalten und das eigene Team auf diesem Weg mitnehmen, wozu Angerer auch „gut bezahlte Jobs“ zählte.
Christine Graf, nicht nur beim Verein Unternehmerfrauen im Handwerk in Niederbayern engagiert, sieht ihr seit 1987 familiengeführtes Landtechnik-Unternehmen in Tittling im Kreis Passau als fachlich kompetenten Ansprechpartner für gebrauchte Traktoren und Radlader und hat deshalb mit einem zusätzlichen Transformations-Effekt zu kämpfen: „Wir bedauern es, weil wir auch darunter leiden, dass immer mehr mittelgroße Landwirte aufgeben.“
Rita Högl: Digitaler „Fluch und Segen“
Dass Digitalisierung durchaus Fluch und Segen gleichermaßen sein kann, darauf verwies die IHK-Vizepräsidentin Rita Högl, die mit ihrem Bruder die Högl Kompost- und Recycling-GmbH im südlichen Landkreis Kelheim leitet. Einerseits biete die Digitalisierung viele Chancen, um Arbeitsabläufe zu vereinfachen. Gleichzeitig müsse man aber vielen staatlichen Digitalisierungsanforderungen nachkommen, für die man zusätzlich Personal oder externe Dienstleister benötige. Als Beispiel nannte Högl EU-Vorgaben, die in Deutschland enger ausgelegt würden als andernorts.
Schließlich forderte IHK-Präsident Michael Matt eine ambitionierte Reformagenda: „Jetzt muss die Politik liefern!“ Beim Bürokratieabbau erwarte die Wirtschaft einen umfassenden Rückbau, nicht nur kleinere Anpassungen. Gerade die Digitalisierung sei kein Sprint, sondern Marathon: „Sie erfordert Ausdauer, Veränderungsbereitschaft und Teamarbeit.“ Jetzt müsse man „vom Reden ins Handeln kommen“.




