Windkraft im Fokus: Mit Argumenten gegen Emotionen

„Es ist bewusst Methode, hier mit Mythen und Halbwahrheiten zu arbeiten“, betont er mit Blick auf viele Argumente, die gegen die Windenergie aufgetürmt werden. Friedl betrachtet die Windkraft als wichtigen Baustein der Energiewende. „Aber es ist kein Spaß, wenn ein Energiesystem umgebaut werden muss“, macht er deutlich. Gelte es doch gegen viel Skepsis zu kämpfen. Für die Vorbehalte, die er gerade bei der Windenergie in vielen Fällen nicht durch Fakten begründet sieht, hat Friedl vor allem zwei Gründe ausgemacht.
„Wir tun uns als Menschen mit Veränderungen einfach schwer“, benennt er den einen. Der andere liegt seiner Ansicht nach darin, dass es Akteure gibt, die an der Versorgung mit fossilen Energien gut verdienen. Deshalb sei eine regionale Energieerzeugung enorm wichtig, „gerade im Raum Regensburg mit Blick auf die erfolgreiche Wirtschaft, die Einkünfte und Arbeitsplätze sichert“.
150 bis 180 Windräder sind noch nötig
Martin Kiesl ist Bereichsleiter Wirtschaft, Landesentwicklung, Heimat und Verkehr an der Regierung der Oberpfalz. Das ist faktisch die Rechtsaufsichtsbehörde der regionalen Planungsverbände. Kiesl ist deshalb nah dran an der Ausweisung der Windvorrangflächen. Seinen Angaben zufolge gibt es in der Oberpfalz 139 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 328,4 Megawatt (MW). Im Landkreis Regensburg stehen zwölf Windräder mit 30 MW. Im Landkreis Neumarkt sind es fünfmal soviel.
150 bis 180 Windräder müssten in der Oberpfalz dazukommen, wenn sich – wie von der Staatsregierung gewünscht – bis 2030 im Freistaat 1000 neue Windräder drehen sollen. In der Oberpfalz wurde seit 2020 keines mehr gebaut, weiß Kiesl. Immerhin: Neun Anträge sind im Genehmigungsverfahren und 61 warten auf den Vorbescheid. In der Regel werden sie als Einzelvorhaben bewertet. Sie sind zwar in Waldgebieten grundsätzlich privilegiert, für jedes einzelne ist aber trotzdem ein umfangreiches Genehmigungsverfahren nötig. In ausgewiesenen Windvorrangflächen erfolgt die Prüfung öffentlicher Belange dagegen vorab einmal für das gesamte Areal. „Es erfolgt eine Konzentration auf wenige geeignete Räume“, erklärt Kiesl.
Große Abhängigkeit
Wie groß die Abhängigkeit Deutschlands von Energieimporten ist, verdeutlicht Projektingenieur Sebastian Zirngibl von der Energieagentur. Demnach mussten etwa Mineralöle und fossile Gase im vergangenen Jahr nahezu komplett importiert werden. Zirngibl zitiert die globale Datenbank Statista, die schätzt, dass sich die Importkosten für Rohöl und Erdgas in den vergangenen zehn Jahren bundesweit auf 700 Milliarden Euro beziffert haben.
Einiges davon haben auch die Menschen aus dem Landkreis Regensburg bezahlt. Denn knapp die Hälfte der Heizenergie wurde hier noch im Jahr 2020 aus Heizöl gewonnen, für nahezu ein Drittel war Erdgas verantwortlich. Holz sorgte für gut ein Fünftel der Wärmeenergie, während es Solarthermie, Heizstrom und Wärme-Biogas zusammen auf knapp vier Prozent brachten. Dabei werden fossile Energieträger nicht billiger, prognostiziert Zirngibl. Das liegt seinen Worten zufolge nicht nur an deren überschaubarer Verfügbarkeit, sondern auch an der weiter steigenden CO2-Bepreisung. Ein Jahresverbrauch von 3000 Litern Heizöl sorge demnach in den nächsten 20 Jahren für Mehrkosten zwischen 23 000 und 31 000 Euro. „Das fossile Zeitalter ist vorbei“, erklärt Zirngibl.
Kleiner als ein Fußballplatz
Es braucht also erneuerbare Energien und damit auch Windenergie. Dennoch regt sich gegen Einzelvorhaben genauso Widerstand wie gegen Vorrangflächen. Die Windkraft wird generell immer skeptischer beäugt. Sebastian Zirngibl ist dagegen überzeugt, dass an Windkraftanlagen zumindest auf die nächsten Jahre hinaus kein Weg vorbei führt. Deshalb versucht er Sachargumente gegen Emotionen und diffuse Angst zu setzen.
Neuer Schlag gegen die Windkraft-Pläne: Regenstauf zieht gemeldete Flächen zurück
Ein Ansatz für ihn ist der oft diskutierte Platzbedarf. Etwa 0,9 Hektar benötigt demnach ein Windrad, davon nur gut die Hälfte dauerhaft. Zirngibl nennt einen Vergleich: Ein Fußballplatz ist im Schnitt 0,7 Hektar groß. Und er schiebt einen zweiten Vergleich zum Flächenbedarf nach: Mit einem Hektar Windkraft können demnach etwa 6000 Haushalte mit Strom versorgt werden , mit PV-Freiflächenanlagen wären es 230 Haushalte und mit Biogas sogar nur sieben.
Der Blick auf den Schattenwurf
In den Fokus rückt Zirngibl auch die Diskussion um den Schattenwurf. Demnach darf der bewegte Schatten eines Windrads höchstens 30 Minuten am Tag oder 30 Stunden im Jahr ein Wohnhaus treffen. Dabei handelt es sich aber um eine theoretische Berechnung. Tatsächlich ist der Schattenwurf nur möglich, wenn die Sonne genau dann so am wolkenlosen Himmel steht, dass der Schatten das Haus treffen kann. Tatsächlich wäre die Schattenwurfdauer normalerweise also deutlich geringer.
Auch beim Thema Schall lenkt Zirngibl den Blick auf die Voraussetzungen, unter denen die Grenzwerte der Schallwirkung festgelegt werden. Dafür werden seinen Worten zufolge die „ungünstigsten“ Wetterbedingungen angenommen, also solche, die zu höheren Werten führen. In 750 Metern Entfernung vom Windrad beträgt dieser Wert etwa 40 Dezibel. Das gilt als Konzentrationsstörungsschwelle und entspricht leisen Gesprächen, sanftem Meeresrauschen oder den meisten Kühlschrankgeräuschen. Allerdings werden diese Werte außerhalb von Gebäuden gemessen.
Glas, Katzen und Verkehr töten mehr Vögel
Eine wichtige Rolle werde dem Vogel- und Artenschutz bei der Genehmigung von Windanlagen eingeräumt, betont Zirngibl. „Oftmals hängt es hiervon ab, ob eine Anlage erfolgreich betrieben werden kann“, sagt er. Denn das Bundesnaturschutzgesetz könne hier Antikollisionssysteme vorschreiben. Zirngibl verweist zudem darauf, dass deutlich mehr Vögel durch Glasflächen, Katzen oder den Verkehr sterben als durch die 31 000 Windräder in Deutschland.
Ähnlich sieht es seinen Worten zufolge mit dem oft kritisierten Abrieb von Mikroplastik an den Rotorblättern aus. Der Projektingenieur der Energieagentur zitiert hier die Studien zweier Fraunhofer-Institute. Demnach produzieren alle deutschen Windräder zusammen jährlich rund 170 Tonnen Abrieb. Demgegenüber sind Autoreifen für mehr als 100 000 Tonnen Abrieb verantwortlich und selbst Schuhsohlen verursachen mit rund 9000 Tonnen deutlich mehr Mikroplastik.