Wilde Mülldeponien in Regensburg: Ein Psychologe erklärt die Verhaltensmuster

Die wilden Mülldeponien in Regensburg erinnern an Pilze. Über Nacht tauchen sie auf. Wie von Zauberhand scheinen sie aus dem Boden zu schießen. In Wahrheit haben aber natürlich Menschen ihren Abfall illegal abgelegt. Warum machen die das? Ein bekannter Regensburger Psychologe kennt Denkmuster, die dahinter stecken.
In den vergangenen Wochen waren wieder mehrere Stadtteile betroffen. In Königswiesen stapelten sich rund um einen Altkleidercontainer in der Friedrich-Ebert-Straße alte Skischuhe, Windeln oder kaputtes Kinderspielzeug. An einem Glascontainer in der Theodor-Storm-Straße in Kumpfmühl wurden eine zerschlissene Couch, ein Holzschrank, zerbrochene Spiegel und alte Matratzen abgelagert. Und ein paar Häuserblocks weiter, in der Franz-von-Kobell-Straße, wurde zuletzt eine große Schlafcouch neben einem Autoparkplatz entsorgt.
Der Broken-Windows-Effekt
Fast prototypisch verhielt sich ebenfalls in Kumpfmühl die Person, die in der Pfeilstraße ein altes Rad entsorgte – und dieses einfach auf die Plastikmüllsäcke legte. Wilde Müllablagerungen sind nämlich oft in der Nähe von regulären Müllentsorgungsmöglichkeiten zu finden. Ein Phänomen, das Peter Fischer, Professor für Psychologie an der Universität Regensburg, als Broken-Windwos-Effekt bekannt ist: „Dort, wo schon jeder seinen Müll hinwirft, werfen andere auch ihren Müll hin – nach dem Motto: Hier ist es eh egal.“
Fischer erläutert, dass es hier ums Prinzip der sogenannten deskriptiven sozialen Normen geht. Diese können in einer bestimmten Haltung münden: „Ich mache das nur, weil es die anderen auch machen. Hier darf man das anscheinend.“ Und nicht zuletzt dürfte Fischer zufolge bei diesem Verhalten auch eine Kosten-Nutzen-Abwägung eine Rolle spielen. Schließlich sei es effizient und einfach, seinen Müll ungetrennt an solchen Stellen abzulagern. Mit dem Gewissen sei das dann im Sinne einer zielgerichtet angewandten Gerechtigkeitstheorie wohl vereinbar – frei nach dem Motto: „Ich mache einfach nur nach, was die anderen machen. Und was die anderen dürfen, darf ich auch.“
Darüber hinaus könnten aber auch aggressive Gedanken eine Rolle spielen. Etwa im Sinne einer Auflehnung gegen den Staat: „Denen spucke ich in die Suppe, wo es geht.“ Dies könne auch im Sinne der Reaktanztheorie erfolgen: „Ich lasse mir nichts verbieten, deshalb mach ich es erst recht.“
Mitarbeiter der Stadt müssen dann alles wegräumen
Bei Anwohnern und Passanten rufen die wilden Deponien mitunter ebenfalls durchaus aggressive Gedanken hervor – gegenüber den Verursachern. Ein Bewohner der Friedrich-Ebert-Straße sagt der Mittelbayerischen, dass er sich wegen Ratten und Ungeziefer sorge. Ein Kumpfmühler zeigt sich im Gespräch nahezu fassungslos: „Wie man so etwas findet, bedarf meines Erachtens keiner weiteren Erklärung.“
In dieses Spannungsfeld wird mitunter völlig unverschuldet dann auch die Stadt Regensburg hineingezogen. Dann nämlich, wenn sie aus Sicht der Anwohner die illegalen Hinterlassenschaften nicht schnell genug entsorgt.
Die Stadtverwaltung kann den „Täterkreis“ dabei eigentlich durchaus eingrenzen. Die Müllablader seinen oft Entrümpler, die für die ordnungsgemäße Entsorgung des von ihnen abgeholten Hausrats offenbar nichts bezahlen wollen. Werden die Personen auf frischer Tat ertappt oder auf andere Weise überführt, droht ihnen eine Ordnungswidrigkeitsanzeige. Meistens bleibt die Stadt aber auf dem Müll sitzen.
Pro Tag etwa eine Tonne
Dieser müsse dann durch die städtische Müllabfuhr, auf Kosten der Allgemeinheit, wie die Stadtverwaltung betont, entsorgt werden: „Pro Tag wird auf diese Weise etwa eine Tonne Restmüll zur Umladestation Haslbach gefahren.“
Deswegen wird die Stadt auch nicht müde, daran zu erinnern, dass Sperrmüll ausschließlich am städtischen Recyclinghof in der Markomannenstraße entsorgt werden kann. Die Abholung der illegalen Müllanlagerungen sei auch keinesfalls eine reguläre Serviceleistung der Stadt.
Die „Lebensdauer“ von wilden Mülldeponien ist deswegen auch völlig unterschiedlich – und ähnelt irgendwie wieder den Pilzen: Manchmal werden sie schnell eingesammelt, manchmal welken sie monatelang vor sich hin.


