„Wunderbare Jahre“ hinter Stacheldraht: Mini-Oper erzählt von der Jugend in der DDR

Von Claudia Böckel · 24. Februar 2025 um 15:30

Torsten Rasch vertont in seinem Auftragswerk das berühmte Buch von Reiner Kunze. Im Theater am Haidplatz kann man das nun mit fantastischen Sängern und Musikern erleben – in all der Tristesse, die die DDR ausstrahlte.

Nur der typische Geruch nach Braunkohle fehlte noch auf der Bühne am Haidplatz. Sonst war alles da, was die Atmosphäre der DDR ausmachte: geschwärzte Backsteinwände, Tür und Tor versperrt, Plaste und Elaste, Grau in Grau, nur manchmal eine genau gesetzte Farbe: eine rote Mütze, eine bunte Schürze, denn geputzt wurde oft in „Die wunderbaren Jahre“ von Torsten Rasch. Unter den Teppich gekehrt quasi, obwohl gar kein Teppich da war.

Das Stück nach dem beeindruckenden Buch von Reiner Kunze wurde am Wahlabend am Theater Regensburg uraufgeführt. Sophie Bareis (Sopran), Svitlana Slyvia (Mezzosopran) und Jonas Atwood (Bass) und als Sprecherin Franziska Sörensen tragen mit neun Instrumentalisten unter Leitung von John Spencer das 90-minütige Opernwerk, das einem den Atem raubt, wie vor Jahrzehnten schon das Buch.

Der schmale Band erschien 1976 im Westen, in der DDR war er verboten. Torsten Rasch schmuggelte das Werk von einer Konzertreise mit dem Dresdner Kreuzchor über die Grenze. „Das Buch war legendär“, sagt Torsten Rasch im Vorgespräch am Sonntag, es kursierte in der DDR in Abschriften. Die Weitergabe war gefährlich, kam doch auf sechs Bürger ein Stasi-Agent. Trotz unendlicher Repressalien waren die Jugendjahre in der DDR wunderbare Jahre, weil es eben die Jugendjahre waren, meint Rasch. Der Titel, aus Truman Capotes „Grasharfe“ entlehnt, sei also nicht zu 100 Prozent sarkastisch gemeint.

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Die ganz kurzen Prosatexte, an Kafkas Kürzestgeschichten erinnernd, entstanden aus Hunderten Interviews, die der Dichter Reiner Kunze mit Schülern, Lehrlingen, Arbeitern und Soldaten der Nationalen Volksarmee führte – und aus Erfahrungen mit seiner halbwüchsigen Tochter Marcela. Rasch reiht diese Geschichten aneinander, in denen er drei Perspektiven erkennt: die des Erzählers, die der Tochter, die ihre wunderbaren Jahre lebt, und die des Menschen, der diese Jahre erlebt hat. Seine Musik ist eine Meditation über Kunzes Texte. Eingestreut zwischen die zum Teil grauenvollen Geschichten hat er immer wieder Volkslieder wie „Unsere Heimat“, aber auch Eichendorffs Morgengebet oder „Es geht eine dunkle Wolk’ herein“ aus dem 16. Jahrhundert, mit großem Bass-Solo von Jonas Atwood und Streicherglissandi für die aufgehende Sonne.

Instrumentalpassagen, die Erinnerungen in absolute Musik verwandeln, stehen an bedeutsamen Stellen, etwa vor dem Epilog „Schießbefehl“. Da verschwindet ein junger Mann, landet im Gefängnis. Seine Mutter backt Kuchen für den Besuch, man vertröstet sie. Schließlich händigt man ihr die Urne des Sohnes aus. Den Schlüssel zur Szene gibt nur die Überschrift: „Schießbefehl“.

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Sophie Bareis, Svitlana Slyvia und Jonas Atwood schlüpfen immer wieder in andere Rollen. Kein Text ist eindeutig einer Figur zugeordnet, alles ist in Bewegung – musikalisch und auf der Bühne, für die Sabine Sterken (Regie), Walter Schütze (Ausstattung) und David Herzog (Licht) verantwortlich sind.

Hauptrequisite ist ein riesiger Stuhl aus Metall, der universell einsetzbar ist: als Stuhl, als Gefängnis, als Höhle, als Tafel. Er wird gekippt oder geschoben, besetzt oder eingewickelt. Die Backsteinwand durchbricht ein Tor, das manchmal als Fenster Ausblick auf blühende Landschaften ermöglicht, die unerreichbar sind, von Stacheldraht abgesperrt. Die jugendlichen Protagonisten durchleben verschiedenste Stadien, das Spiel mit dem Gewehr oder mit der Gitarre, das eine erwünscht, das andere verboten. Sie sind einer freiheitsverachtenden Umgebung ausgesetzt, zerbrechen, resignieren oder begehren auf.

Fantastische Sänger und Musiker

„Das System“, schreibt Rasch, „war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil es keine Empathie für das Menschsein hatte.“ Musikalisch hat Rasch einfühlsame Bilder gefunden. Er setzt die Instrumente lautmalerisch ein, verwendet alle Spielmöglichkeiten, die den Streichern zur Verfügung stehen, lässt den Kontrabass perkussiv agieren, das Akkordeon Betonungen setzen, die Bläser wild aufbegehren oder sanfte Kantilenen bilden. Von höchster Dramatik bis zu den vermeintlich kitschigen Liedern steckt alles drin.

Eigentlich hat der Komponist ein großes Oratorium zu diesem Thema komponiert, es sei schon fertig, sagt er. Für Regensburg goss er „Die wunderbaren Jahre“ in eine kleinere Form, die man hier mit fantastischen Sängern und Musikern erleben kann – in all der Tristesse, die die DDR ausstrahlte.

Begegnung am Wahlabend

Torsten Rasch, 1965 in Dresden geboren, erlebte in der DDR Repressalien am eigenen Leib. Er sang im Kreuzchor, studierte Musik und ging nach dem Mauerfall für 15 Jahre nach Japan, wo er die Musik für 40 Filme komponierte. 2002 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde berühmt mit „Mein Herz brennt“. Für den Liedzyklus, der auf Songs von Rammstein beruht, erhielt er einen Echo-Klassik.

Wie aktuell Reiner Kunzes Buch ist, erlebte Torsten Rasch vor der Uraufführung am Sonntag. Er sah auf einer Demo vor dem Theater eine junge Frau im T-Shirt mit FdJ-Aufdruck: Freie deutsche Jugend. Er stellte sie zur Rede und fragte, ob sie denn wüsste, was da auf ihrem Hemd steht. Die Frau fragte zurück: Ob er gegen Freiheit sei? Rasch erklärte ihr, was das Hauptziel der FdJ war: alle jungen Menschen zur Armee zu bringen.

„Das System war von Anfang an zum Scheitern verurteilt“, sagt Torsten Rasch. Foto: Alberto Novelli
Franziska Sörensen agiert als Sprecherin in der Mini-Oper. Foto: Tom Neumeier Leather
Die Bühne dominiert ein Mini-Stuhl, der vielseitig zum Einsatz kommt. Foto: Tom Neumeier Leather