Katastrophenschützer Michael Stahl warnt vor Waldbränden und weiß, wie man sie bekämpft

Im Landkreis Cham hat es 2023 mehr 50 Mal gebrannt. 17 Mal davon an einem Wochenende. Verheerende Brände hat die Feuerwehr bislang verhindert. In anderen Ländern ist man dem Feuer nicht mehr gewachsen. Der Landkreis Cham ist zu fast 50 Prozent bewaldet. Wie realistisch sind größere Brände in der Region?
Und wie gut sind die Feuerwehren vorbereitet? Michael Stahl, Leiter des Brand- und Katastrophenschutzes des Landkreises kennt die Antworten.
Herr Stahl, machen Ihnen die jüngsten Brände Angst?
Michael Stahl: Angst jetzt nicht. Aber einen Heidenrespekt macht uns das schon. Wobei man natürlich diese Bilder, diese Brände nicht mit unserer Topografie und auch mit unserer Waldstruktur vergleichen kann. Da gibt es nochmal Unterschiede.
Welche Unterschiede meinen Sie?
Stahl: Der Waldaufbau bei uns im Landkreis ist anders als der in den Südländern. Die Bäume sind andere und vor allen Dingen ist bei uns die Erschließung im Vergleich zu den südlichen und den amerikanischen Regionen besser.
Dichte Feuerwehrstruktur im Landkreis Cham
Gibt es auch abgesehen von der Landschaft und der Erschließung Unterschiede?
Stahl: Bei uns ist die Überwachungsstruktur und auch die Feuerwehrstruktur eine viel dichtere. Wenn Waldbrandstufe fünf herrscht, dann gibt es in ganz Bayern Luftbeobachter. Wir haben dann eine ehrenamtliche Truppe, zusammen mit privaten Kleinflugzeugbetreibern. Es gibt tagtäglich zwei Flüge und da sieht man also aus der Luft relativ schnell, wo es raucht.
Gibt es genug Feuerwehren?
Stahl: Man darf nicht vergessen: Wir haben gut 190 Feuerwehren im Landkreis. Da ist die Fläche sehr gut abgedeckt. Je nachdem, wie sie ausgestattet ist, ist relativ schnell eine Feuerwehr vor Ort und man hat ein Lagebild. Dann kann man sagen, ob man mehr Material braucht.
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Wie gut sind Sie auf ein Katastrophenszenario vorbereitet?
Stahl: Wir haben vor Jahren mit einem dreistufigen Konzept begonnen. Die erste Stufe war, unseren Landkreis zu erfassen. Wir haben alle Wald-, Forst-, Rückewege, gefährdete Objekte und Wasserentnahmestellen kartographiert. Die zweite Geschichte war eine ganz wichtige. Wir haben mit speziellen Schulungen und Ausbildungen begonnen. Das läuft immer noch. Und die dritte Geschichte: Jeder Handwerker braucht sein Handwerkszeug und wir haben dann mal eruiert, was wir haben und was gut wäre, wenn wir es haben würden.
Im Jahr 2023 hat es in Europa so schlimm gebrannt, wie seit langem nicht mehr. Eine Fläche doppelt so groß wie Luxemburg fiel den Flammen zum Opfer. War das Jahr auch im Landkreis extrem?
Stahl: 2023 war ein wahnsinniges Jahr muss ich sagen. Da haben wir über 50 Flächenbrände im Landkreis gehabt. Allein an einem Wochenende waren es 17. Da sind wir rund um die Uhr gefahren. In dem Jahr war es auch so, dass sehr sehr viele abgeerntete Felder abgebrannt sind. Das ist vom wirtschaftlichen Schaden her nichts. Was kostet schon ein Stoppelfeld? Aber es hat Situationen gegeben, da ist es in den Wald reingelaufen, da hat es Situationen gegeben, dass der Traktor brennt, es hat Situationen gegeben, dass Bebauung in Gefahr ist. Also wenn man nichts macht, wird es interessant.
Brände sind oft von Menschenhand gemacht
Dann scheint es auch hier gefährlich werden zu können.Stahl: Dass immer wieder Brände entstehen ist keine Frage. Oft sind sie von Menschenhand gemacht. Gerade auf diesen Fernwanderwegen haben wir schon des öfteren Probleme gehabt. Es kommt vor, dass Leute die über den Kaitersberg wandern, in einer hochsensiblen Zeit Lagerfeuer machen. Oder die Zigarette. Die ist der Klassiker. Da ist dann die Frage: Wie schnell wird das erkannt und wie schnell kommt man hin. Jedes Feuer kann man, wenn man schnell genug ist, theoretisch mit einem Fingerhut voll Wasser löschen.
Auch im Landkreis unterscheiden sich die Gebiete stark. Wo macht sich das bemerkbar?
Stahl:Wenn ich jetzt den Neubäuer Forst anschaue. Das ist ein sehr sandiger Boden, da sind sehr viele Fichten draußen. Das geht mehr in die Richtung Nürnberger Land, wo auch der Sandboden ist. Das ist schon eine andere Herausforderung als in einen Mischwald zu gehen. Mischwald ist sowieso grundsätzlich das Beste.
Zwischen Osser und Arber findet sich mehr Mischwald. Trotzdem muss man auch hier auf Waldbrände vorbereitet sein. Wieso?
Stahl: Viele Stellen werden durch den Borkenkäfer befallen. Dadurch werden ganz große Flächen abgeholzt. Das wächst natürlich wieder, aber die Bereiche sind einfach anfälliger, weil sie der Sonne und der Trockenheit ganz anders ausgesetzt sind.
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Das dortige Höhenprofil macht Löscharbeiten nicht gerade einfach. Wie bekommen Sie das Wasser überhaupt hoch, wenn sie mit Fahrzeugen nicht mehr weiter kommen?Stahl: Wir haben schöne rote Fahrzeuge, die, wenn es ins Gelände geht, am Ende sind. Man braucht schon Equipment, das ein wenig anders ist. Wir haben mit einer ortsansässigen Firma kleine Fahrzeuge mit Spezialanhänger entwickelt. Damit kommt man fast überall schnell hin und die haben auch Wasser dabei. Zwar nur 200 Liter, aber wenn ich schnell genug bin, kann ich noch etwas retten. Wenn wirklich mehr brennt, dann legen wir entweder eine drei bis vier Kilometer lange Leitung zu einem nahe gelegenen Weiher oder Bach. Wenn man das nicht machen kann, beginnt man mit Pendelverkehr. Das heißt, man holt sich immer wieder mit Tanklöschfahrzeugen Wasser. Oder man lässt sich vom Hubschrauber welches bringen.
Das Klima ändert sich. Das Risiko für Waldbrände erhöht sich. Erhöhen Sie auch ihre Zahl an Großübungen?
Stahl: Wir machen sehr viele Übungen. Auch große Stabsrahmenübungen. Zum Beispiel der Heiße Bogen 2023 mit über 1500 Einsatzkräften oder der rote Eber 2018 in Chamerau. Heuer werden wir wieder eine machen. Ich sage aber nicht wo, nur wann. Am 16./17. Mai. Wir machen es diesmal so, dass der Führungsstab und die teilnehmenden Feuerwehren ins kalte Wasser geschmissen werden. Wir wollen es so realistisch wie möglich machen.
Zwei Brandformen verschiedener Kaliber
Bodenfeuer: Fast jeder Waldbrand beginnt als Bodenfeuer. Es steigt nur wenige Meter nach oben und lebt von der Vegetation am Boden. Von Büschen, Sträuchern oder herab gefallenen Blättern. Wenn ein Brand im Stadium eines Bodenfeuers gelöscht wird, hält sich das angerichtete Unheil meistens in Grenzen.
Gipfelfeuer: Das was man im Fernsehen sieht, ist in der Regel ein Gipfelfeuer. „Wenn es dazu kommt, also dass es sich in die Baumkronen ausbreitet, ist es eine ganz andere Hausnummer, als wenn es am Boden herumkriecht“, sagt Michael Stahl. Sie sind intensiver, weil Blätter und Nadeln mehr Brennmaterial bieten. Außerdem ist es schwieriger Gipfelfeuer zu löschen. Oft geht es nur von oben, mit Helikoptern und Löschflugzeugen. Ein weiteres Problem ist, wenn Wind dazukommt. Der trägt das Feuer unter Umständen viele Kilometer weit.
