AfD-Schock im Landkreis Neumarkt: CSU rätselt trotz eines guten eigenen Ergebnisses

Die CSU ist die Gewinnerin des Wahlabends im Wahlkreis Amberg-Neumarkt in absoluten Zahlen, die größten Stimmenzugewinne holt aber die AfD. In mehreren Wahllokalen der Stadt Neumarkt liegt die AfD beispielsweise sogar vor der CSU. Auch am Tag nach der Wahl stellen sich viele in den anderen Parteien die Frage: Warum?
Für die CSU war es eine kleine Berg- und Talfahrt am Sonntagabend. Erst kam um 18 Uhr die Prognose für Deutschland und ein Ergebnis von unter 30 Prozent für die Union, das bei der Wahlparty der CSU in Neumarkt wenig begeisterte. Nach 19 Uhr zeigte sich aber, dass die CSU und deren Kandidatin Susanne Hierl im Wahlkreis ein klar besseres Ergebnis als bei der vergangenen Wahl einfahren würden. Doch die gute Stimmung trübten die massiven Stimmengewinne der AfD.
„Mir blutet das Herz“, kommentierte der frühere Deininger Bürgermeister Alois Scherer das Ergebnis der AfD in seiner Heimatgemeinde. Die 23,4 Prozent bei den Zweitstimmen waren aber nicht das beste Ergebnis der AfD in den Landkreisgemeinden. In Hohenfels waren es 26,6 Prozent. Dort fand sich auch das Wahllokal mit dem höchsten Stimmanteil für die AfD im gesamten Landkreis: In Markstetten gaben 41,3 Prozent der Wähler ihre Stimme der AfD. Der CSU blieb der zweite Platz.
In Neumarkt war dies in sieben von 27 Wahllokalen der Fall. Interessanterweise kommt die Partei in keinem der 25 Briefwahlbezirke der Stadt über die 20 Prozent. AfD-Wähler sind eher Urnen-Wähler.
In sieben Wahllokalen in Neumarkt lag AfD vor der CSU
„Das ist krass“, kommentierte ein CSU-Mitglied, als zunächst das Ergebnis für das Wahllokal Hasenheide bekannt wurde. 36,9 Prozent der Zweitstimmen entfielen dort auf die AfD (CSU: 31,8 Prozent). Es war das Thema des Abends. Neben der Hasenheide eroberte die AfD aber auch Wahllokale im östlichen und südöstlichen Randbereich der Altstadt.
Warum? Darauf suchten viele am Wahlabend und am Tag danach Antworten. Es blieb aber bei Spekulationen. Ob die betroffenen Viertel sozial anders zusammengesetzt sind als beispielsweise die klassischen Einfamilienhaus-Stadtteile Pölling, Woffenbach oder Holzheim? Einem solchen Erklärungsansatz folgt der Neumarkter AfD-Kreisrat Manfred Bogner: Seine Partei hole die Arbeiter, die sogenannten „kleinen Leute“ von den anderen Parteien zu sich herüber.
Hasenheide: War Flüchtlingsunterkunft Grund für viele AfD-Stimmen?
Kommunalpolitiker anderer Parteien tun sich mit Erklärungen für die einzelnen Wahllokale schwerer. „Den einen Erklärungsansatz dafür habe ich nicht“, sagt ein Neumarkter Kommunalpolitiker der CSU. Bemerkenswert ist aber, dass die betroffenen Wahllokale in Stadtgebieten liegen, die auch kaum Stadträte haben.
Im Fall der Hasenheide vermuten mehrere Kommunalpolitiker, dass die Diskussion um die Flüchtlingsunterkunft auf dem nahen alten Pfleiderer-Gelände eine entscheidende Rolle gespielt haben könnte. Bei einer Bürgerversammlung waren entsprechende Stimmen von Hasenheidern zu hören gewesen.
Wie Albert Füracker der AfD wieder Stimmen abjagen will
Dennoch sagt Matthias Sander: „Ich bin schockiert.“Als Vorsitzender des 1. FC Neumarkt Süd ist er bestens in der Hasenheide vernetzt. „Wir haben viele Menschen mit ausländischen Wurzeln im Verein. Aber es gibt keine offenen Probleme.“ Überrascht sei er dennoch nicht vom Ergebnis gewesen. Die Europawahl und Gespräche hätten ihm das bereits angedeutet. Sander, der auch SPD-Ortsvorsitzender ist, sagt, er habe die Menschen zu überzeugen versucht. „Aber das ist schwer.“ Nachlassen wolle er deswegen aber nicht.
„Gegen die AfD kommt man nicht an, indem man sie ständig erwähnt“, ist CSU-Bezirksvorsitzender und Finanzminister Albert Füracker überzeugt. „Sondern, indem wir die Probleme in Deutschland angehen.“ Er nennt speziell die Wirtschaft und die Migration. Dem laut Füracker beachtlichen Ergebnis der CSU und von Susanne Hierl zum Trotz, insgesamt sei der Wahlausgang in Deutschland ein Weckruf an die Parteien der Mitte.
Dass dieser etwas bewirken wird, daran glaubt AfD-Kreisrat Manfred Bogner nicht. Er sagt ein frühzeitiges Scheitern einer neuen Regierung voraus. „Und dann kommt die AfD ans Ruder.“ Die Bezirksvorsitzende Claudia Marino ist vom Ergebnis begeistert. „Wir haben eine politische Wende eingeleitet.“
Susanne Hierl über die mögliche Regierungskoalition in Berlin
Susanne Hierl und die Unionsparteien wollen das verhindern. Möglichst mit der SPD und möglichst schnell, wie die alte und neue Abgeordnete sagt. Hierl: „Wir können uns jetzt keine Hängepartie leisten.“ Der Druck auf die neue Regierung ist groß – bei gleichzeitig schwierigen nationalen und internationalen Rahmenbedingungen. „Wenn wir erstarren vor der schweren Aufgabe, haben wir schon verloren“, sagt die Bergerin.
Das gilt nicht zuletzt für die Herausforderung AfD. „Man hat das Ergebnis erwarten können, aber man hat etwas anderes erhofft“, sagt Hierl. „Ich war dennoch erschüttert.“ Vor allem, dass die AfD mit einem Kandidaten derart zugelegt habe, der in der Region nicht präsent sei. „Ich verstehe meinen Job anders“, sagt Hierl, die mit ihrem persönlichen Ergebnis und dem der Partei im Wahlkreis sehr zufrieden ist.