Feste Größe der Denkmalpflege: Achim Hubel wird 80

Achim Hubel öffnet hochvergnügt das kunstvolle Tor der Gründerzeit-Villa am Stadtpark und lächelt breit. Hochvergnügt, das ist sozusagen die Grundverfassung des Professors, der heute 80 wird.
Von der Liebenswürdigkeit sollte man sich nicht täuschen lassen: Wenn’s um Wichtiges geht, kann der Denkmalpfleger, der zu den meisten Dingen klare Ansichten hat, deutlich werden. Seine Stimme wird gehört, auch international.
Achim Hubel bringt die Steine zum Sprechen. Im Dom kann er zu jeder Kreuzrippe eine Geschichte flechten, in jedem gemeißelten Heiligen-Gesicht ein faszinierendes Detail sichtbar machen. Der Dom ist sein Berg, den er über Jahrzehnte durchdrungen hat. St. Peter ist heute das am besten erforschte Bauwerk der Gotik. Ein Teil der Ernte aus dem breit angelegten Forschungsprojekt liegt auf dem Tisch im Wohnzimmer, das noch so aussieht, wie es 1895 entworfen wurde. Alles atmet hier gutbürgerliche Gediegenheit, Sinn für Kunst, Kultur – und Familienleben. Zwei Ecken sind reserviert für das Spielzeug der vier kleinen Enkelkinder. Der Tisch aber gehört den imposanten Schwarten zu Dom und Denkmälern, die Achim Hubel als Autor oder Co-Autor nennen.
Der Juristensohn aus Sünching studierte in München und Regensburg Kunstgeschichte und Theologie. „Pfarrer wollte ich werden“, sagt er. Gut, dass es anders kam. Denn deshalb kennen wir heute sehr viel genauer, was unsere Geschichte ausmacht und wie ihre Zeugnisse überdauern können.
Lesen Sie mehr: Der Soundtrack zur Lüge: Torsten Rasch vertont für Regensburg berühmte Protokolle aus der DDR
212 Publikationen nennt die Homepage von Achim Hubel, 256 Abschluss- und Masterarbeiten hat er betreut, 51 Studierende zur Dissertation geführt. Als er ab 1981 als Gründungsprofessor in Bamberg den neuen Lehrstuhl für Denkmalpflege aufbaute, brachte er die seltene Kombination aus Lehre und Praxis mit: Er war zuvor in Regensburg Diözesankonservator und Lehrbeauftragter für Kunstgeschichte an der Uni. Hubel holte den Architekten und Bauforscher Manfred Schuller dazu und der Ein-Mann-Lehrstuhl wuchs zum Kompetenzzentrum für Denkmalpflege und Denkmaltechnologie, mit sechs Professuren und 20 wissenschaftlichen Mitarbeitern. Das Labor für dendrochronologische Untersuchungen ist das größte in Deutschland.
Vor allem hat sich das Verständnis für Denkmalpflege geändert. „Früher galt das 19. Jahrhundert nichts, und das 20. gar nichts“, sagt Hubel. Heute herrscht generelles Einvernehmen darüber, jeder Epoche ihren eigenständigen Wert zuzugestehen und dass es nicht reicht, Neues im alten Stil zu bauen, sondern dass es um die originale Substanz geht. Ein Paradigmenwechsel – Hubel selbst hat einige erlebt.
„Als 1973 in Regensburg das Kaufhaus Horten gebaut wurde, sagte ich: Das ist ja eine Katastrophe! Heute würde ich es unter Denkmalschutz stellen“, bekennt er. Mit differenzierten Dachneigungen und Proportionen und der Wabenfassade nach Egon Eiermann hat Architekt Josef Wiedemann „den Kaufhaus-Bau revolutioniert“. Auch dem Diktum von der „steinernen Stadt“ folgt Hubel nicht. „Wir müssen schauen, dass Städte lebenswert sind“, sagt der Zweite Vorsitzende der Altstadtfreunde. „Wir brauchen unbedingt mehr Grün.“ Und eine beruhigte Obermünsterstraße mit einem frei fließenden Stärzenbach. Im Streben, Denkmalpflege gegen Klimawandel in Stellung zu bringen, sieht er sich einig mit Kunstminister Markus Blume.
Lesen Sie mehr: „Come from Away“: Auf dieses Regensburger Musical fliegen alle – sogar ein Fan aus Kanada
In anderen Fällen stritt Hubel herzhaft mit der Politik. Als er 2008 vor einer Donaubrücke warnte, stellte er sich gegen OB Hans Schaidinger und den Präsidenten des Icomos-Nationalkomitees Michael Petzet – und war bald nicht mehr Gutachter fürs Welterbe Regensburg. Heute überwacht er mit Manfred Schuller im internationalen Experten-Rat der Unesco das Welterbe in Bamberg und in Naumburg. Auch in Naumburg bekommt man es nun mit Hubel zu tun: Das neu aufgestellte Retabel im streng geschützten Westchor muss weg.
Dass Denkmalpflege als hinderlich gesehen wird, findet Hubel „eine furchtbare Haltung! Wir leben ja von Geschichte, Schönheit und Kultur.“ Und was hat es auf sich mit der hochvergnügten Grundstimmung? Hubel liebt, was er tut. „Mir ging es immer gut“, sagt der 80-Jährige. „Das war schon im Studium so – es war mir eine einzige Freude.“