Wiederauferstehung bei der Bundestagswahl: Frühe Ostertage für die Linke

Von Christoph Klöckner · 16. März 2025 um 05:00

Mit österlichen Gedanken verbinden die wenigsten die Linken – doch nach der jüngsten Bundestagswahl kommt mancher nicht umhin, hier eine Wiederauferstehung zu diagnostizieren. Aus übelsten Umfragetälern sind sie auf Höhen geschnellt, die ihnen kaum einer zugetraut hat, haben BSW und FDP ins Tal der Tränen gestürzt und über Nacht ihre Mitglieder verdoppelt. Und das selbst auch in Cham.

„Wir kennen noch nicht alle unsere Mitglieder“, sagt Christian Oberthür. Das liege daran, weil die Namen der Neuen zuletzt täglich – zeitweise mehrmals die Woche – an den hiesigen Kreisverband der Linken geschickt wurde. „Das waren immer mal zwei, auch mal drei Namen“, so Oberthür. Man habe noch kein Treffen organisieren können, um alle kennenzulernen. Das ist für ihn und seine Mitstreiter auch ein ganz neues Gefühl – statt wenige nun mehr zu sein.

Kurzerhand verdoppelt

Zahlenmäßig hat sich der Chamer Teil am Kreisverband kurzerhand verdoppelt – von 20 auf jetzt 40 Mitglieder. Im gesamten Verbund, zu dem auch Amberg und Schwandorf gehört, ist die Zahl der Linken mit Parteibuch von Oktober, wo es 60 waren, auf gut 170 hochgeschnellt.

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Wobei Tobias Mainka, der zuletzt im Wahlkreis als Direktkandidat für die Linke antrat und das Ergebnis hier – wenn auch auf niedrigem Niveau – zur letzten Wahl verdoppelte, selbst fast noch dazugehört. Er ist erst im Juni 2024 den Linken beigetreten. „Ich wollte mich politisch engagieren, doch war da nie eine Partei, wo es passte.“ Erst als sich die Linke dann reformiert habe – sprich: die Altlast Sahra Wagenknecht ihre eigenen Wege ging – sei sie mögliche Heimat für ihn geworden.

„Eine neue Ära...“

Bis dahin habe sich die Partei zu sehr mit sich selbst beschäftigt, sei Wagenknecht dank Dauerpräsenz in Talkshows immer eine umstrittene Ikone der Linken gewesen. „Dabei hat sie sich immer mehr von linken Ideen und Werten verabschiedet“, meint der 28-jährige Mainka. Bei der Wahl habe sie die Quittung erhalten.

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Wie auch die Linken – im positiven Sinne. Er sei zufrieden mit dem bei der Wahl erreichten, sagt Mainka – und mit der Entwicklung im Kreisverband sowieso. „Wie sind so viele wie noch nie“, lacht Oberthür übers ganze Gesicht, meint die Region aber auch das gesamte Land. Über 100 000 Mitglieder gebe es nun deutschlandweit – „mehr als die AfD hat!“ Das sei eine neue Ära, die mit der Wahl des neuen Spitzenduos mit Ines Schwerdtner und Jan van Aken gestartet sei. Mit dieser Besetzung und viel Social Media habe man junge Wähler begeistert, die ihren Frust über Politik damit überwunden hätten. „Wir haben einfach auf den Punkt gebracht, was die Menschen beschäftigt“, meint Mainka.

Und nicht nur das – dazu hat die Linke konkrete Hilfen aus dem Hut gezaubert, wie die Heizkosten-App und die Mietwucher-App. Ihre Hausaufgaben lesen die beiden Ortslinken aus dem Ergebnis. Sie wollen sich hier in der Region noch stärker etablieren – „Wir meinen es ernst.“ Das habe man auch im Wahlkampf mit den Haustürgesprächen auch im Landkreis Cham gezeigt. „Uns interessieren die Sorgen und Nöte der Menschen. Der, die sich das Leben, das Essen und das Heizen nicht mehr leisten können.“ Oder die Mieten.

Und während die anderen Parteien mit Ampel-Aus, Migrationsdebatten und Trump beschäftigt gewesen seien, habe ihr Programm etwa junge Familien in die Mitgliederreihen gelockt, denen die anderen Parteien etwa zu wenig feministisch, zu wenig queer, zu wenig an den Alltagsproblemen orientiert waren. „Auch die Mieten in Cham haben sich über die letzten Jahre verdoppelt“, sagt Oberthür.

Viele hätten gesagt, ihr Eintreten bei den Linken sei auch eine Reaktion auf den Rechtsruck in Deutschland. Natürlich sei es auch Ziel der Linken, der AfD das Leben so schwer wie möglich zu machen: „Wir wollen ungern den ersten AfD-Bürgermeister Bayerns hier haben.“ Es stoße ihm immer übel auf, wenn die Linke in einem Atemzug mit der AfD als extremistische Ränder beschrieben würden, so Oberthür: „Die AfD schürt Rassismus, das sind Menschenfeinde! Unsere Grundwerte sind der Kampf für Frieden und soziale Gerechtigkeit!“ Durch diese Gleichsetzungen werde man etwa bei Begegnungen an Infoständen oft als zu radikal beschrieben. „Ich sehe bei uns keinen radikalen Ansatz: Wir wollen für alle ein gutes Leben!“

Die jüngste Wahl habe gezeigt: „Die Akzeptanz steigt!“ Wenn sie auf dem Marktplatz in Cham einen Stand hätten, werde kein Bogen mehr um sie gemacht. „Noch nie hatte ich so viel Besuch und Glückwünsche am Stand in Cham wie am Samstag zum Frauentag“, sagt Oberthür. Die wachsenden Mitgliederzahlen mache auch Überlegungen nötig, wie man weiter fortfahre, etwa ob man nun echte Gebietskreisverbände gründen solle.

Und da kommt die Wahl 2026. Man habe Ideen und wolle für den Kreistag wie auch in der Stadt Cham mit einer offenen Liste antreten. „Wir wollen lauter werden und Themen platzieren“, sagen die beiden, ob in einer Regierung oder in der Opposition. Das funktioniere auch in Stadträten oder im Kreistag. „Wir werden uns als Parteimitglieder der Linken nicht verstecken“, sagt Oberthür – auch, wenn bei der jüngsten Wahl die Zerstörung der Linken-Plakate so groß wie noch nie war oder auch manche Nazi-Parole dort hinterlassen wurde.

Tobias Mainka und Christian Oberthür (v. li.) haben gut Lachen – sie sehen ihre Partei im Aufwind.