Der Soundtrack zur Lüge: Torsten Rasch vertont für Regensburg berühmte Protokolle aus der DDR

Von Marianne Sperb · 18. Februar 2025 um 18:30

Das neue Musiktheater-Stück illustriert, wie die DDR ihre Jugend systematisch indoktrinierte, militarisierte, zu brechen suchte. Komponist Torsten Rasch hat die Repressalien am eigenen Leib erlebt – eine Begegnung.

Torsten Rasch zieht bei der Matinee im Theater am Haidplatz ein Büchlein aus dem Mantel. Es ist zerfleddert, vielfach geklebt, aber für den Berliner, der für das Theater Regensburg ein Stück komponiert hat, ein Schatz. Er hatte es in Göttingen gekauft, mit 16, 17, auf Konzertreise mit dem Kreuzchor. An der Grenze, auf dem Rückweg nach Dresden, schwitzte er Blut und Wasser. Hätten Grenzer das Buch eines DDR-Dissidenten bei ihm gefunden, es wäre ihm schlecht ergangen. Denn „Die wunderbaren Jahre“ war in der Diktatur verboten – und für Torsten Rasch eine Offenbarung. Endlich eine aufrichtige Stimme im Land der Lügen!

Reiner Kunze fasste 1976 auf 144 Seiten unsentimental und ungeheuer prägnant zusammen, was ihm Kinder, Teenager, Lehrlinge, Soldaten der Volksarmee in Interviews sagten, auch Phrasen, die sie nachplapperten. Ein Siebenjähriger, mit Spielzeug-Revolvern bepackt, feuert da „gegen die Bösen“. Wer ist gut? „Lenin.“ Aber wer Lenin ist, kann das Kind nicht sagen. Ein Hauptmann?

Die Vignetten lassen tief blicken in ein System, das seine Jugend systematisch indoktrinierte, militarisierte, zu brechen suchte. Das Buch, das in der DDR selbstverständlich nicht erscheinen durfte, kam im Westen heraus, wurde ein Bestseller, eine Bibel für alle, die sich nach Freiheit sehnten.

Torsten Rasch erfuhr Repressalien am eigenen Leib. „Ich war kein Widerstandskämpfer“, sagt er nach der Matinee, im Goldenen Kreuz. Aber er trug den verbotenen Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“.

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Als Kreuzianer war Rasch privilegiert, durfte reisen. „Der Chor war eine Enklave, in der wir die Lüge noch stärker empfunden haben.“ Der Chordirektor war ein hohes Tier bei der Stasi, den Pfarrer himmelten die Buben an. „Der hatte verbotene Bücher.“ Überhaupt: „Die Kirche gab ein Gefühl von Freiheit.“ Wer rebellierte, wurde bestraft: „Der Staat reagierte wütend und scharf. Man hat Reaktionen erlebt auf das, was man tat. So entstehen Individuen.“

So geht Persönlichkeitsbildung. Torsten Rasch hatte in der 12. Klasse, nachdem er und ein Freund aufgemuckt hatten, gemobbt wurden, die Schnauze voll. „Ich nahm mir die Freiheit, die Schule zu verlassen. Und mein Freund nahm sich die Freiheit, sich das Leben zu nehmen“, sagt der Komponist lakonisch vor seiner Tasse Kaffee. Das heißt: So genau weiß man es nicht. Der Körper des Freundes lag auf den Gleisen, Hintergründe: unklar. Fest steht: Den Schülern war verboten, zur Beerdigung zu gehen.

Als die Mauer fiel, wollte Torsten Rasch nichts wie weit, weit weg. Über eine Brieffreundin kam er nach Japan, wo er 15 Jahre blieb und viel Filmmusik schrieb. Er machte international Karriere, komponierte etwa für die English National Opera. „Mein Herz brennt“ brachte ihm 2004 den Klassik-Echo. Der Liedzyklus nach Songs von Rammstein war 2023 in Regensburg geplant. Das Theater sagte kurzfristig ab, wegen Verlagsrechten und weil man Sänger Till Lindemann sexuelle Übergriffe vorwarf. Die Ermittlungen wurden eingestellt.

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„Die wunderbaren Jahre“ zu vertonen, geht Rasch seit Jahren im Kopf herum. Als der Auftrag aus Regensburg kam, entstand das Stück schnell. „Das Aufgeladene kam heraus.“ Und vielleicht wird die Mini-Oper vom Haidplatz ja zum Nukleus für ein DDR-Oratorium.

21 Szenen kommen auf die Bühne. Viele sind Vignetten aus Kunzes Buch entnommen, einige dem DDR-Volksliedgut entlehnt. Bei der Matinee singen zuckersüße Kinderstimmen vom Band zu zuckersüßen Naturbildern einer Slideshow das DDR-Lied „Unsre Heimat“. „Ein Badewannen-Moment“, sagt Chef-Dramaturg Ronny Scholz. Unter dem Edelkitsch wird die Melodie immer schräger, verstörender, wandert von strahlend hellen Geigen über Cello und Bass in den Untergrund – ein kunstvoll-zynischer Kommentar zu behaupteter Wahrheit und wahrer Lüge in der DDR.

Das Serum gegen Vorurteile

Einige im Team haben DDR-Wurzeln: Ronny Scholz, Jahrgang 1981, aus Görlitz, auch Regisseurin Sabine Sterken, in den 1960ern in Leipzig geboren. „Wir haben Kunzes Buch mit fünf Durchschlägen abgetippt und verteilt“, erinnert sie sich. „Als ich nun von dem Regensburger Projekt hörte, dachte ich: So ein Geschenk!“

Bis heute, sagt Ronny Scholz, gibt es so viele dumme Vorurteile über Ost und West. „Die wunderbaren Jahre“ schenkt einen anderen Blick. Wenn die Wahllokale am Sonntag schließen, beginnt am Haidplatz die Uraufführung. Kinderstimmen werden dann süß vom Band flöten „Unsre Heimat. Wir schützen die Heimat“, ohne zu realisieren, was sie sagen. Wie damals in der DDR. Und wie heute in jeder Diktatur.

Uraufführung am Wahlsonntag

„Die wunderbaren Jahre“ von Torsten Rasch hat am 23. Februar (18 Uhr) Uraufführung, musikalische Leitung: John Spencer, Bühne: Walter Schütze.

Das Musiktheaterstück ist besetzt mit drei Gesangsstimmen, einer Erzählerin und mit neun Instrumentalisten.

Sängerin Sophie Bareis in einer Szene von „Die wunderbaren Jahre“ Foto: Tom Neumeier