Lars Eidinger zu Gast am Theater Regensburg: 90 intime Minuten mit Thomas Brasch

Von Marianne Sperb · 22. Februar 2025 um 09:30

Der Schauspieler Lars Eidinger und der Schlagzeuger Georg Kranz interpretieren Texte des früh verstorbenen Dichters, der gerade seine mediale Auferstehung feiert. Der Abend ist kurzweilig, oft witzig und sehr intensiv.

90 Minuten lang schenkt Lars Eidinger dem Publikum keinen Blick, kein Lächeln, keine Geste. 90 Minuten gehört das Theater am Bismarckplatz am Freitagabend den Worten von Thomas Brasch und dem Schlagzeug von Georg Kranz. Mehr braucht es nicht.

Lars Eidinger und Thomas Brasch kann man aktuell kaum entkommen. Der Schauspieler, DJ, Regisseur und Fotograf, der seit Jahren als „Hamlet“ und „Richard III.“ zuverlässig die Berliner Schaubühne füllt, ist omnipräsent, auch auf dem roten Teppich der Berlinale. Der früh gestorbene Dichter, der diesen Februar 80 geworden wäre, erlebt gerade seine mediale Auferstehung, durch den Film „Lieber Thomas“ und Geburtstagsbeiträge auf allen Kanälen. Und beide, Eidinger und Brasch, lassen sich am Freitag nicht mehr unterscheiden.

Lesen Sie mehr: Der Soundtrack zur Lüge: Torsten Rasch vertont für Regensburg berühmte Protokolle aus der DDR

„Weine nicht. Keiner ist haltbar gebaut.“

„Das Unvereinbare in ein Gedicht“ heißt der Abend in der Reihe „Große Namen, große Texte“. Der Widerspruch lauert in jeder Zeile von Thomas Brasch, der in der DDR nicht glücklich war und es im Westen nicht werden konnte, ein zerrissener Mensch, der den Zweifel in kluge, rotzige, erotische, kühle, aufwühlende Worte fasste. „Wer hat dir ins Gehirn getreten, Mann. Dass du vergessen hast, du willst nur, was du nicht haben kannst“, schrieb er. Oder: „Zuviel geredet. Zu selten geschwiegen. Und Angst immer: Vor allem und vor jedem. Vor dem Verlassen und dem Verlassenwerden. Vor der Gesellschaft und vor der Einsamkeit. Vor meiner unnachgiebigen Verteidigung einer unwürdigen Unabhängigkeit.“ Oder, auch wenn es im Theater Regensburg nicht zitiert wird: „Keiner ist haltbar gebaut.“ Kein Mensch und kein Staat und vielleicht – zwei Tage später wird Deutschland wählen – auch keine Demokratie.

Ganz pur ist die Bühne ausgestattet, leer bis auf die bläulich-weiß beleuchtete Leinwand. Lars Eidinger, der im übergroßen Anzug verletzlich wirkt, wie ein einsames Kind, das Autorität sucht, liest aus zwei schmalen Bänden: „Der schöne 27. September“ und „Was ich mir wünsche“. Seine Präsenz ist beeindruckend. Auch als er eine gefühlte Minute lang eine Kunstpause macht, bleibt es im Saal ganz still.

Der Schlagzeuger Georg Kranz vom Berliner Jugendtheater Grips ist die Überraschung des Abends. Lässig bedient er das Pedal, beschnüffelt mit den Sticks auch das Gestänge der Mikros, streichelt zart mit den Besen, klopft nur mit Zeigefingern aufs Schlagzeug oder klatscht den Rhythmus mit den Handflächen auf seine Schenkel. Er malt ein Gedicht übers Malen aufs Trommelleder, er hupt durch die Lärmkulisse der Straßen zu Worten über New York. Dazu holt er von tief unten Dada-Töne, jault, brummt, stöhnt, seufzt, raunzt und haucht.

Lesen Sie mehr: „Come from Away“: Alle fliegen auf dieses Regensburger Musical

Menschentrauben umlagern den Star

Eidinger und Kranz schenken sich nichts. Gedichte, manchmal nur halbe Minute lang, wechseln mit Geräuschen, fließen manchmal ineinander. Die Menschen im Saal bleiben 90 intime Minuten lang gefangen. Das ist kurzweilig, oft auch witzig und immer sehr intensiv. Lars Eidinger spricht am Ende von schlechtem und – wie in Regensburg – gutem Publikum und dankt. „Das war eine sehr schöne Unterhaltung mit Ihnen heute.“ Beim Signieren von CDs und Büchern im Foyer wird er von Menschentrauben umlagert, die noch ein Wort aufschnappen, noch ein Selfie abgreifen wollen, eine einzige „Alle lieben Lars“-Feier.

Später will er mit Torsten Rasch noch einen trinken. Da schließt sich ein Kreis. Der Komponist aus Berlin, ebenfalls beladen mit dem Gepäck eines Lebens in der DDR, begleitet hier gerade die Proben von „Die wunderbaren Jahre“ nach Reiner Kunze, dem berühmten Dissidenten – die Uraufführung ist am Wahlsonntag. Seine erste Oper schrieb Rasch 2008 zum Stück „Rotter“ von Thomas Brasch. Und aktuell arbeitet er mit Katharina Thalbach, die mit Brasch bis zu dessen Tod 2001 zusammen war, und ihrem Halbbruder Pierre Besson an einem Abend über Wilhelm Busch. „Den“, sagt Rasch, „würde ich gern in Regensburg zeigen.“

Beeindruckend präsent: Lars Eidinger liest in Regensburg Gedichte von Thomas Brasch. Foto: altrofoto.de
Cool und gekonnt: Georg Kranz malt mit Sticks und Besen die Worte aufs Trommelleder. Foto: altrofoto.de