Wo jeder Zweite die AfD wählt: Das sind Regensburgs rechtspopulistische Hochburgen

Rechte Hochburgen in der Konradsiedlung und im Kasernenviertel, ein gespaltener Stadtteil in Burgweinting – derweil wählen die Altstadt und Stadtamhof wie der Prenzlauer Berg in Berlin: Die Spurensuche beginnt nach dem denkwürdigen Wahlabend. Regensburgs Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer findet, man müsste nochmals in die Stadtteile gehen und rausfinden, wo es den Bürger drückt.
Diesmal war das Wahlbüro in der „Schule für Toleranz und Vielfalt“, wie die frühere Hans-Herrmann-Schule heute heißt, nicht der Spitzenreiter bei den Stimmen für die AfD. Dort kam die AfD-Kandidatin Carina Schießl aus dem Stand – die gelernte Medizinisch-technische Laborassistentin war bis zur Corona-Pandemie nicht politisch aktiv und trat der AfD wegen der Corona-Maßnahmen bei – auf etwa 30 Prozent. Das sind nochmals knapp 20 Prozent weniger als in diesem Wahllokal: In Burgweinting im Bürgerbüro in der Friedrich-Viehbacher-Allee wählten 49,7 Prozent der Wähler an der Urne die AfD-Kandidatin. Sie hat zwischenzeitlich ein Ticket nach Berlin, saß am Montagmorgen schon im Zug.
Dabei kam die Rechtsaußen-Partei stadtweit auf 13,9 Prozent und lag damit weit unter das Bundesergebnis. Doch bei keiner Wahl zuvor war Regensburg derart polarisiert.
Burgweinting ist gespalten wie kaum ein anderer Stadtteil. Hier wohnen die gut situierten Ingenieure von BMW und Conti direkt neben Menschen, die in den 90er und 2000er Jahren als Zuwanderer nach Regensburg kamen, aber zwischenzeitlich den deutschen Pass haben. Ursula Maria Hartung ist Stadtteilkümmerin in Burgweinting. Sie kennt die Gemengelage. „Dort, wo die schönen Einfamilienhäuser stehen, da wird grün gewählt. In den Wohnblocks finden sich die AfD-Hochburgen.“ Die Menschen dort lebten relativ vereinsamt. Viele hätten Kontakte nach Russland, würden auch russisches Fernsehen sehen. „Denen sagt Putin: Wählt die AfD.“ Aber auch Menschen mit erfolgreicher Migrationsgeschichte kenne sie, die AfD wählen würden. „Wir versuchen alles, zu integrieren und ein Miteinander zu ermöglichen – aber es gibt unglaublich wenig Teilhabe“, sagt Hartung. Wenige Straßenzüge weiter ein Bild wie aus einer anderen Stadt: Dort wählten die Burgweintinger mit 38,5 Prozent Peter Aumer. Selbst Stefan Schmidt von den Grünen bekam hier mehr als 19 Prozent, deutlich mehr als die AfD-Kandidatin mit 16,8 Prozent.
„Ich bin geschockt“
Deutlich zugelegt hat die AfD auch in der Konradsiedlung. Im Wahlbüro in der Konradschule rangierte die AfD je nach Wahlbezirk zwischen 25 und knapp 50 Prozent. Kaum einer wählte hier grün. „Ich bin geschockt“, sagt Ludwig Dutscheck, Stadtteilkümmerer für die nördliche Konradsiedlung. „Aber wenn ich ehrlich bin: Im Sommer, wenn ich auf der Terrasse sitze, sind 90 von 100 Leuten, die vorbeigehen, Ausländer.“ Er habe überhaupt nichts gegen Menschen mit Migrationshintergrund, würde auch die AfD nie wählen. Aber: „Ich kenne viele Rentner, die sagen, sie haben 50 Jahre einbezahlt und jetzt sind sie die Bösen, weil sie Rente bekommen und kein Geld mehr da ist.“ Es komme für diese Menschen am Ende so rüber, als würden Zuwanderer alles kostenlos bekommen, obwohl sie nie einbezahlt hätten, so zumindest die Lesart dieser Wähler. Und dennoch: „Viele Rentner wählen ja trotzdem nicht die AfD.“ Viele sagen aber jetzt, gerade in der Konradsiedlung, „dass früher alles schöner war“. Gerade in der Aussigerstraße lebe kaum mehr jemand mit deutscher Herkunft. Das sei für viele eben ein Problem. „Und wenn mich eine Rentnerin fragt, ob ich sie wo hinfahre, muss ich ablehnen, weil wir keinen Versicherungsschutz haben – die fragen sich, wieso wir uns ganz kleinlich an alle Gesetze halten müssen.“
Ähnlich ist es im Kasernenviertel: Dort, wo das Ankerzentrum angesiedelt ist, bekam die AfD zwischen 27 und 36,5 Prozent. Dort, wo der Ausländeranteil an der Bevölkerung besonders hoch ist wie im Kasernenviertel, dort feiert die AfD neue Wahlrekorde.
Szenenwechsel: In der Regensburger Altstadt und in Stadtamhof wählt man wie in einer anderen Welt. Beispiel Wahllokal Piendl-Gymnasium. Hier hat die Linke bereits 2021 Erfolge gefeiert mit 15 Prozent. Zusammen mit den Grünen (25,7 Prozent und stärkste Kraft) und der SPD (20,6 Prozent) haben mehr als 60 Prozent links der Mitte gewählt. Es geht aber noch deutlicher: Im Wahlbüro im Alten Rathaus, Wahlbezirk 8, erzielte die Linke 33,8 Prozent der Zweitstimmen.
Blickt man in den Landkreis Regensburg, blickt man in eine völlig andere Wählerwelt. Die Regensburger Altstadt und Stadtamhof erinnern eher an Wahlergebnisse im Berliner Prenzelberg. Im Landkreis gibt es Gemeinden wie Altenthann oder Neutraubling, da kommen CSU und AfD, also die Parteien rechts der Mitte, zusammen auf zwei Drittel der Stimmen. Harald Stadler ist Bürgermeister in Neutraubling. Er stellt fest, dass gerade Menschen mit Migrationsgeschichte überproportional die AfD wählen. „Diese Menschen sagen: Wir sind damals als Gastarbeiter gekommen, wir haben uns integriert, gearbeitet und Geld verdient. Die haben jetzt Angst, dass ihr sozialer Stand und ihr Wohlstand gefährdet sind.“
Ruck hin zu den Rändern
Insgesamt legten in Regensburg die Extreme zu: Die Linke und die AfD gemeinsam um etwa 20 Prozent. Was sagt Regensburgs Stadtoberhaupt Gertrud Maltz-Schwarzfischer dazu? „Wenn ich wissen würde, wieso die Menschen in manchen Stadtteilen so wählen, dann hätte man darauf auch reagieren können.“ Man müsse nun „ganz anders rangehen und neue Wege überlegen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen“. Man müsse „vielleicht auch selber hingehen in diese Viertel und schauen, wo dort die Defizite sind“.
Übrigens fielen die Briefwahl-Ergebnisse deutlich moderater aus. Offenbar wählen wütende Bürger an der Urne.
