Gefährliche Mutproben in den sozialen Medien: Das sagt eine Regensburger Therapeutin

Von Marion Neumann · 21. Februar 2025 um 11:00

Ohne Grund Schmerzmittel einnehmen – und das in exzessiven Mengen: Im ersten Moment mag das absurd erscheinen. Dennoch zieht das Thema als sogenannte Paracetamol-Challenge im Internet Kreise. Im Zeitalter von Social Media sei es nicht selten, dass sich Mutproben dieser Art verbreiten, sagt die Regensburger Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Kathrin Medugorac.

Ohne Grund Schmerzmittel einnehmen – und das in exzessiven Mengen: Im ersten Moment mag das absurd erscheinen. Dennoch zieht das Thema als sogenannten Paracetamol-Challenge im Internet Kreise. Schon seit einigen Wochen geistert die Mutprobe durch die sozialen Medien. Kinderärzte, Apotheker und Eltern alarmiert. Angeblich sollen Kinder und Jugendliche bei der „Challenge“ bewusst eine Überdosis des Medikaments einnehmen, ohne sich der lebensgefährlichen Folgen bewusst zu sein.

Obwohl in der Region Regensburg bislang keine Fälle bekannt sind, sei es im Zeitalter von Social Media nicht selten, dass sich Mutproben dieser Art über die Online-Plattformen verbreiten, sagt Kathrin Medugorac, approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin mit Privatpraxis in der Innenstadt.

Orientierung in der Pubertät

„Während der Pubertät ist man noch nicht ganz gefestigt und sucht Orientierung. Jemand, der ein nicht so stark ausgeprägtes Selbstwertgefühl hat, ist durch solche Challenges versucht, zu zeigen, was er kann.“ Die Mutproben selbst seien in den Gesprächen mit ihren Patienten zwar kein Thema gewesen. Der Umgang mit dem Handy im Allgemeinen komme dagegen umso öfter zur Sprache. „Jugendliche verbringen häufig sehr viele Stunden auf Social Media“, sagt sie, „es ist eine besondere Welt mit großer Anziehungskraft“.

Wie schnell sich mitunter gefährliche Internet-Trends verbreiten, erlebt die Psychotherapeutin auch bei ihrer eigenen Tochter im Grundschulalter. In Erinnerung geblieben ist ihr etwa die „Hot Chip Challenge", die vor einiger Zeit viral gegangen ist. Kinder und Jugendliche aßen dabei in Videos extra scharfe Chips, würzten sogar noch mit Tabasco nach. „Es gab dann tatsächlich Kinder, die große Chipstüten mit in die Schule gebracht haben. Durch Schulhofgespräche verbreitet sich so etwas – und jüngere Kinder reflektieren vielleicht noch weniger, als es Jugendliche tun.“

Medienerziehung bereits in der Grundschule

Umso wichtiger findet Medugorac deshalb, dass an der Grundschule ihrer Tochter bereits Medienerziehung stattfinde. „In der vierten Klasse wird über das Thema Internet und Medienkonsum gesprochen. Dabei geht es auch um diese Challenges, die sich sogar unter Kindern verbreiten, die noch kein eigenes Handy haben.“ Da bereits Zweit- oder Drittklässler vermehrt Videos auf dem Handy schauen, wäre es ihrer Ansicht nach sogar sinnvoll, noch früher mit der Aufklärung zu starten. „Kinder suchen sich ihre Vorbilder selbst aus und lernen anhand von Modellen. Das kann eben auch der Typ aus dem Online-Video sein, der eine coole Challenge macht.“

Kleine Mutproben im Freundeskreis habe es vielleicht schon immer gegeben. „Gerade im Jugendalter geht es darum, sich auszuprobieren und Grenzen auszutesten“, sagt Medugorac. Verbreiten sich riskante Trends allerdings via Social Media, würden diese schnell viel größere Kreise ziehen. „Es ist ja auch so, dass ständig neue Challenges zur Verfügung stehen. Im Internet erscheint alles möglich.“ Neben der Aufklärung im Unterricht über derzeit online kursierende Trends wie die „Paracetamol-Challenge “ und deren Gefahren, sollten auch Eltern über den Handykonsum ihrer Kinder im Bilde sein.

Reales Leben an erster Stelle

„Natürlich dient das Smartphone vielen jungen Menschen auch zum Austausch und zur Kommunikation. Nichtsdestotrotz ist es hilfreich, die Handyzeit zu beschränken und feste Regeln auszumachen.“ Zusätzlich dazu sollten Kinder und Jugendliche animiert werden, Aktivitäten außerhalb des Internets nachzugehen. „Kinder verbringen immer weniger Zeit draußen, da die Welt immer gefährlicher erscheint. Gleichzeitig wird die Unendlichkeit des Internets unterschätzt, wo für einen jungen Menschen ohne Begleitung sehr viele Gefahren lauern.“

Statt Videos zu schauen, sollte die Teilnahme am realen Leben im Vordergrund stehen, sagt Medugorac – etwa in Form von Verabredungen oder Hobbys. „Vereinssport ist zum Beispiel eine sehr gute Möglichkeit, ebenfalls Teil eines sozialen Netzwerks zu werden – und auch hier können sich Jugendliche austesten, ihre Stärke zeigen und wachsen.“

Info: Ärzte warnen vor „Paracetamol-Challenge“

Lebensgefahr: Ein gefährlicher Social-Media-Trend sorgt für Besorgnis unter Kinder- und Jugendärzten: Bei der „Paracetamol-Challenge“ nehmen Kinder- und Jugendliche angeblich eine Überdosis Paracetamol ein – oft ohne sich der lebensbedrohlichen Folgen bewusst zu sein.

Schäden: Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Bayern warnt eindringlich vor diesem lebensgefährlichen Verhalten, heißt es in einer Pressemitteilung des Verbandes. Eine Überdosis könne zu Leberschäden, Leberversagen und im schlimmsten Fall zum Tod führen.

Überdosis: Eine besondere Gefahr gehe davon aus, dass eine Überdosierung des Medikaments in mehreren Phasen verläuft. In den ersten 24 Stunden treten kaum Symptome auf. Bis zu 48 Stunden später kann es zu Bauchschmerzen, Unwohlsein und einer beginnendem Leberschaden kommen. Drei bis fünf Tage danach können innere Blutungen und Organversagen folgen.

Notruf: Auch ohne auftretende Beschwerden sollte beim Verdacht auf eine Überdosierung des Medikaments Paracetamol sofort der Giftnotruf oder der Notarzt unter der 112 verständigt werden.

Kathrin Medugorac ist Psychotherapeutin für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Foto: Medugorac