Warum die Maristen nach Missbrauchsopfern suchen, ihr Internat in Cham aber kein Verdachtsfall ist

Der Orden der Maristen ruft Opfer von Prügeln und Missbrauch auf, sich bei einer Münchner Anwaltskanzlei zu melden. Das hat Nachfragen und Erstaunen unter ehemaligen Schülern des Chamer Internats ausgelöst.
Jetzt stellt der Verantwortliche Pater Michael Schmalzl klar: „Das ist rein vorsorglich. Es gibt weder historisch noch aktuell irgendeinen Hinweis, dass in Cham so etwas stattgefunden hat.“ Auf Nachfragen unserer Zeitung wurde diese Ansicht auch bestärkt.
Pater Michael Schmalzl ist mit 57 Jahren der jüngste des deutschen Maristen-Ordens, dessen Distrikt nur noch aus 13 Brüdern besteht. Ihm ist die Aufgabe zugefallen, mit Hilfe der Münchner Kanzlei Westpfahl, Spilker und Wastl nach Opfern von Übergriffen zu suchen (wir berichteten). „Wir hoffen natürlich, dass sich niemand meldet und nichts vorgefallen ist“, sagt er.
Der Fall Mindelheim
Seit 2006 ist die Maristenrealschule als „Marienrealschule“ von der Diözese Regensburg übernommen worden und wurde zur gemischten Schule aus den ehemaligen Realschulen der Maristen und der Gerhardinger Realschule der „Armen Schulschwestern“.
Es gebe derzeit lediglich einen Vorfall, der bereits 2007 in Mindelheim Schlagzeilen gemacht habe. Damals war in der Berufungsverhandlung das Urteil des Memminger Amtsgerichts in erster Instanz bestätigt worden, wonach der ehemalige Frater zwar von den Vergewaltigungsvorwürfen freigesprochen wurde, aber wegen sexuellen Missbrauchs in vier Fällen und sexueller Nötigung in einem Fall an zwei damals 13- und 17-jährigen Schülern verurteilt worden war – zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung. Die Taten hatte der Angeklagte bereits in der Verhandlung in erster Instanz gestanden.
Der einzige Fall: Mindelheim
„Das ist der einzige Fall, den wir kennen. Und es ist der einzige Vorwurf, den ich mir machen muss, dass wir jetzt erst diesen Aufruf gestartet haben“, sagt Schmalzl. Der Vertreter des Provinzials für Deutschland betont nochmals, dass der Orden damit dem allgemeinen kirchlichen Aufruf folgt und die Vergangenheit durchleuchtet und notfalls aufarbeitet.
Der Aufruf in Cham sei deswegen räumlich so weit gefasst, weil es damals ja nicht viele Möglichkeiten für Eltern gegeben habe, ihre Kinder in eine weiterführende Schule zu schicken. Deswegen kamen sie vielfach bis aus Niederbayern und der gesamten Oberpfalz ins Internat nach Cham. „Öffentlichen Nahverkehr wie heute kannte man damals so nicht. Das war ja kurz nach dem Krieg“, erinnert Schmalzl.
Einzelfälle der Überforderung
Natürlich gebe es immer wieder Berichte über Watschen. „Da waren oft junge Leute beschäftigt, die Theologie studierten und in Extremsituationen überfordert waren. Denen tut das oft heute noch leid, dass einer Ohrfeigen kassiert hat.“
Die Einschätzung des Maristen-Paters Schmalzl teilt auch Florian Gruber. Der Chamer ÖDP-Stadtrat hat sich einen Namen gemacht als Vorkämpfer für den Erhalt des Maristen-Altbaus. Letztlich kam es zu einem Teilabbruch und einer Kernsanierung des ehemaligen „Kaffs“, wie das Internat von den Schülern genannt wurde. Die Fassade blieb erhalten.
„Ich habe über all das eine Forschungsarbeit geschrieben und mich mit sehr vielen Leuten unterhalten“, erzählt Gruber. Vielfach hätten sich die Schüler, die teilweise von weit her kamen, von ihren Eltern abgeschoben gefühlt und Heimweh gehabt. „Manche haben sich im Internat auch unwohl gefühlt und ziemlich darüber geschimpft. Aber von Übergriffen war da nie die Rede“, erzählt Gruber von den Unterhaltungen mit ehemaligen Internatsschülern.
Die Watschen vor 65 Jahren
Dr. Hans Schneider, der als ehemaliger Anästhesist und Notarzt vielen Chamern gut bekannt ist, war einst selbst sieben Jahre Internatsschüler bei den Maristen. Er erinnert sich noch gut an die Jahre zwischen 1957 und 1964. „Von sexuellem Missbrauch habe ich nie was gehört“, sagt er. „Das wäre ja eine andere Dimension gewesen.“
Natürlich sei es aber auch in Cham so gewesen, dass Schüler Schwachstellen unter ihren Betreuern gnadenlos bis zur Explosion angeheizt hätten. „Dann hat sich auch einmal einer eine eingefangen“, sagt Dr. Schneider. „Aber alles, was ich da in den sieben Jahren gesehen habe, war nie außerhalb der Norm.“ Der Rat des ehemaligen Internatsschülers: „Nach mehr als 50 Jahren sollte man über solche Dinge wie Watschen nicht mit der Haltung von heute zu Gericht sitzen.“
