Regensburger Rektoren ziehen fünf Jahre nach Schulschließungen Bilanz: Was ist geblieben?

Der Tag, an dem die Nachricht über die flächendeckenden Schließungen die Schulen erreichte, war ein Freitag, der 13. – das weiß Mirjam Thurn auch fünf Jahre später noch genau. „Dass unsere Schule geschlossen wird, erschien im ersten Moment unvorstellbar“, erinnert sich die Rektorin der St.-Wolfgang-Grundschule in Regensburg.
Nach dem ersten Schock setzte der Pragmatismus ein. „Ich sehe noch, wie wir im Lehrerzimmer zusammensitzen und entscheiden, welche Arbeitsbücher und Materialien die Kinder mit nach Hause nehmen sollen“, sagt sie. „Als die Schüler schließlich das Gebäude verlassen haben, war das ein ganz beklemmendes Gefühl.“
Ab dem darauffolgenden Montag – es war der 16. März 2020 – fand der Unterricht im Homeschooling statt. „Wir dachten anfangs, wir überbrücken nur ein paar Tage“, sagt die Rektorin über die Zeit des ersten Corona-Lockdowns. Als aus Tagen Wochen wurden, habe sich der Unterricht zu Hause für die rund 360 Grundschüler mehr und mehr professionalisiert. Trotzdem sagt Thurn heute: „Distanzunterricht kann nur ein Teil von dem überbrücken, was die Schule ermöglicht.“
Schulen in der Corona-Zeit: Fehlendes Sozialleben
Multiplizieren mit zweistelligen Zahlen – das hätten auch die Corona-Klassen gelernt. „Kinder lernen auf vielen Wegen“, sagt die Rektorin. Nicht so einfach ersetzen lasse sich dagegen der soziale Aspekt. „Sich gemeinsam zu freuen, zu feiern, in die Pause zu gehen und auch Streits und Probleme zu lösen – all das hat für lange Zeit gefehlt.“ Mittlerweile besuchen die Schüler aus dem Distanzunterricht weiterführende Schulen. Wie sich das fehlende Sozialleben auf sie ausgewirkt hat, kann Thurn daher nicht beurteilen.
„Rückblickend würde ich sagen, dass an uns als Schulen eine Aufgabe herangetragen wurde, die per Definition nicht die unsere ist – nämlich die des Gesundheitsschutzes“, sagt sie. „Wir haben alle sehr große Verantwortung gespürt – und alle beteiligten Stellen haben versucht, das besten Wissens und Gewissens zu stemmen.“
Schulschließungen: Zu wenig Struktur
Dass es vor allem die Tagesstruktur war, die vielen seiner 270 Schülern im Lockdown gefehlt hat, stellt Wolfgang Lang, Rektor der Otto-Schwerdt-Mittelschule fest. Von der Ganztagsschule ging es für die Zehn- bis 17-Jährigen in den Distanzunterricht. Seine Kollegen hätten sich „unglaublich reingehängt“, um auch diejenigen Kinder und Jugendlichen zu erreichen, die Probleme mit dem Konzept des Homeschoolings hatten. „Viele Lehrkräfte haben bis spät abends gearbeitet. Ihr Engagement während der Corona-Zeit muss man erwähnen.“
Nichtsdestotrotz: Von der Sinnhaftigkeit der Maßnahmen während der Pandemie ist Lang nicht überzeugt. „Letztendlich hat die Politik eingesehen, dass die Schulschließungen nicht unbedingt gut waren. Das sehe ich auch so.“ Nach der Rückkehr aus dem Lockdown hätte sich zwar rasch wieder ein normaler Schulalltag etabliert. Defizite im sozialen Miteinander seien aber geblieben. „Wobei man sagen muss, dass Aggressionen oder eine sinkende Toleranzschwelle sicher nicht nur auf die Pandemie zurückzuführen sind.“
Positive Entwicklungen aus dem Corona-Lockdown
Es gibt aber auch zwei positive Entwicklungen, die Lang mitnimmt. „Das eine ist die Digitalisierung, die einen riesigen Schub bekommen hat. Das andere ist die Erkenntnis, dass der Präsenzunterricht mit einer Lehrkraft durch nichts zu ersetzen ist.“
Bernhard Rothauscher, Rektor des Goethe-Gymnasiums, sagt: „Vergessen hat diese Zeit noch niemand.“ Für ihn geht es im Nachhinein nicht darum, Schuldige zu suchen. „Natürlich würde man heute manches anders machen. Aber das bedeutet nicht, dass damals Fehler gemacht wurden“, sagt er.
Langfristige Strategien entwickeln
Weitaus sinnvoller wäre es seiner Meinung nach, nun „in Ruhe und ohne Krisendruck“ eine Strategie für zukünftige Pandemien zu entwickeln. Nicht nur mehr Personal, das sich um die mentale Gesundheit der Schüler kümmert, wäre in diesem Zusammenhang wichtig. Auch bei der technischen Ausstattung sollte auf Prävention gesetzt werden – etwa mit Lüftungssystemen. „Das würde auch bei den jährlichen Erkältungswellen helfen.“
Die Pandemie habe jedenfalls gezeigt, dass Schulen weit mehr als „reine Lernorte“ seien. „Es wurde viel über Lernrückstände gesprochen. Doch die psychosozialen Folgen sind mindestens genauso gravierend“, sagt er. Isolation und der Wegfall von Alltagsstrukturen hätten viele Schüler über lange Zeit psychisch belastet. „Wir brauchen flächendeckend mehr psychologische und sozialpädagogische Unterstützung an Schulen“, so sein Fazit.
