Konfrontation mit der Angst: So fühlt sich Vogelspinne Hildegard an

Von Antonia Zuruev · 17. Februar 2025 um 19:00

Menschen können auf der „Insectophobie“-Ausstellung ihre Angst vor Spinnen überwinden – das jedenfalls behaupten die Veranstalter. In Kelheim wagen unsere Reporterin Antonia Zuruev und Arina (23) aus Neustadt a.d. Donau den Selbstversuch.

Arina steht vor einem Terrarium. Ihre Hände zittern leicht, ihr Blick bleibt auf das achtbeinige, haarige Wesen gerichtet, das sich langsam bewegt. Doch dann nimmt sie einen tiefen Atemzug. Neben ihr hält ein kleines Kind eine andere Vogelspinne auf der Hand und lächelt für ein Foto. Arina schluckt. Vielleicht schafft sie es auch.

Spinnen-Ausstellung macht Station in Kelheim

Spinnen – für viele sind sie der Inbegriff des Schreckens. Doch was passiert, wenn man sich seiner Angst in einer sicheren Umgebung stellt? Genau das konnte Arina, die seit ihrer Kindheit große Angst vor Spinnen hat, in der mobilen Insektenausstellung „Insectophobie“ erleben. Sie hat sich bereit erklärt, sozusagen das „Versuchskaninchen“ für unsere Zeitung zu sein.

Die Ausstellung von Giovanno Neigert ist keine gewöhnliche Tierausstellung. Mit über 500 exotischen Krabbeltieren – Spinnen, Skorpionen und Riesenschnecken – bietet sie den Besuchern nicht nur Einblicke in die Welt der wirbellosen Tiere, sondern auch eine Möglichkeit, Phobien zu überwinden. Mit diesem Konzept tourt Neigert seit 2011 durch den deutschsprachigen Raum.

Die Vogelspinne Hildegard wartet auf Gäste

Arina und ich betreten die Ausstellung mit gemischten Gefühlen. Überall gibt es beeindruckende Tiere in Terrarien zu bestaunen – haarige Vogelspinnen in verschiedenen Farben, exotische Schaben, Schnecken so groß wie Meerschweinchen. Obwohl Arina Spinnen für gewöhnlich meidet, findet sie die Tiere hinter Glas erstaunlich faszinierend. „Solange sie in ihrem Terrarium bleiben und sich nicht bewegen, geht es“, meint sie schmunzelnd. Doch eine Spinne auf der eigenen Hand zu spüren? Unvorstellbar.

Weiter geht es zu Pierre Bülow, einem Mitarbeiter der Ausstellung. Er bietet Besuchern an, sich mit einer lebenden Vogelspinne fotografieren zu lassen. Seine Hauptdarstellerin: Hildegard, eine haarige Schwarze Uruguay-Vogelspinne. Selbst Kinder halten das Tier auf ihren Händen – das macht Mut.

„Eigentlich ist eine Spinne nichts anderes als ein Hamster mit acht Beinen.“

Pierre Bülow, Mitarbeiter der Ausstellung

Bülow ist sich sicher, dass er in 80 Prozent der Fälle Menschen die Angst vor Spinnen nehmen kann. Auf die Frage, ob Hildegard beißen könnte, antwortet er mit einem Augenzwinkern: „Ja klar, jede Spinne kann beißen.“ Doch alle Tiere in der Ausstellung seien nur „mindergiftig“, versichert er. Und ein Biss sei nicht schlimmer als ein Wespenstich. „Eigentlich ist eine Spinne nichts anderes als ein Hamster mit acht Beinen“, findet Bülow. Bei diesem Vergleich muss Arina schmunzeln. Das dämpft unsere Nervosität.

Erst mal mit zwei von acht Beinen anfangen

Arina beginnt den Versuch. Pierre Bülow lässt zunächst nur zwei der acht Spinnenbeine ihre Hand berühren. Dass soll die Angst Schritt für Schritt nehmen. Dann lässt er Hildegard langsam auf Arinas Hand krabbeln. Die junge Frau lächelt nervös. Doch ihre Augen lassen neben Panik einen Funken Faszination erkennen. „Dass sie einen Namen hat, macht es irgendwie leichter“, sagt Arina. Nach wenigen Minuten weicht die Angst vollends. Arina ist erstaunt: „Sie fühlt sich ganz anders an, als ich dachte. Fast schon gummiartig.“

Dann bin ich an der Reihe. Eigentlich wollte ich ganz cool bleiben, doch als Hildegard auf meine Hand krabbelt, schlägt mein Herz schneller und meine Hände werden feucht. Zum ersten Mal spüre ich eine Spinne auf meiner Haut. Das ist so ungewohnt – und doch faszinierend. Sie fühlt sich komisch an. Irgendwie wie aus Gummi. Und die Oberfläche hat eine richtig hohe Dichte, es ist schwer zu beschreiben. Und Hildegard ist außerdem schwerer, als ich erwartet hatte.

Expertin erklärt: Das kann gegen Insectophobie helfen

Warum haben so viele Menschen überhaupt Angst vor Spinnen? Die Kelheimer Heilpraktikerin für Psychotherapie, Annika Schlachtbauer, erklärt: „Die Spinnenphobie zählt zu den spezifischen Phobien und gehört zu den Angststörungen. Sie äußert sich durch körperliche Symptome wie Herzklopfen, Schweißausbrüche und ein starkes Vermeidungsverhalten.“ Therapeutisch könne man mit Methoden wie der systematischen Desensibilisierung oder der Reizüberflutung arbeiten.

Ob eine Ausstellung wie „Insectophobie“ helfen kann? „Ja, solange die betroffene Person stabil ist und sich bewusst auf die Konfrontation einlässt. In einer unterstützenden Umgebung kann eine solche Erfahrung sehr wertvoll sein“, sagt Schlachtbauer.

Unser Fazit: Manchmal braucht es nur einen kleinen Schritt – oder acht Beine

Wir verlassen die Ausstellung. Was für ein Tag: Arina hatte eine Spinne in der Hand gehalten – noch Stunden zuvor hätte sie sich das nicht vorstellen können. „Die ist schon süß“, sagt sie über Hildegard. Vielleicht sind Vogelspinnen ja doch nur „Hamster mit acht Beinen“, wie Bülow es ausgedrückt hatte. Was die Macher der „Insectophobie“-Ausstellung behaupten, hat zumindest bei Arina funktioniert. Ihre Angst vor Spinnen ist merklich kleiner geworden. Mein Fazit: um seine Angst zu überwinden, braucht man manchmal nur einen kleinen Schritt – oder acht Beine.

Über 500 exotische Tiere bekommen Besucher bei der „Insectophobie“-Ausstellung zu sehen. Fotos: Antonia Zuruev
Auch Valeriia Oliinyk traute sich, die Vogelspinne zu halten.