Eine Reform – viele ungeklärte Fragen: Judith Gerlach beim Gesundheitsdialog an der OTH Regensburg

Wie sieht die Krankenhauslandschaft der Zukunft aus – und was bedeutet die Klinikreform für Einrichtungen, Mitarbeiter und Patienten? Um diese Fragen drehte sich die Diskussionsrunde „Gesundheitsdialog Vernetzung ambulant und stationär“ am Mittwoch an der OTH Regensburg, zu der Betroffene aus der Medizin, der Pflege und der Politik über die Landkreisgrenzen hinaus gekommen waren.
„Gehört Ihnen auch ein Krankenhaus?“, fragte ein Mann etwa vor Beginn der Veranstaltung seinen Sitznachbar im Hörsaal. „Wir sind eine ländliche Region“, eröffnete Prof. Dr. Joachim Grifka, bekannt als „Orthopädie-Papst“ und Leiter der Forschungsstelle Orthopädie und Ergonomie an der Ostbayerischen Technischen Hochschule, die Veranstaltung. „Wir müssen mitgestalten, was uns in Zukunft erwarten wird.“
Dazu, wie der Freistaat mit den Neuerungen mit dem sperrigen Namen „Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz“ umgehen wird, die im November 2024 den Bundesrat passierten, äußerten sich nach einem weiteren Grußwort von Prof. Dr. Klaudia Winkler, Beauftragte der Hochschulleitung für den Entwicklungsschwerpunkt Gesundheit an der OTH, zwei Mitglieder des bayerischen Landtags. Gesundheitsministerin Judith Gerlach und Bernhard Seidenath, Vorsitzender des Ausschusses Gesundheit, Pflege und Prävention des Landtags, waren für den Dialog nach Regensburg gekommen.
Krankenhausreform: Sind Vorgaben zu streng?
„Zu strikte Vorgaben helfen nicht“, machte Gerlach direkt zu Beginn ihres Vortrags deutlich. Positiv an der Reform sei zwar, dass sich alle im Gesundheitswesen „Gedanken machen würden, wie man sich aufstellen könnte“. Dennoch dürfe es kein „Survival of the Fittest“ geben. Für eine Hüftoperation könnten es Patienten noch in Kauf nehmen, eine halbe Stunde länger in die nächste Klinik zu fahren. „Aber nicht bei einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt.“ Deshalb brauche es bayernweite „Leitplanken“, die festschreiben würden, wo die Notfallversorgung aufrechterhalten werden müsse, erklärte die Bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention.
In der anschließenden Diskussion äußerten Betroffene ihre Sorgen zur bevorstehenden Umstrukturierung der Krankenhauslandschaft. Ein niedergelassener Rheumatologe fragte, wie immer mehr Patienten ambulant versorgt werden sollten, „ohne sie dafür durch den halben Freistaat zu schicken“.
Den niedergelassenen Ärzten ginge es „um die Versorgung der Patienten – nicht um die Ausschüttung von Dividenden.“. Was er anspreche, sei „extrem berechtigt“, entgegnete die Bayerische Gesundheitsministerin. „Wir müssen den ambulanten Sektor mitdenken. Das ist mit dieser Reform noch nicht passiert.“ Auch Landrätin Tanja Schweiger hatte sich unter die Zuhörer gemischt. „Nach welchen Kriterien wird entschieden, wer was noch machen darf?“, fragte sie bezüglich der Zukunft der Krankenhäuser in der Region.
Wenig Kenntnis über Krankenhäuser in der Region?
Die Rückmeldung, dass „bedarfsgerecht“ entschieden werde, ob Kliniken ihr Leistungsangebot umstrukturieren oder reduzieren müssen, stellte sie nicht zufrieden. „Wenn diese Kriterien offen bleiben, wird es schwierig“, äußerte sich Schweiger im Anschluss gegenüber der MZ.
Offenbar sei wenig Kenntnis über die Krankenhäuser in der Region vorhanden, so ihr Eindruck. „Die Häuser, die da sind, sind gut ausgelastet und anerkannt. Meine Sorge ist, dass das gute Miteinander, das wir haben, nicht gesehen wird und wir in einer bayernweiten Gleichmacherei mit unter die Räder kommen.“
Tagespflege wird immer wichtiger
Auch aus der Reihe der Pflegenden richteten sich Fragen an die Gesundheitspolitik. „Ich habe als Pflegefachkraft gearbeitet und bin aufgrund von Burn-out ausgeschieden“, meldete sich Marina Rischan zu Wort, die aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach angereist war. Die Altenpflegerin hat sich mittlerweile selbstständig gemacht und bietet Coaching für pflegende Angehörige an. „Wie wollen Sie Pflegefachkräfte zurückgewinnen?“, lautete ihre Frage.
„Zuerst einmal müssten wir wissen, wer ausgeschieden ist“, äußerte sich Seidenath. Eine besondere Bedeutung für die Zukunft habe die Tagespflege. „Wir brauchen Förderprogramme – und wir brauchen jeden in der Pflege. Sonst haben wir eine humanitäre Katastrophe“, sagte er. Rischan blieb skeptisch. „Es kann viel reformiert werden – aber wenn niemand mehr am Bett steht, hilft das wenig. In erster Linie wollen Pflegekräfte nicht mehr Geld, sondern bessere Rahmenbedingungen.“

