„Ich liebe Videospiele“: Ray Chen über seine Vorlieben – und seine Stradivari

Der charismatische Musiker erreicht mit seiner medialen Präsenz Millionen Zuhörer und Follower. Bei Odeon Concerte spielt er nun die „Vier Jahreszeiten“. Im Interview verrät er, wie er das superpopuläre Werk angehen will.
Ray Chen gehört bereits jetzt, mit 35, zur Elite der Geiger unserer Zeit. Sein kometenhafter Aufstieg begann mit Siegen beim Yehudi Menuhin Wettbewerb (2008) und beim Queen-Elisabeth Wettbewerb (2009). Seither genießt der australisch-taiwanesische Geiger Kultstatus. Ray Chen hat das Bild des klassischen Musikers im 21. Jahrhundert geprägt. Mit seiner medialen Präsenz erreicht er Millionen Zuhörer und Follower rund um den Globus. Für den charismatischen Ausnahme-Geiger steht fest: „Musiker sollten heute Botschafter ihrer Sache sein, auch abseits der Bühne.“ Ray Chen gibt am Freitag bei Odeon Concerte im Audimax sein Regensburg-Debüt, begleitet vom Concertgebouw Kammerorchester Amsterdam.
Sie haben mit vier begonnen, Geige zu spielen. Mit acht gaben sie Ihr erstes großes öffentliches Konzert in Australien. Gab es in ihrer Kindheit auch andere Dinge als das Violinspiel?
Ray Chen: Ich liebte immer, Fußball, Tennis oder Tischtennis mit der Videokonsole zu spielen. Meine Eltern kombinierten das mit meinem Geigenspiel. Für jede Stunde, die ich an der Violine übte, bekam ich Taschengeld oder extra Game-Zeit. Damit war alles mit Spaß verbunden und zudem äußerst lohnenswert. Zudem war die Musik immer auch die Möglichkeit, schnell mit anderen in Kontakt zu kommen.
Sie haben schon viele Geigen von Antonio Stradivari gespielt. Aktuell sind Sie im Besitz der „Dolphin“ von 1714. Was zeichnet dieses Instrument aus?
Ray Chen: Diese Geige hat einen ganz besonderen Charakter. Mein letztes Album habe ich mit ihr aufgenommen. Beim Zuhören fällt sofort die Klarheit und Brillanz ihres Klangs auf, mit einer unglaublichen Höhenqualität und beweglichen und lebendigen Klangfarben. Einst spielte der legendäre Jasha Heifetz das Instrument und man glaubt, immer noch etwas von ihm in der Geige zu hören.
In Regensburg hören wir Sie mit Vivaldis vier Jahreszeiten. Was dürfen die Zuhörer von Ihrer Interpretation erwarten?
Ray Chen: Die „Vier Jahreszeiten“ werden so oft aufgeführt, dass man sich in den Wahnsinn treibt, wenn man sich zu sehr darauf konzentriert, einfach nur anders zu sein. Ich denke also nicht zu viel darüber nach – ich versuche einfach, ich selbst zu sein, und meine Interpretation ist immer fließend. Trotzdem liebe ich es, den Charakter jeder Staffel hervorzuheben. Im Sommer zum Beispiel bringe ich schwere, drückende Hitze zum Ausdruck, indem ich den Bogen so spanne, dass sich der Klang beschwert anfühlt – fast so, als würde die Hitze auf einen drücken. Im Winter erzeuge ich in manchen Momenten einen eisigen, spröden Klang, als würden die Zähne klappern, und in anderen lasse ich die Geige heulen wie kalten Wind. Es macht so viel Spaß, das Stück zu spielen, weil ich so viele Bilder damit verbinde. Und dank der vier Sonette bekommt man eine wirklich klare Vorstellung davon, was er tatsächlich zum Ausdruck bringen wollte. Es ist fast so, als würden Sie mit ihrer Geige einen Film vertonen.
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Was verbindet Sie mit dem Concertgebouw Kammerorchester Amsterdam?
Ray Chen: Ich bin ein Fan des Royal Concertgebouw Orchestra, seit ich als Kind zum ersten Mal eine Aufnahme hörte. Der Concertgebouw-Sound hat diese unglaubliche Wärme und Tiefe, ist aber gleichzeitig raffiniert und charaktervoll. Das ist etwas, mit dem ich mich als Musiker wirklich identifizieren kann. Ich liebe es, eine Balance zwischen sattem, ausdrucksstarkem Klang und Spontaneität zu finden, und wenn man mit einem Ensemble wie diesem Kammermusik spielt, geht es vor allem ums Zuhören, gemeinsames Atmen und die Gestaltung der Musik im Augenblick. Es entsteht eine Art musikalischer Konversation, und das Publikum kann sich darauf freuen, Teil dieses Dialogs zu sein, während wir gemeinsam die Musik zum Leben erwecken. Es ein unglaubliches Gefühl, mit Musikern dieser großen Tradition zu spielen.
Was machen Sie – außer Geige spielen – sonst gern?
Ray Chen: Ich liebe immer noch Videogames – ich fürchte, da bin ich ein großes Kind geblieben. Aber ich beschäftige mich auch darüber hinaus mit den Social Media. Mit „Tonic“ haben wir während der Pandemiejahre eine Plattform entwickelt, auf der nun über 250 000 Menschen ihre musischen Fähigkeiten auf vielfältigste Weise teilen und sich unterstützen. Diese weltumspannende Zusammengehörigkeit durch die Musik ist ein großer Antrieb für mich geworden.
Interview: Andreas Meixner