Alle fliegen auf dieses Regensburger Musical

„Come from Away“: Kitty aus Kanada fliegt sogar über den großen Teich, um die Inszenierung am Theater Regensburg zu erleben. Bei der Matinee gab das Team nun Einblick in eine Produktion, die Maßstäbe sprengt.
Nach der Probe zu „Come from Away“ im Theater am Bismarckplatz tippte ein Mann Chef-Dramaturg Ronny Scholz auf die Schulter: Kitty aus Kanada. Der Gast war extra für erste Eindrücke aus der Musical-Produktion angereist und kommt im Juni wieder, dann, um die Inszenierung zu sehen.
Falls es noch eines Belegs bedurft hätte, um den Hype zu illustrieren: Kitty lieferte ihn. Er fliegt „Come from Away“ rund um den Globus hinterher, nach London, New York, Japan, und hat die Show 36 Mal erlebt. Die Produktion wurde seit der Uraufführung 2013 in Kanada zur Weltmarke. Nach Rekorden am Broadway und am Westend ist sie ab Samstag endlich, nach fünf Jahren Vorlauf, in deutscher Fassung (2024 übersetzt von Sabine Ruflair) zu sehen.
Dass nicht Hamburg, Berlin oder München, sondern Regensburg die Rechte erhielt, ist ein Coup und geknüpft an eine Klausel: Intendant Sebastian Ritschel, der in der Szene einen ziemlich tollen Ruf hat, muss Regie führen. Bei der Matinee stellte das Team nun eine Show vor, die Maßstäbe sprengt.
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Irene Sankoff und David Hein erzählen, wie Gander in Neufundland in den Tagen nach dem Terror von 9/11, Tausende gestrandeter Passagiere aufnahm. Das 9500-Einwohner-Städtchen hatte plötzlich 7000 Menschen zu versorgen, die essen, schlafen, duschen, telefonieren, getröstet werden wollten. Das Paar führte 2011, zehn Jahre nach dem „Wunder von Gander“, Hunderte Interviews mit der Schicksalsgemeinschaft. Jede der Figuren hat ein reales Vorbild: Ersthelfer, Hausmeister, eine Mutter, die bei 9/11 ihren Sohn verloren hat, einen Muslim, der plötzlich geschnitten wird. Die Botschaft, die naiv wirkt und dennoch bis heute inspiriert: Unbedingte Großzügigkeit und echte Menschlichkeit überwinden alle Unterschiede und Notlagen.
Lauter schnelle Schnitte
400 Bewerber rissen sich um die zwölf Plätze auf der Besetzungsliste – auch Stars wie Lionel von Lawrence, Patricia Hodell oder Andreas Biber, er war der Kronprinz bei der Uraufführung von „Elisabeth“ in Wien. Die komfortable Auswahl gab beim Casting die Chance zum Feintuning. Jogi Kaiser und Carin Filipčic, die als Silverager mitten in der Katastrophe die Liebe entdecken, harmonieren, als wären sie tatsächlich seit Jahren ein Paar, und Wietske van Tongeren nimmt man die taffe Pilotin, die 1986 als erste Frau bei American Airlines im Cockpit saß, unbedingt ab. „Als ich von der deutschen Show hörte, dachte ich: Ich wäre urdankbar, wenn ich nur mitspielen dürfte“, bekennt sie bei der Matinee.
Dabei sind die Rollen teuflisch schwierig. Felix Rabas etwa, einer der Profis aus dem Haus-Ensemble, switcht zwischen sieben Figuren hin und her. Überhaupt: „Das Stück ist rasend schnell geschnitten“, sagt Ritschel. Im Sekundentakt wechseln die Darsteller in insgesamt 40 Charaktere und ihre Positionen. Mal sitzen die Figuren im Flugzeug, mal im Bus, mal trinken sie in der Bar, mal spazieren sie am Strand.
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Verblüffend: Trotz der vielen Cuts, das zeigte die öffentliche Probe, sind die Zuschauer immer präzise orientiert, wo man sich gerade befindet, wer da gerade spricht, singt, tanzt. Regie und Choreografie verschmelzen. „Das ist ein fließender Prozess“, sagt Choreograf Gabriel Pitoni, „bei permanent hohem Tempo.“ Viele kleine farbige Zettel am Bühnenboden helfen, Logistik und Timing im Griff zu behalten – und natürlich intensive Proben. Das Theater verlangte von allen zwölf Darstellern, die gesamte Produktionszeit vor Ort zu bleiben – eine Bedingung, die ungewöhnlich ist und die Künstleragenturen auch nicht mögen. „Aber hier geht’s nicht anders“, so Ritschel. „Das funktioniert nur als Team, als Familie.“
Tricky ist auch die Musik: eine Art Neufundland-Celtic-Folk-Rock, ungewöhnlich instrumentiert mit Fiddle, Mandoline, Drums, Whistles, die nur eine Tonleiter spielen, weshalb für Benedikt Dreher ein Tischchen voller Flöten zum Wechseln bereit steht, und Bodhráns, einer Handtrommel. Einer der wenigen Bodhrán-Virtuosen, Benedict Kutzer, sitzt zufälligerweise in Regensburg. „Die Musik an sich ist nicht kompliziert, aber das Organisieren. Das ist sehr schwierig, aber Sie werden es nicht merken“, sagt Andreas Kowalewitz, der musikalische Leiter.
16 Vorstellungen sind so gut wie ausverkauft, eine 17. und 18. legte das Theater noch drauf. Und für sieben Abende übernimmt das Deutsche Theater München die Regensburger Produktion. Wer auch da keine Tickets mehr bekommt, muss sich wohl ins Flugzeug setzen. Vielleicht gibt’s in Kanada noch Karten.
Das Bühnenbild
Vorbild New York: Kristopher Kempf ließ sich inspirieren von New York, wo am 11. September 2001 bei einem Terroranschlag die Türme des World Trade Centers einstürzten und selbst baumdicke Stahlträger schmolzen. Die Stahlträger sind auch das Gerüst für die zweistöckige Bühnenbild. In der oberen Etage sitzt die Band.
Vorbild Gander: Der Schriftzug vom Flughafen Gander wurde berühmt, eine Marke, und dominiert auch die Bühne, auf der ansonsten nur weiße Stühle und ein paar Tische zu sehen sind. Eine extra gekaufte kleinere Drehscheibe erlaubt, den Orchestergraben zu überbauen und die Figuren ganz nah an die Zuschauer zu rücken.