„Regelwut erdrückt uns“: Gerhard Gröschl vom Landesverband der Elektriker im Interview

Von Christian Eckl · 16. März 2025 um 19:00

Der aus Lappersdorf bei Regensburg stammende Gerhard Gröschl ist unter anderem Finanzvorstand im Landesinnungsverband des Bayerischen Elektrohandwerks. Somit ist er auch für die Planung und Umsetzung des Hochschulbaus des Verbandes in München zuständig. Im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern beschreibt Gröschl, wo im Elektro-Handwerk der Schuh drückt.

Welche Themen brennen Ihren Mitgliedern unter den Nägeln?

Gerhard Gröschl: Der Fachkräftemangel ist eklatant. Der Markt ist nach wie vor leer gefegt. Wenn man einen Gesellen oder gar einen Meister bekommt, dann ist das ein Glücksfall. Selbst langjährige Mitarbeiter kann man manchmal aber nicht halten. Erst kürzlich haben mich zwei Mitarbeiter verlassen und sind zur Stadt Regensburg gewechselt. Große Unternehmen wie Maschinenfabrik Reinhausen oder BMW können mehr bieten. Ich könnte auch mehr bieten, aber dann müsste ich bei der älteren Dame 20 oder 30 Euro mehr verlangen für den Hausbesuch. Handwerk ist eben auch auf der Baustelle, weiche Faktoren wie zum Beispiel die Kaffeemaschine oder den Anspruch auf genehme Temperatur gibt es dort nicht. Damit stehen wir in einer sehr schwierigen Konkurrenz.

Dabei klagen viele, dass kein Handwerker kommt, wenn man ihn braucht.

Gröschl: Das ist das Resultat aus diesen Umständen. Zumal man einen Elektriker, welcher jahrelang auf der Baustelle gearbeitet hat, nicht einfach so zum Kundendienst schicken kann. Diesem fehlen oft die kommunikativen oder fachspezifischen Kompetenzen. Unser Beruf ist ohnehin vielschichtig: Von der Photovoltaikanlage über Elektroanschlüsse bis hin zu Telefon- und Satellitenanlagen. Die Bandbreite ist so groß, dass es ohnehin schwierig ist, Auszubildenden in dreieinhalb Jahren all diese Kompetenzen zu vermitteln.

Im Moment hat die Industrie aber Probleme. Bleibt es dabei, dass die Contis und BMWs der Region Ihrem Handwerk die Fachkräfte wegschnappen?

Gröschl: Eher selten kommen Handwerker von der Industrie zurück in die kleinen Betriebe. Was wir derzeit beobachten ist, dass eine immer größere Nachfrage von ausgebildeten Handwerkern aus der Industrie nach Ausübungsberechtigungen im Handwerk da ist. Unsere Innung unterstützt dies mit vielfältigen Schulungen. Dies weist darauf hin, dass sich wieder mehr Elektriker selbständig machen wollen.

Wollen wieder mehr Handwerker ihr eigener Chef sein?

Gröschl: Oft kommen diese Handwerker aus artverwandten Branchen, wie metallverarbeitenden Betrieben, in denen die Auftragslage schlechter wird. Und es gibt viele, welche sich im Nebenerwerb selbständig machen wollen. Die Zahl der Elektrobetriebe geht insgesamt zurück.

Oft wird über die „Generation Z“ geschimpft, sie verweigere sich der Leistung. Stimmt das?

Gröschl: Grundsätzlich hat sich etwas bei uns verändert, aber das liegt nicht an den jungen Menschen. Unser Land hat sich so entwickelt. Für uns war klar, Leistung und Wohlstand gehören unmittelbar zusammen. Die jungen Menschen finden eine Welt vor, in der für alles gesorgt ist: Selbst wenn ich nichts mache, irgendwer hält mich.

Gleichzeitig wollte unsere Gesellschaft ja, dass immer mehr junge Leute studieren. Jetzt merken viele: Das Handwerk hat vielleicht doch goldenen Boden. Oder?

Gröschl: Ich würde sagen: Silbernen Boden. Das Umdenken beginnt sehr zaghaft. Die großen Werbekampagnen des Handwerks wirken, sind aber noch nicht durchschlagend. Aber ich glaube, das kommt noch. Gleichzeitig sind einige Dinge bei uns im Moment schon auf den Kopf gestellt. Ein sogenannter Influencer hat einen hohen Stellenwert. Einen Termin im Nagelstudio bekommt man leicht, aber im Krankenhaus sieht man den ganzen Tag keinen Pfleger. Die Löhne müssten einfach auch wieder den Notwendigkeiten entsprechen. Wenn man sich ansieht, wie viele Fächer man studieren kann und was es da alles gibt. Nehmen Sie Gender Studies. Das ist für sich genommen schön, wenn es uns gut geht. Das Problem aber ist: Für die Pflicht geht uns das Geld aus, aber wir geben es nach wie vor für die Kür aus.

Beklagt wird häufig auch die Bürokratie. Sehen Sie das auch so?

Gröschl: Ich stelle fest, dass unsere Verwaltungen immer größer werden. Und die Regelungswut, welche immer mehr Beamten und Mitarbeitern im öffentlichen Dienst einfällt, erdrückt uns. Das zieht sich wie ein Krake durch. Nehmen Sie das beispielsweise Lieferkettengesetz, von dem kleine Betriebe ja zunächst ausgenommen sind. Aber wenn man auf einer großen Baustelle tätig ist, betrifft einen das. Auch die Berufsgenossenschaften leisten ihren Beitrag dazu. Stichwort Leiterverordnung: Ich habe unsere alten Leitern wegwerfen müssen und unserem 50-jährigen Mitarbeiter, welcher seit 30 Jahren im Geschäft ist, das Arbeiten mit Leiter neu erklären müssen.

Machen diese Regelungen das Handwerk teurer?

Gröschl: Natürlich. Die neue Asbestverordnung führt dazu, dass ich künftig bei jedem Umbau Probebohrungen machen muss. Kann ich nicht nachweisen, dass kein Asbest verbaut ist, muss mein Mitarbeiter – also der Elektriker – auf der Baustelle einen Anzug und Maske tragen. Unser Problem ist, dass wir jedes Risiko ausschließen möchten.

Werden auch die Kunden schwieriger? Vor Jahren machte ein Fliesenleger Schlagzeilen, weil er sich weigerte, Audi-Ingenieure zu bedienen, weil die jede Fuge nachmessen.

Gröschl: Ob es der Audi-Ingenieur ist oder der Arzt – von 100 Kunden hat man immer einen Vogel dabei, der durch Halbwissen aus dem Internet versucht, schlauer zu sein als ich. Ich hatte mal einen Arzt als Kunden, zu dem ich sagte: Wenn ich einen Arzt habe, dem ich nicht mehr vertraue, dann suche ich mir einen anderen. Das habe ich ihm für seine Elektroarbeiten auch geraten.

Ihre Branche profitiert von der Energiewende. Gleichzeitig lernen wir neue Wörter wie Dunkelflaute. Sind wir naiv?

Gröschl: Es ist zumindest naiv zu glauben, den Sonnenstrom gibt es umsonst. Das war die größte Lüge der Politik. Sonnenstrom kostet viel Geld. Wenn die Sonne scheint und der Wind bläst, haben wir Energie ohne Ende und müssen dies kompensieren und verkaufen, oft zu Minuspreisen.