Hat das Deutschlandticket eine Zukunft? RVV-Chef richtet Appell an künftige Regierung

Von Jonas Raab · 23. Februar 2025 um 15:00

Quo vadis Deutschlandticket? Weder Sinn und Zweck noch Finanzierung des Fahrscheins sind ausdiskutiert. Die Union ist uneins. Beim Regensburger Verkehrsverbund (RVV) ist das subventionierte Ticket ein Verkaufsschlager. Geschäftsführer Kai Müller-Eberstein richtet einen Appell an die künftige Regierung.

Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) hätte gern, dass der Bund die Kosten für das Deutschlandticket künftig alleine stemmt. Man werde schon „eine Lösung finden“, behauptete daraufhin Bernreiters Chef, Markus Söder. Und im Wahlprogramm der Union, da steht im Gegensatz zu allen anderen Parteien keine Silbe zur Causa geschrieben.

Anfang des Jahres wurde der Preis des Deutschlandtickets von 49 auf 58 Euro erhöht. Und trotzdem: Mehr als 40.000 Abos hat der RVV allein im Januar verkauft. Ein Jahr zuvor waren es noch 30.000 pro Monat. „Die Nachfrage hat seit Einführung des Tickets stetig zugenommen“, sagt Müller-Eberstein. Viele Kunden, die bislang klassische RVV-Zeitkarten genutzt hätten, seien auf das Deutschlandticket umgestiegen – insbesondere Studenten und Auszubildende, die es zum ermäßigten Preis bekommen.

Das Deutschlandticket: Ein „echter Volltreffer“

Auch bei Gelegenheitskunden, die Einzel-, Streifen- oder Tagestickets nutzen, hat sich Müller-Eberstein zufolge die Einführung bemerkbar gemacht. Auf den ersten Blick allerdings im negativen Sinn: „Das Deutschlandticket führt zu Mindererlösen durch Abwanderung der Kundinnen und Kunden aus dem RVV-Tarif.“ Die Verluste gleichen jedoch Bund und Freistaat aus. Noch.

Müller-Ebersteins Fazit nach 22 Monaten Deutschlandticket könnte eindeutiger nicht ausfallen: Es sei ein „Erfolgsmodell“, ein „Gewinn“ für die Region und ein „echter Volltreffer“ für Kunden. Es sorgte dafür, dass die Menschen häufiger in Busse und Bahnen einsteigen. „Ein Ticket, ein Preis, bundesweit unterwegs – ohne komplizierte Tarifzonen oder Zusatzkosten. Es macht den Nahverkehr einfach und attraktiv.“ Das fördere den Umstieg auf klimafreundliche Mobilität und entlaste Millionen Menschen finanziell.

So sieht das auch Alexander Gröbner, Geschäftsführer Verdi Oberpfalz. „Der Verkehr ist einer der größten CO2-Produzenten der Republik.“ Diese „massive Fehlstellung“ bekomme man nur mit ebenfalls „massiven Investitionen“ in den Griff. Gröbner spricht sich für eine strukturelle Förderung des ÖPNV auf der einen Seite aus; auf der anderen – der Nachfrageseite – brauche es attraktive Angebote wie eben das Deutschlandticket. „Der ÖPNV muss zukunftsfähig werden.“ Heißt: klimaneutral.

„Mobilitätsflatrate“ Deutschlandticket – Kritik an Preiserhöhung

Auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) fordert den Erhalt des Deutschlandtickets. Der ÖPNV sei die natürliche Ergänzung des Radverkehrs bei „Sauwetter“ oder zu weiten Strecken; er helfe den Menschen, im urbanen Umfeld ohne Auto auskommen zu können, sagt Klaus Wörle vom Regensburger ADFC-Vorstand. „Dank des Deutschlandtickets muss man sich im Bedarfsfall nicht um Tarifstrukturen kümmern. Es ist eine Mobilitätsflatrate“, schwärmt Wörle.

Dass der Preis für das Deutschlandticket zum Jahreswechsel auf 58 Euro geklettert ist, sieht Wörle äußerst kritisch. „Es sollte so günstig wie möglich sein, weil es vielen Menschen Mobilität ermöglicht.“ In der ADFC-Selbsthilfewerkstatt – hier kann man sein Rad in Eigenregie reparieren, aber auch vom Verein ertüchtigte Drahtesel zum kleinen Preis erstehen – bekomme er mit, dass das Deutschlandticket bei der jetzigen Preisgestaltung für viele nicht mehr attraktiv sei, berichtet Wörle. „Das sind keine Extremexistenzen. Aber wenn man nicht genug verdient, machen 50 Euro schon einen Unterschied“, sagt das ADFC-Vorstandsmitglied mit Blick auf das einstige 9-Euro-Ticket, das im Sommer 2022 drei Monate lang als Teil eines Entlastungspakets verfügbar war.

„Das 9-Euro-Ticket hat es vorgemacht, das Deutschlandticket führt es fort: Durch die günstigen Flatrates für den öffentlichen Nahverkehr haben sich die Erwartungen der Fahrgäste grundlegend verändert“, sagt RVV-Chef Müller-Eberstein. Viele Menschen seien heute vermutlich nicht mehr bereit, mehrere hundert Euro pro Monat für eine Verbundnetzkarte zu zahlen – „verständlich, wenn man aktuell für nur einen Bruchteil des Preises deutschlandweit mobil sein kann“.

Ist das Deutschlandticket eine Fahrkarte fürs Klima

Müller-Eberstein hofft, „dass auch die kommende Regierung in Berlin die Vorteile dieses Tickets erkennt und sich an der Finanzierung für weitere Jahre beteiligt“. Sollte das Deutschlandticket 2026 ersatzlos gestrichen werden, könne ein bedenklicher Rückschritt drohen: Statt auf Bus und Bahn umzusteigen, könnten zahlreiche Pendler dem klimafreundlichen Nahverkehr den Rücken kehren. Das wäre in Müller-Ebersteins Augen ein herber Rückschlag für die Verkehrswende. „Ungeachtet der aktuellen zahlreichen politischen Herausforderungen existieren weiterhin Klimaziele für den Verkehrssektor“, gibt der RVV-Chef zu bedenken. „Die Politik muss nach der Wahl also dringend Lösungen finden für die Finanzierung eines zukunftsfähigen, angebotsstarken ÖPNV in Verbindung mit einem attraktiven Tarif.“

Verdi-Geschäftsführer Gröbner pflichtet bei. „Das Klima spielte vor der Wahl quasi keine Rolle. Das ist sehr bedauerlich. Es muss in Koalitionsverhandlungen Thema werden.“

Erst neun, dann 49, jetzt 58 Euro: Und wie geht es 2026 mit dem Deutschlandticket weiter?
„Es macht den Nahverkehr einfach und attraktiv“, sagt RVV-Geschäftsführer Kai Müller-Eberstein über das Deutschlandticket.