Fünf Jahre nach Infektion: Corona verfolgt Regensburger bis heute

Karl Baumann kämpft seit fast fünf Jahren mit Long Covid – Forscher vom Regensburger Universitätsklinikum haben eine App entwickelt: Es gibt jetzt eine äußerst kleinteilige Reha, die helfen soll.
Im März 2020 hat sich Karl Baumann bei einer Feier mit dem Corona-Virus infiziert. Innerhalb kurzer Zeit verschlechterte sich sein Zustand drastisch. Auf der Intensivstation des Universitätsklinikums (UKR) rang er mit dem Tod. Trotz Reha-Aufenthalten und zahlreicher Therapien lassen die Spätfolgen den 57-Jährigen nur langsam los. Konzentrationsstörungen und Dauer-Erschöpfung setzen ihm zu. „Mein Gehirn arbeitet immer noch langsam und ich bin den ganzen Tag müde“, sagt er. Baumann musste aus dem Job als selbstständiger Metallkonstrukteur aussteigen. Er hat hydraulische und elektronische Steuerungen für Lkw-Aufbauten entwickelt, etwa für Autotransporter. Heute bezieht er Rente.
Es gibt aber auch Lichtblicke: Dank Physiotherapie kann er wieder gehen wie vor Corona. Lange war das nur mit gedrosseltem Tempo möglich. Seine Atemprobleme haben sich verbessert. Und eine Behandlungsmethode, das Neurofeedback, scheint ihm zu helfen. Das ist ein computergestütztes Training, das die Messung der elektrischen Hirnaktivität mit Elektroenzephalografie (EEG) beinhaltet. Baumann lernt anhand eines Meeres-Videos am Trainingsbildschirm, Hirnfunktionen wie Konzentration, Gedächtnis und Entspannung bewusst zu beeinflussen.
Klinik-Bilder im Kopf
PCR-Test, Sieben-Tage-Inzidenz und nächtliche Ausgangssperre: Fünf Jahre nach dem ersten Corona-Ausbruch in Regensburg scheint das alles weit weg zu sein. Nicht aber für Karl Baumann. Fragen zu seiner Erkrankung wecken bei ihm Klinik-Erinnerungen. Ihm fallen die Bilder ein, als er nach dem Koma aufwachte.
Professor Thomas Loew, Direktor der Abteilung für Psychosomatische Medizin am UKR, forscht mit seinem Team wie zehn weitere Arbeitsgruppen zu Long Covid. Bei dem Psychosomatiker geht es um die Therapie. Er stellt schon mal die wichtigsten Ergebnisse der Gruppen vor. Long Covid sei eine nachweisbare Entzündung. „Man sieht den Zellverfall im Gehirn.“ Die Konzentrationsfähigkeit könne man messen. Es gebe nachweisbare Veränderungen im Immunsystem und die Erkrankung lasse sich auf die zelluläre Ebene zurückverfolgen. Forschungsergebnisse wie diese werden am Donnerstag, 20. März, am UKR präsentiert.
„Sie spüren das Gewicht ihrer Gliedmaßen und eine Erschöpfung, die eigentlich nicht da ist.“
Rund 50 Wissenschaftler beschäftigen sich mit Long Covid. Das Klinikum hat Millionen dafür erhalten, auch vom Bundesforschungsministerium. Loew betont, das sei keine eingebildete Erkrankung. Im Vordergrund stehen die chronische Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, manchmal Schmerzen bei körperlicher Belastung, oft ein Lungen- oder Herzleiden. Die Körperwahrnehmung, laut Loew „unser wichtigstes Sinnesorgan“, funktioniert nicht richtig. „Die Software ist sozusagen verstellt“, erklärt er. „Sie spüren das Gewicht ihrer Gliedmaßen und eine Erschöpfung, die eigentlich nicht da ist.“ Das verschlimmere sich durch die Angst, dass es schlechter werden könne.
Die Lösung könnte ein äußerst kleinteiliges Reha-Programm sein. „Da haben wir eine App entwickelt“, sagt Loew. Long-Covid-Patienten müssten ihre Leistungsfähigkeit sehr langsam aufbauen, aber auch Pausen einhalten. „Bei der Krankheit hat man immer nur eine bestimmte Menge Energie zur Verfügung.“ Die kostenlose App, die bei der UKR-Veranstaltung vorgestellt wird, hilft bei der Dokumentation der Belastungen. Schwerkranke müssen dosiert lernen, sich wieder zu pflegen, selbstständig zu essen, sich körperlich zu belasten, ihre Freizeit zu gestalten. Das Training – etwa Beine heben oder eine Limonadenflasche in der Hand halten – beginnt mit drei Minuten Belastung und 20 Minuten Pause. Allmählich wird es gesteigert. „Man muss den Softwarefehler austricksen“, sagt Loew.
Seit Wochen in Donaustaufer Klinik
Patienten können das zuhause machen. Bettlägerige werden stationär aufgenommen. Susanne Beit (68) wird seit sieben Wochen im Donaustaufer Caritas-Krankenhaus St. Maria behandelt. Sie leidet nach einer Corona-Infektion am Chronischen Erschöpfungssyndrom und war bettlägerig. Durch das Training geht sie heute am Rollator, steigt langsam die Treppe hoch, malt und löst Kreuzworträtsel. „Daran war vorher nicht zu denken“, sagt die Lehrerin.
Karl Baumann setzt auf das Neurofeedback und die Selbsthilfegruppen, die er gegründet hat. „Ich habe wahnsinnig viele nette Leute kennengelernt. Der Austausch hilft“, sagt er. Zusammen mit seiner Frau und dem Sohn arbeitet er ein wenig in der Konstruktion. Aber noch lässt die Aufmerksamkeit zu schnell nach.
Impfung seit dem Jahresende 2020
Lockdown: Mit Beschlüssen am 16. und 22. März 2020 verhängten Bund und Länder den ersten Lockdown, um Ansteckungen auf breiter Front zu stoppen. Später in der Pandemie folgten weitere solcher Phasen. Im Mai 2020 wurden die Vorgaben gelockert. Geschäfte öffneten – mit Maskenpflicht.
Ziel: Besonders Senioren und chronisch Kranke sollten geschützt, die Kliniken vor Überlastung bewahrt werden.
Todesfälle: In Regensburg sind bisher 307 Menschen an oder mit Corona gestorben. Im Landkreis waren es 457. Häufig kam es zu Lungen-, oft aber auch zu einem Multi-Organ-Versagen. Die Zahlen stammen vom staatlichen Gesundheitsamt.
Impfung: Ab Ende Dezember 2020 wurde in Regensburg gegen Covid-19 geimpft.
Patienten-Veranstaltung: Forschungs- und Therapieergebnisse werden bei der Veranstaltung „Fünf Jahre Long Covid“ am Donnerstag, 20. März, ab 19 Uhr im Großen Hörsaal am UKR vorgestellt. Onlinezugang per Link auf www.postlongcovid.de

