Neutraublinger Erziehungswissenschaftler fordert Soziale Medien und Gaming erst ab 16

Soziale Medien sind für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren verboten. Dies wird zumindest in Australien 2025 Realität. Der Beschluss scheint die Debatte zum Thema Konsum von Sozialen Medien auch in Deutschland anzufeuern. Nun äußert sich ein Neutraublinger Erziehungswissenschaftler dazu.
In einem offenen Brief an Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Staatsministerin für Unterricht und Kultus Anna Stolz (FW), fordert Dr. Alfred Leurpendeur vor kurzem „die Begrenzung Sozialer Medien und Gaming auf Jugendliche ab ihrem 16. Geburtstag“.
Der Erziehungswissenschaftler, 57, arbeitet seit über 17 Jahren in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis in Neutraubling. Er unterstützt die Begrenzung nicht nur als Mitarbeiter in der Sozialpsychiatrie, sondern auch als Vater. Für Leurpendeur ist klar: „Soziale Medien machen a-sozial und krank“. Das erfährt er in seiner Arbeit täglich. Viele Eltern würden von aggressiven oder depressiven Kindern erzählen.
Es geht ums richtige Maß
Phuc Huynh schließt sich dem Tonus in Leurpendeurs offenem Brief an. Er ist Elternbeirat in der Grundschule seiner Töchter – Zwillinge in der dritten Klasse. Generell sagt er, dass Handys in der Schule verboten werden sollten. „Es geht dabei auch um den Fokus, um die reale Welt und um echte Freundschaften“, sagt Huynh.
„Die Unterhaltungssachen sind nicht das Problem, aber der unkontrollierte Konsum ist eins“, sagt er und spielt damit vor allem darauf an, dass Eltern häufig überhaupt keinen Einblick mehr darauf haben, was ihre Kinder tagtäglich konsumieren. Auch das viele Cyber-Mobbing findet Huynh problematisch. „In der Summe geht es wie bei allem, um das richtige Maß.“
Schon 2006 schrieb Leurpendeur einen offenen Brief. Darin sprach er die Empfehlung aus, alle Produkte im Bereich Soziale Medien und Gaming, wie bei Tabakwaren, mit einem Warnhinweis zu versehen: Das kann süchtig machen. „Der Vorschlag wurde belächelt“, erzählt Leurpendeur.
Eltern den Rücken stärken
Neben den vielen kinder- und jugendpsychiatrischen Fällen bekommt Leurpendeur aber auch im privaten Umfeld mit, dass ein großer Prozentsatz „durch einen Konsum außerhalb jeglicher Norm“ auffällig wird. Der Erziehungswissenschaftler schätzt: „Ungefähr jeder Vierte hat ein kinderpsychologisches Problem.“
Eltern gehen häufig davon aus, dass die auftretenden Probleme ihre Schuld sind. Doch Leurpendeur schreibt in seinem offenen Brief: „Es ist vor allem ein systematisches, kollektives Problem.“ Genau deshalb würde man mit einem Verbot „vor allem den Eltern den Rücken stärken“.Viele Kinder und Jugendliche würden lieber zu Hause bleiben, ziehen sich zurück, auch innerfamiliär. „Die Kinder verlieren den Antlitzorientierten-Kontakt“, sagt Leurpendeur. Aber genau in dieser Phase des Lebens könnten sie Fähigkeiten im echten sozialen Kontakt erwerben – und auch nur in diesem Lebensabschnitt. „Die echte soziale Kompetenz lässt dramatisch nach.“ Ihm ist wichtig, dass auch Gaming mit ins Verbot einbezogen wird. „Von Schillers moralisch-ästhetischer Erziehung sind wir ganz weit entfernt“, sagt er. So etwas wie ein ritterliches Prinzip, gäbe es nicht mehr. „In den Videospielen muss man seinen Gegenspieler ermorden.“ Ängste, Aggression, Depression, ADHS und andere emotionale Störungen würden mit dem Konsum von sozialen Medien steigen. Auch körperliche Erkrankungen können auftreten, zum Beispiel Kurzsichtigkeit. „Das ist kein Wunder, wenn das Auge die ganze Zeit nur auf 40 Zentimeter fokussiert“, sagt Leurpendeur. Auch Haltungs-, Kreislaufprobleme und Schlafstörungen könnten hinzu kommen. Wie viel Zeit in Ordnung ist, hänge von vielen Faktoren ab. „Das kann man pauschal nicht sagen“, erklärt Leurpendeur. Jemand, der zwei Stunden an der Konsole spielt und danach ins Fußballtraining geht, könnte weniger betroffen sein als jemand, der eine Stunde spielt und danach nur auf der Couch liegt.
Dabei geht es auch um das Suchtpotenzial. „Das ist ähnlich wie beim Zucker“, erklärt Leurpendeur. Wenn man die Zeit immer limitiert und begrenzt, falle es auch später leichter, den Konsum niedrig zu halten. „Wenn du aber mit neun Jahren schon vier Stunden konsumierst, wird es mit zwölf oder 14 nicht weniger “, erklärt Leurpendeur.
Lücken füllen und Alternativen bieten
Sucht hänge nicht nur vom Individuum ab, sondern auch von den gebotenen Alternativen. „Den Kindern einfach das Handy wegzunehmen und sie sich selbst zu überlassen, funktioniert nicht. Die meisten Kinder haben nicht gelernt, wie sie sich ohne Handy beschäftigen können.“ Da müsse man die Eltern und den Staat in die Pflicht nehmen. „Man muss diese Lücke füllen, ansonsten wird die Langeweile massiv durchbrechen.“
Im nationalen Vergleich sei Bayern gut aufgestellt. „Man muss das Rad nicht neu erfinden, nur ausbauen“, sagt Leurpendeur. In der Schule gäbe es schon viele Alternativen, wie Theater- oder Tanzklassen. Dabei können Kinder spielerisch in Kontakt mit Kultur kommen und neue Körperlichkeit entdecken. „Zuhause auf dem Sofa geht das nämlich nicht.“
Auch laut Karolina Zahnweh, Sozialpädagogin und Suchttherapeutin der Caritas Fachambulanz für Suchtprobleme Regensburg, sei die exzessive Mediennutzung ein zunehmendes Problem in Deutschland. Etwa sechs Prozent der Jugendlichen, Stand Juni 2022, seien laut DAK-Studie von einer pathologischen Mediennutzung betroffen. In der Gesamtbevölkerung würden etwa zwei bis drei Prozent exzessiv Medien nutzen. „Dies verdeutlicht, dass das Problem nicht nur auf Jugendliche beschränkt ist, sondern die Gesellschaft insgesamt betrifft“, sagt Zahnweh.
