Fünf Pfarrkirchen in Schwandorf sind Pfarrer Kalis künftig zu viel: „Werden auch verkaufen müssen“

Von Martin Kellermeier · 4. März 2025 um 19:00

Die katholische Stadtkirche Burglengenfeld denkt gerade darüber nach, einen Teil ihrer Vituskirche zu entweihen und dann an einen anderen Träger als Veranstaltungsraum zu übergeben. Auch in Schwandorf könnten früher oder später Gotteshäuser zum Verkauf stehen, wie Stadtpfarrer Christian Kalis im Interview prophezeit.

Herr Pfarrer, bis spätestens 2034 soll die neue Pfarreiengemeinschaft Schwandorf-Stadt entstehen. Sie besteht aus St. Jakob, St. Paul, dem Kreuzberg und Herz Jesu in der Kernstadt sowie St. Andreas in Fronberg. Wie weit ist der Prozess?

Christian Kalis: Wir haben in Schwandorf-Stadt das Glück, dass alle Pfarreien gut und relativ jung besetzt sind. Es ist also kein zeitlicher Druck dahinter. Trotzdem muss man vorausdenken. Wie schaffen wir es, Angebote zu bündeln? Wir müssen die Gläubigen darauf hinführen, dass es in Zukunft eine Zusammenarbeit zwischen den weiter bestehenden Einzelpfarreien geben wird. Diese teilen sich dann das Personal. Ich frage mich: Macht es Sinn, die Sakramentvorbereitung für fünf Kommunionkinder in jeder Pfarrei einzeln zu organisieren? Oder schafft man ein Gemeinschaftserlebnis für die Kinder, damit sie ihr Fest in einer großen Gruppe vorbereiten können? Gefeiert werden kann dann im kleinen Rahmen, aber zuvor sollen die Kinder Gemeinschaft erleben.

Gibt es diesen Austausch denn schon?

Kalis: In der Vorbereitung zur Erstkommunion oder der Firmung wird das bereits teilweise praktiziert. Unser Pastoralreferent vereint hier beispielsweise die Kinder vom Kreuzberg mit denen von St. Paul und St. Jakob. Das wollen wir ausbauen. Wir haben uns im Rahmen der Stadtkonferenz darauf geeinigt, das Augenmerk auf mehr Gemeinschaft zu legen.

Kürzlich ließen Sie mit einem Beitrag auf der Homepage Ihrer Pfarrei aufhorchen. In dem Text machen Sie die Leser darauf aufmerksam, dass die neue Pfarreiengemeinschaft Schwandorf-Stadt einmal fünf Pfarrkirchen haben wird. Der Unterhalt der Gebäude würde zwar von der Diözese weiter gefördert werden, schreiben sie. Aber eigentlich streben Sie eine andere Lösung an, oder nicht?

Kalis: Ich blicke auf die Zahlen. Sie sind für mich nüchtern betrachtet keine Rechtfertigung, eine solche Kirche zu erhalten. Es gibt für Pfarrkirchen jährlich eine Grundförderung. Zusätzlich gibt es bei anstehenden Sanierungen einen Zuschuss. Es wird also weiterhin viel Geld in den Unterhalt der Kirchen fließen. Geld, das uns an anderer Stelle fehlt. Ich habe die jetzige Situation mit der verglichen, die wir hier in Schwandorf vor 75 Jahren hatten. Damals gab es nur eine Pfarrkirche, in den Folgejahren wurden dann immer etwa 3000 Katholiken in neue Pfarreien, wie Herz Jesu, ausgegliedert. Die Kirche war am Wachsen. Jetzt gehen wir einen anderen Weg. Wir werden weniger. Da stelle ich die Frage: Ist es den verbleibenden Gläubigen nicht auch zuzumuten, dass sie einen Weg zurücklegen, um Gottesdienste feiern zu können? So könnten wir Finanzmittel übrig haben, die wir für Begegnungsstätten vor Ort brauchen.

Die Zahl der Katholiken in Schwandorf nimmt schon jetzt jährlich ab. Braucht es in Ihren Augen heute überhaupt noch diese fünf Pfarrkirchen?

Kalis: Zu der neuen Pfarreiengemeinschaft Schwandorf-Stadt würden nach heutigem Stand etwa 10 000 Katholiken gehören. Als man damals angefangen hat, weitere Kirchen zu bauen, waren es 15 000. Die Prognosen sind wirklich nicht gut. Bis 2040 rechnet man damit, dass sich die Zahl der Christen halbiert. Die Zahl der Katholiken könnte sich gar noch schneller halbieren. Dann haben wir in Schwandorf 5000 Katholiken, die sich auf fünf Pfarrkirchen verteilen. Wir würden in der Zerstreuung leben, nicht in der Sammlung.

Entweihung wird irgendwann notwendig sein

Wenn Sie den aktuellen Kirchenbesuch betrachten: Sind die fünf Pfarrkirchen noch ausgelastet?

Kalis: Nein. Man würde die Gottesdienstbesucher locker in einer Kirche unterbringen.

Was also tun? Ist es für Sie auch denkbar, Pfarrkirchen zu verkaufen?

Kalis: Wir werden das nicht vermeiden können. Es ist nur ein Verschieben. Irgendwann wird es notwendig sein, dass wir Pfarrkirchen profanisieren, also entweihen, und als Gebäude verkaufen.

Gibt es für Schwandorf hierzu schon konkrete Pläne? Welche Kirche wäre der erste Streichkandidat?

Kalis: Es gibt dazu noch keine Gedanken. Ich glaube, das ist aber auch nicht die Aufgabe der Pfarrer. Jeder Seelsorger ist seiner Pfarrei verpflichtet. Solche Entscheidungen müssen überregional getroffen werden. Die Errichtung einer Pfarrei wird ja auch durch die Diözesanleitung beschlossen. Genauso muss es beim Zusammenlegen passieren. Vor Ort ist so etwas immer schwierig, gerade im ländlichen Raum. Ja, es stimmt: Man muss die Kirche im Dorf lassen. Aber ich bin der Meinung: Man braucht keine fünf Kirchen in der Stadt.

Sie nehmen also den Bischof in die Pflicht. Würden Sie Ihrem Chef bei einem Vor-Ort-Termin die Situation und Ihre Gedanken schildern?

Kalis: Ich gehe davon aus, dass der Bischof alle fünf Pfarrkirchen kennt. Da muss ich ihn nicht durchführen. Der Bischöfliche Finanzdirektor wird ferner die Finanzsituation aller fünf Pfarreien kennen. Man muss es nur zusammenfassen.

Es leben noch Schwandorfer, die den Bau einer der Pfarrkirchen mitbekommen haben. Wie denken Sie kommen bei diesen Bürgern Ihre Gedanken an? Sie müssen von Ihnen nun hören, dass man nicht mehr all diese Kirchen braucht.

Kalis: Ich denke, dass meine Worte schwer und verletzend ankommen könnten. Wenn das Elternhaus verkauft werden soll, machen das auch die wenigsten gern. So wird das auch mit einer Kirche sein. Man muss sich schweren Herzens verabschieden. Es braucht Verständnis dafür, wie etwas Neues wachsen kann. Wir glauben ja an die Auferstehung. Vielleicht tut es uns gut, wenn wir etwas sterben und zugleich etwas Neues aufblühen lassen.

Pfarrer Kalis besucht regelmäßig Schwandorfer Seniorenheime

Wir sitzen jetzt schon länger zusammen. Aber über Ihre eigentliche Kernaufgabe als Pfarrer, die Seelsorge, haben wir noch nicht wirklich gesprochen. Man kann den Eindruck gewinnen, dass Sie als Pfarrer inzwischen mehr Manager als Priester sind.

Kalis: Die Leitung ist auch die Aufgabe eines Pfarrers. Da gehören auch Haushaltspläne und Kontenbewegungen dazu. Es gibt das Modell des Verwaltungskoordinators, der für Entlastung Sorgen kann. Aber die Letztverantwortung liegt beim Pfarrer. Ich lasse es mir aber nicht nehmen, jede Woche in eines der drei Seniorenheime in Schwandorf zu gehen, um dort mit den Bewohnern Gottesdienst zu feiern und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Sie bestätigen also meinen Eindruck. Werden Sie denn auf die Aufgabe des Managers im Priesterseminar vorbereitet?

Kalis: Ich bin heilfroh, dass ich vor meiner Zeit als Pfarrer einen Beruf in der Verwaltung erlernt habe. Im Theologiestudium lernt man davon gar nichts, null komma null. Während des Ausbildungswegs, in der Praxis, vielleicht annähernd. Aber man lernt erst wirklich, wenn man es macht.

Sie wurde kürzlich für viel Geld hergerichtet: die Pfarrkirche St. Andreas in Fronberg. Foto: Martin Kellermeier
In der Pfarrei Herz Jesu steht eine Großinvestition bevor. Die Kirche soll saniert werden. Foto: Martin Kellermeier