Unfälle, Einsamkeit, Stress: So erschweren Smartphone und Social Media Erziehung und Aufwachsen

Von Benedikt Baumgartner · 10. Februar 2025 um 09:45

Der Psychologe Dr. Simon Meier leitet in Regensburg die KJF-Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern. Im MZ-Interview beleuchtet er die Gefahren hohen Medienkonsums für Kinder und Eltern. Er sagt: „Die Dosis macht das Gift.“

Herr Meier, ist es in Zeiten von Smartphone und Sozialen Medien so schwer wie nie, Kinder gut und sicher zu erziehen?

Dr. Simon Meier: Ja und nein. Ich glaube grundsätzlich war es immer gleich schwer oder einfach, Kinder zu erziehen. Jetzt kann man aber auf zwei Seiten vom Pferd fallen. Die eine Seite ist, dass Eltern aufgrund mangelnder Ressourcen und überbordender Medienlandschaft so stark absorbiert sind von ihrem Medienkonsum, dass Kinder nicht mehr die Zuwendung, die Aufmerksamkeit bekommen, die sie brauchen.

Und die andere Seite?

Meier: Da haben wir Eltern, die es besonders gut, besonders partizipativ, bindungs-, bedürfnisorientiert machen wollen, die wahnsinnig viel dazu lesen, sich dadurch gegenseitig zum Teil damit infizieren, nichts zu verpassen. Dazu gibt es unzählige Influencer, unzählige Thesen. Das ist ein wahnsinniger Anspruch, der Eltern zusätzlich enorm stresst. Dabei ist Erziehung, wie vor 50, 100 und wahrscheinlich auch schon vor 1000 Jahren, etwas, bei dem vieles intuitiv läuft. Und wobei wir uns als Eltern manchmal auch ein bisschen zu wichtig nehmen.

Erstmals verlässliche Nutzer-Daten

Inwieweit erschwert der Social-Media-Konsum der Kinder ein glückliches Aufwachsen?

Meier: Das ist eine enorme Herausforderung. Wir waren da lange im Trüben und im September gab es das erste Mal weltweit eine Studie in Australien und Neuseeland mit E-Noise-Tracking, um zu sehen, wie hoch der Medienkonsum wirklich ist. Bei zweijährigen Kindern waren es in den bildungsnahen Schichten 90 Minuten im Schnitt pro Tag. Und bei bildungsfernen im Schnitt etwas über drei Stunden. Bei Zweijährigen.

In denen sie selbst ein Smartphone oder Tablet nutzen?

Meier: Genau. Entweder passiv, weil sie unmittelbar daneben saßen und Mama oder Papa beim Gaming oder beim Chatten oder bei was auch immer zugesehen haben oder weil sie es selber in der Hand hatten. Es gibt schon für Maxi-Cosi und Kinderwagen Tablet- und Handyhalterungen, also in dem Alter, in dem diese Reizfülle für die Gehirnentwicklung sehr bedrohlich ist. Das ist Reizüberflutung.

Mehr Zeit am Bildschirm, weniger reales Erleben

Was sind die Hauptprobleme dabei?

Meier: Mit jeder Stunde Bildschirmzeit verpasse ich eine Stunde Realität. Das betrifft alle Generationen, vom Kleinkind bis zum Erwachsenen. Ich verpasse Realität. Das ist das eine Problem. Das andere ist dann natürlich bei kleinen Kindern eine Überreizung des Gehirns. Und dann haben wir noch den Punkt der Steuerung der Inhalte. Je älter Kinder werden, umso attraktiver ist der Bereich Angstlust. Also Dinge, die eigentlich verschrecken, aber ein Kind auch in den Bann ziehen, was es aber überfordert.

Also: strikter Verzicht, absolutes Handyverbot bei Kindern?

Meier: Setze ich das mal ein, weil ich ein quengelndes Kind vor einem Arzttermin mit dem Handy beschäftige, ist es bei weitem nicht so problematisch wie wenn das täglich kommt, um meine Ruhe zu haben, um das Kind ruhig zu stellen. Oder ich rede mir sogar ein, ich würde darüber Pädagogik und Bildung fördern, weil das Kind da noch irgendwie rumdrücken darf. Entscheidend in der Erziehung ist, was passiert zu 75 Prozent. Wenn ich zu 75 Prozent sage, ich setze eben Medien nicht ein, um mein Kind zu beruhigen oder um mir eine Auszeit zu gönnen, dann ist das etwas Gelingendes. Und bei Medien verhält es sich wie bei allen suchtgebundenen Prozessen: Ich brauche eine große Steigerung. Daher halte ich es für ratsam, gerade im Alter null bis drei Jahre einen sehr, sehr vorsichtigen Umgang mit Medien zu pflegen.

Zahl schwerer Unfälle steigt deutlich

Statistiken belegen eine signifikante Steigerung schwerer Unfälle an Spielplätzen und Badegewässern. Liegen Ursachen im Social-Media-Konsum?

Meier: Viele Menschen haben nur noch eine Wahrnehmung von wenigen Zentimetern vor sich, nämlich bis zum Bildschirm. Und wenn drumherum ein Kind am Spielplatz oder bei einem offenen Gewässer verunfallt, wird das oft nicht mehr so wahrgenommen. Normalerweise greifen Eltern früher ein, bevor etwas passiert, wenn ihr Kind vielleicht übertriebenes Risikoverhalten zeigt. Wenn die Eltern das nicht mitbekommen, können sie ihr Kind nicht von etwas Gefährlichem abhalten. Und unabhängig von den Unfällen, Eltern bekommen oft auch nicht die verbindenden Momente mit. Kinder leben oft davon zu sagen: Mama, hast du gesehen, wie ich da raufgeklettert bin? Papa, hast du gemerkt, wie hoch ich geschaukelt bin? Und wenn sie sich nicht gemeinsam an einer Aktivität oder einer Kompetenz erfreuen können, dann kommt es zu Verlust an Austausch. Dann zieht sich jeder in seine Welt zurück und die Verbundenheit wird weniger.

Wozu führt das?

Meier: Im weiteren Verlauf, wenn diese Kinder mit fünf Jahren schon bei vier, fünf Stunden Medienkonsum sind, dann wird im Jugendalter oft tatsächlich die gesamte Freizeit davon absorbiert – statt Hobbys, Fertigkeiten, Freunde treffen, die Welt entdecken. Wir haben kaum noch Fälle in der Erziehungsberatung, bei denen jemand sagt, mein Kind geht zu viel raus und trifft sich mit allen möglichen Freunden. Es geht immer ums Gegenteil.

„Immer mehr Digger, immer weniger Bros“

Mit welchen Folgen?

Meier: Die Kompetenzen in der echten Welt, auch in der sozialen Interaktion, leiden. Wir haben mehr das Thema Einsamkeit bei Jugendlichen, das Themenfeld der sozialen Unverbundenheit, des Gefühls, nicht wirklich dazuzugehören. Und gleichzeitig die berühmte Fear of Missing Out, die Angst etwas zu verpassen. Ohne Verzicht bei dem überbordenden Angebot werden wir keine tiefen Erfahrungen machen. Ich glaube, das ist etwas ganz Wesentliches. Ich werde nicht in irgendetwas besonders gut sein, wenn ich zehn verschiedene Hobbys beginne und nicht dabei bleibe. Ich werde aber auch auf Beziehungsebene keine intensiven Erfahrungen machen mit Mama, Papa, Geschwistern und Freunden, wenn ich nicht genug Zeit mit ihnen verbringe und jemanden wirklich kennenlernen kann. Wir haben sehr, sehr viele Beziehungen, aber auch sehr viele oberflächliche Beziehungen. Und ein Problem wird zunehmend, dass wir mehr Kinder, mehr Jugendliche haben, die eben keine intensiven besten Freundschaften haben, sondern nur irgendwelche Kumpel. Es bleibt eher auf dieser Digger-Ebene und es gibt immer weniger Bros oder Homies, um in der Jugendsprache zu bleiben.

Ihr Smartphone-Rat an die Eltern: Wehret den Anfängen?

Meier: Die Dosis macht das Gift. Und die Dosis wird automatisch gesteigert. Wenn ein Kind mit zwei, drei Jahren auf einem hohen Ausgangslevel ist, dann wird es immer schwieriger, das zu unterbinden. Da muss man immer massiver vorgehen als Eltern. In der Beratungsstelle genauso wie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie haben wir Fälle mit ganz heftigen Eskalationen, heftigste Wutausbrüche, weil Medien weggenommen werden, weil das WLAN ausgeschalten wird. Das kann bis zu Polizeieinsätzen gehen.