Auswandererschicksal zweier Waldmünchner: Liebesgeschichte um 1900 mit Happy End in den USA

Für uns Heutige klingt das, was Gottfried Kiesl erzählt, wie aus einer fernen Zeit. Und ist es ja auch. Böhmen war noch bei Österreich und Waldmünchen (Landkreis Cham) war bayerisch. Und doch hängt alles mit dem heute zusammen. Eine Auswanderergeschichte aus dem Bayerwald.
Mit Waldmünchen, mit der Grenze, den Dörfern jenseits der Grenze und mit dem weit entfernten Amerika, in das viele Menschen der Region ausgewandert sind. Das ist zum Beispiel ein Grund für die Städtepartnerschaft mit Plain in Wisconsin.
Der 86-jährige Gottfried Kiesl hat die Familiengeschichten seines Dorfes Althütten (heute Stara Hut) erforscht. Zunächst die seiner Famile, dann die der bestimmenden Familien im Dorf. Und dabei hat er die Liebesgeschichte einer jungen Frau und eines jungen Waldmünchners diesseits und jenseits der Grenze gefunden. Nämlich die von Maggie Landgraf und John Lechner, die am 20. Mai 1908 in Milwaukee, Wisconsin, weit entfernt von der Heimat getraut wurden. Nur zur Erinnerung: Im gleichen Bundesstaat liegt auch Waldmünchens Partnerstadt Plain.
Maggie und John haben Wurzeln in und um Waldmünchen. Denn der deutsche Johann wurde 1876 in Buchwalli geboren und lebte dann in der alten Ziegelhütte. Einem Gebäude, das dort stand, wo heute der Damm des Perlsees ist. Und Margaretha wurde 1880 in Althütten in Böhmen geboren. Dass beide sich über die rund neun Kilometer Entfernung schon hier gekannt haben, vermutet Kiesel und hat einige Anhaltspunkte dafür. „Was mich fasziniert, ist die Tatsache, dass die beiden als Kinder bei heißen Sommertagen im gleichen Wasser gebadet haben“, schreibt Kiesel in einer persönlichen Anmerkung zu seinen genealogischen Forschungen. Er meint damit, dass der Mühlweiher seines Dorfes Althütten, in dem alle Kinder badeten, über einige Bäche letztlich in die Schwarzach entwässerte, an deren Ufer das Elternhaus des Johann Lechner stand. „Jahre später heiraten beide mehrere tausend Kilometer von der Heimat entfernt und gründen eine Familie mit zehn Kindern.“ Diese Nähe in der bayerisch-böhmischen Provinz, die voneinander unabhängige Auswanderung und die anschließende Heirat in der Fremde faszinieren den selbst heimatvertriebenen Kiesl. Er schreibt: „Das Ganze geht mir nicht aus dem Kopf. Wie das Leben so spielt!“
Der Zufall hilft
Eigentlich habe er zunächst nur das Leben der aus seinem Dorf stammenden Margarete Landgraf erforscht. Dass ihr ehelicher Name Lechner etwas mit Waldmünchen zu tun haben könnte, darauf hat ihn ein befreundeter Familienforscher aufmerksam gemacht.: „Die Lechners, das sind doch die, die unten beim Stausee waren.“ Und tatsächlich gab es diese Verbindung, wie Kiesl erforscht hat.
In der Familienhistorie habe Johann Lechner als der „Verschollene“ gegolten. Johann habe noch als „Schuljunge“ die alte Ziegelhütte verlassen. Warum, darüber lässt sich nur spekulieren. Kiesel schreibt: „Lange Zeit bekamen seine Eltern kein Lebenszeichen von ihm. Nach Aussage von Verwandten bekamen seine Eltern eine Ansichtskarte von Paris mit dem neuen Eiffelturm. Auf der Karte stand ein Satz. >Diesen Turm habe ich mitgebaut<. “ Der Eiffelturm wurde von 1887 bis 1889 errichtet, weiß Wikipedia. Da war Johann Lechner gerade einmal zwischen elf und 13 Jahren alt.
Mit Hilfe einer Bekannten hat Kiesl übers Internet herausgefunden, dass Johann noch 1889 versuchte, in die USA auszureisen. Er ist als „schoolboy“ auf der Passagierliste eines Schiffes namens Saale zu finden. Allerdings wies ihn die US-Einwanderungsbehörde als unbegleitetes Kind zurück. Dann reißen die Quellen ab.
Erst 1903, also kurz vor seinem 27. Geburtstag, versucht Johann erneut in die USA einzureisen. Jetzt kann er auch eine Adresse angeben, bei der er unterkommen will. Zudem sind mittlerweile vier seiner Geschwister ebenfalls in die USA ausgewandert, alle nach Wisconsin.
Jetzt zur anderen Ehehälfte. Im Januar 1880 wird Margaretha geboren. Sie ist die Tochter des Müllermeisters Jakob Landgraf in Althütten und von Katharina Ruhland aus Haselbach.
1907 wanderte Katharina Landgraf in die USA aus. Mit ihr fünf ihrer Kinder, darunter Margaretha Landgraf. Ihr Mann Jakob Landgraf blieb wegen einer Staublunge, einer Berufskrankheit der Müller, zurück. Er verstarb nur wenige Wochen nach der Auswanderung. Weil es auf der Mühle weitergehen sollte, musste sein drittältester Sohn Franz, der mittlerweile Karriere als K.u.K.-Offizier gemacht hatte, seinen Beruf aufgeben. Etwas, was er den Auswanderern nie verziehen hat, erzählt Kiesl. Ein Verwandter habe ihm erzählt, dass er Briefe aus den USA nie geöffnet habe. Er habe nur gesagt „Da drückt sie wieder das schlechte Gewissen!“
Doch zurück zu unserem späteren Ehepaar. Margarethe hatte 1900 eine uneheliche Tochter geboren. Die wurde später zur ehelichen Tochter Lechners. Kiesl vermutet, dass sie tatsächlich ein leibliches Kind Lechners war. Seine Vermutung begründet er, weil alle nahe Milwaukee auswanderten, weil beide dort Verwandte hatten und weil eine solche Familienauswanderung ja irgendwann in der Heimat vorbesprochen worden sein muss. Und weil sich dabei das Paar vermutlich kennenlernte.
Schnelle Heirat
Wie auch immer. Belegen lässt sich, das Maggie Landgraf schon ein Jahr nach ihrer Auswanderung John Lechner am 30. Mai 1908 heiratet. Tausende von Kilometern von ihrem nur neun Kilometer auseinander liegenden Heimatorten entfernt. Miteinander haben sie zehn Kinder. John stirbt 1931 und Maggie 1953.

