Dreistellige Millionen-Verluste: Vitesco-Übernahme drückt das Ergebnis von Schaeffler

Von Christian Eckl · 5. März 2025 um 16:19

Der Konzern aus Herzogenaurach weitet seinen Umsatz immens aus, muss aber 725 Millionen Euro Übernahmekosten verrechnen. Damit rutscht der Konzern in die roten Zahlen und weist für 2024 einen Verlust von über 630 Millionen Euro aus.

Dennoch geben sich die Konzernlenker zufrieden – auch im Hinblick auf die Entwicklung des eingekauften Regensburger Unternehmens Vitesco. Wieso es da noch gelb statt grün leuchtet, beantwortete der Vorstandsvorsitzende persönlich.

Immer noch Vitesco-Logo

Gewöhnlich verschwinden die Markenzeichen geschluckter Firmen schnell. Das Unternehmen, das sich eine Marke einverleibt, setzt alles daran, seine eigene „Corporate Identity“ aufzudrücken. Ganz anders handhabt dies der Schaeffler-Konzern aus Herzogenaurach (Lkr. Erlangen-Höchstadt). Auf die Frage der Mediengruppe Bayern hin, wieso am Vitesco-Standort in Regensburg eigentlich noch das knallgelbe Logo des E-Antriebsentwicklers leuchtet und nicht Schaeffler-Grün, musste Vorstandsvorsitzender Klaus Rosenfeld schmunzeln: „Mir wäre lieb, wenn wir das auf Knopfdruck umstellen könnten“, sagte Rosenfeld. „Aber so einfach geht das nicht.“

Am 1. Oktober 2024 ist Vitesco im Schaeffler-Konzern aufgegangen. Am Aschermittwoch stellte die Konzernleitung nun das Jahresergebnis für 2024 vor – Vitesco spielte dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Die ersten drei Quartale allerdings rechnete Schaeffler im Prinzip noch ohne das geschluckte Regensburger Unternehmen ab. Im Jahresergebnis schlug der Deal allerdings ziemlich heftig zu Buche. „Wir haben 2024 aus meiner Sicht solide abgeschlossen“, sagte Vorstandschef Rosenfeld. Das gebe Rückenwind für 2025.

„Das war ein Übergangsjahr“

Aber: „2024 war ein Übergangsjahr.“ Den Übergang markierte ein Verlust von 632 Millionen Euro. „Ich sage es ganz salopp: Wir haben das Jahr 2024 genutzt, um die Bilanzen aufzuräumen“, kommentierte der Schaeffler-Chef das Ergebnis. Trotzdem zahlt der Konzern eine Dividende von 25 Cent je Aktie.

„Die Vitesco-Transaktion ist nicht nur eine Frage, wie wir uns in Sachen E-Mobilität verstärken“, so Rosenfeld weiter. Es sei ein Schritt zur Transformation des ganzen Konzerns. „Das Leitbild: Wir werden ein Unternehmen, das vor allen Dingen Bewegung gestaltet.“

Was Schaeffler unter Bewegung der Dinge versteht, machte der Vorstandschef an einem Beispiel deutlich: Rosenfeld führte eine Hinterachslenkung vor, die der Konzern entwickelt und anbietet. „Damit wird Feinmechanik mit Elektromotoren verbunden. Das ist die Zukunft.“ Humanoide Roboter, also Maschinen, die sich ähnlich bewegen sollen wie Menschen, werden damit angetrieben.

Denn die Autobranche ist derzeit in schwierigem Fahrwasser. Darauf will der Konzern aus Herzogenaurach Antworten finden. „Die Diskussion: Entweder Elektro oder Verbrenner ist eigentlich nicht mehr die Entscheidende“, sagte der Vorstandsvorsitzende. Die Nachfrage nach Hybriden würde enorm zunehmen. „Die Leute mögen das hybride Auto“, so Rosenfeld. „Und wir sind das Unternehmen, das genau diese Technologien kombinieren kann.“ Damit sei man nicht nur in Europa, sondern auch global „perfekt aufgestellt“. Rosenfeld begrüßte auch politische Aussagen im Hinblick auf Technologieoffenheit als „Schritte in die richtige Richtung“. Sollten die Kunden aber auch in 2025 weniger Autos nachfragen bei den Kunden von Schaeffler und Vitesco, dann würden deren Kunden „mehr Autos reparieren“. Auch in diesem Sektor sei man gut aufgestellt.

Einblick in die Zahlen gab dann auch IT- und Finanzvorstand Claus Bauer. Der Vitesco-Deal pumpte allein im letzten Quartal des vergangenen Jahres das Umsatzvolumen des Konzerns massiv auf. Der Umsatz stieg um etwa 13 Prozent auf 18,2 Milliarden Euro. Allein Vitesco trug dazu 2,08 Milliarden Euro bei. Entscheidend ist im laufenden Jahr nun, wie man die Vitesco-Produkte und Entwicklungen im Konzern integriert. Der Konzern strukturiert dafür um: Aus einem Drei-Sparten-Unternehmen wird nun eines mit vier. Auf einer Folie präsentierte der Vorstandschef, wo Vitesco wie integriert wird – klar, dass der Bereich E-Mobilität dabei weitgehend gelb leuchtet. Zwar hat der Konzern bisher schon im Bereich Elektro-Mobilität entwickelt und produziert, doch die Hauptkompetenz soll künftig offenbar aus Regensburg und den weiteren Standorten von Vitesco kommen.

Auch im Bereich Powertrain – also der Antriebssparte – ist Technik von Vitesco enthalten und soll künftig dort vermarktet werden. Im Bereich Vehicle Lifetime Solutions – auf Deutsch das Geschäft mit Ersatzteilen – ist Vitesco auch beteiligt. Im klassischen Radlagergeschäft des Familienunternehmens Schaeffler wird Vitesco keine Rolle spielen. Taktisch klug für Schaeffler ist Vitesco auch wegen der weiteren Standorte.

„Interessant ist zu sehen, dass wir in den Regionen Amerika und Asien-Pazifik überproportional von der Vereinigung mit Vitesco profitieren“, sagte der Finanzvorstand. Vor allem in Korea habe Vitesco einen Schwerpunkt und sei hier sehr stark vertreten. Doch gleichzeitig drücke Vitesco das Ergebnis und die Marge. „Vitesco ist noch schwächer unterwegs, als es Schaeffler war“, sagte Bauer im Hinblick auf die Elektromobilität. Aber: „Unsere Sparte Automotive Technologies, das bezieht sich wieder auf Vitesco, hat sich dennoch als resilient erwiesen.“

Job-Abbau im Zeitplan

Für die Mitarbeiter am Regensburger Standort dürfte sich auch die Frage stellen, wie es mit dem angekündigten Job-Abbau weitergeht. 734 Stellen wollte man im Rahmen der Restrukturierung von Schaeffler allein bei Vitesco streichen. Insgesamt will der Konzern weltweit 4700 Stellen streichen, davon allein in Deutschland 2800. Aus Österreich verlagerte man eine Produktionsstätte der Radlager-Sparte nach China und an andere „wirtschaftlichere Standorte in Europa“, wie es im Herbst dazu hieß. „Ich kann nicht sagen, wie viele Mitarbeiter das Haus bereits verlassen haben“, sagte Rosenfeld auf die Frage hin, wie weit man beim Stellenabbau bereits ist. „Aber ich bin sehr zufrieden. Es hat keine größeren Aufregungen gegeben.“ Auf die Frage hin, ob weitere Stellenstreichungen geplant sind, antwortete Rosenfeld ausweichend.

Den Ausblick formulierte der Vorstandschef als „vorsichtig optimistisch“. Den Umsatz wolle man auf 23 bis 25 Milliarden Euro steigern. Doch ausgerechnet im Zukunftsmarkt Elektro-Mobilität rechnet man mit einem Umsatzrückgang von bis zu 17 Prozent.