Verborgene Recycling-Welt: So werden in Kelheim aus Bayerns Abfall neue Rohstoffe

Von Beate Weigert · 14. Februar 2025 um 19:00

Kaum jemand kennt das Unternehmen MAV im Kelheimer Hafen. Dabei spielt es eine zentrale Rolle in Bayerns Kreislaufwirtschaft, sagt Mitarbeiter Robert Nasseide. Abfälle aus Straßenbau, Industrie oder Müllverbrennung gehören zum täglichen Business.

Sobald der Abfall von der Müllabfuhr abgeholt ist, ist er bei vielen aus dem Sinn. Genauso ist es bei Straßensanierungen. Hauptsache, die Trasse ist schnell wieder befahrbar. Für ein Kelheimer Unternehmen aber wird es mit Abfällen aus (Straßen-)Bau, Industrie und Müllverbrennung erst interessant. Denn: Der Abfall ist ihr Geschäft.

Die Rede ist von MAV an der Süd-Chemie-Straße im Kelheimer Hafen. Unscheinbar liegen Hallen und Freiflächen zwischen Regensburger Straße und den hohen Parkregalen des Autologistikers BLG. Neben bekannten Themen wie Wasserstoff oder Elektromobilität zählt auch Recycling zu den zukunftsorientierten Feldern.

„Doch unserer Branche fehlt die Bühne“, sagt Robert Nasseide. Der 32-Jährige arbeitet als Vertriebsleiter bei MAV. Kaum jemand in der Region wisse, dass MAV jährlich Materialströme von 250.000 bis 300.000 Tonnen aus ganz Bayern bewege.

Asphalt von der „Rennstrecke“ entsorgt

Beispiel „Rennstrecke“: Die Sanierung der wichtigen Verbindung zwischen Kelheim und Ihrlerstein war 2024 in aller Munde und wird es 2025 wieder sein. In erster Linie wegen der Sperrungen und der geplanten Verbesserungen für die Verkehrsteilnehmer. Um die Entsorgung des teerhaltigen Straßenaufbruchs kümmerte sich 2024 das Kelheimer Unternehmen. Die oberste Schicht sei in der Regel die beste und zur Wiederaufbereitung in Asphaltmischwerken geeignet, so Nasseide.

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Abfallrechtlich waren Teile der unteren Schichten der „Rennstrecke“ wegen der bis Mitte der 1980er Jahre üblicherweise verwendeten teerhaltigen Bindemittel als gefährlich eingestuft.

Annika Saffer: Gesetzgeber gibt viel vor

Die Arbeit des Kelheimer Recycling-Experten sei stark von Gesetzen geprägt, sagt Annika Saffer, Projektleiterin des Entsorgungsfachbetriebs. Der Gesetzgeber gebe genau vor, wie Abfälle zu untersuchen, einzustufen und zu entsorgen sind und welche Anwendungsgebiete, wofür in Frage kommen.

Der teerhaltige Straßenaufbruch wurde direkt von der Fräse auf Lkws geladen, durch MAV zwischengelagert und per Schiff in die Niederlande transportiert. Dort gebe es ein auf thermische Reinigung von Straßenaufbruch spezialisiertes Partnerunternehmen, so Saffer und Nasseide. Unter hoher Hitze werden dort organische Schadstoffe weitestgehend zerstört und vom mineralischen Anteil getrennt. Am Ende eines mehrstufigen Prozesses stehen wieder gereinigte Rohstoffe, wie ein Granulat aus Steinen, Sand, Gips und Füllermaterial zur Verfügung. Sekundär-Rohstoffe nennen sie das bei MAV.

Asche aus der Müllverbrennung

Zudem kümmert sich der Kelheimer Betrieb um die Aufbereitung von Asche aus bayerischen Müllverbrennungsanlagen. 2024 wurden laut Nasseide allein mehr als 70.000 Tonnen Rostasche aufbereitet.

Ein Blick in den Lagerbunker zeigt, was alles die (Haus-)Müllverbrennung „überlebt“. In der frischen Asche finden sich gut erkennbar Töpfe, Matratzenfedern, Wagenheber, Zahnräder oder Nägel. Eisen und Nicht-Eisen-Metalle wie Kupfer, Aluminium oder Messing werden zurückgewonnen. In der metallverarbeitenden Industrie seien sie sehr gefragt.

Die verbleibende Asche wird soweit aufbereitet, dass sie als Baustoff wiederverwendet werden kann, erklärt Nasseide. Umweltanalytische und bautechnische Untersuchungen zeigen auf, welches „zweite Leben“ als Ersatzbaustoff infrage komme.

„2024 lieferten wir etwa 6000 Tonnen aufbereitete Asche als Baumaterial für den Tiefbau einer großen Logistikhalle“, sagt Nasseide. Häufig werde diese auch als Ersatzbaustoff im Deponiebau genutzt.

Neue Halle geht in Betrieb

Dass die Arbeit der MAV gefragt ist, zeigte sich 2024 auch in Bauanträgen bzw. Nutzungsänderungen, die bei der Stadt eingingen. Das Unternehmen will sich auf dem 20.000 Quadratmeter großen Areal neu organisieren und Lagerkapazitäten erweitern, sagt Geschäftsführerin Mirjam Rauch. Eine neu gebaute überdachte Halle in Gleisnähe werde noch im Frühjahr in Betrieb genommen.

Der Markt werde größer. Denn Preise für primäre Rohstoffe ziehen stark an, weil sie knapp(er) werden oder schwieriger zu beschaffen sind. Gleiches gilt für die Entsorgungskosten. Zudem bringt ein wachsender Sanierungsbedarf an der Infrastruktur, neue Abfallströme mit sich. Aber auch immer höhere Umwelt-Schutzziele spielen in die Arbeit der MAV hinein. Kreislaufwirtschaft werde immer mehr zum Thema. „Wir sind Kreislaufwirtschaft“, sagt Robert Nasseide nicht ohne Stolz.

Recycling- und Entsorgungsexperte aus Kelheim

Die MAV-Gruppe hat fünf Standorte bundesweit, der einzige in Süddeutschland ist in Kelheim. Von 160 Mitarbeitern sind 14 in Kelheim tätig. Das Besondere des Kelheimer Standorts ist laut MAV, dass er an Straße, Schiene und Wasserstraße angebunden ist.

MAV in Kelheim ist spezialisiert auf industrielle mineralische Abfälle, Schlacken aus der Müllverbrennung, Gleisschotter, Straßenaufbruch und Boden.

Wenn Straßen saniert werden, so wie die „Rennstrecke“ zwischen Kelheim und Ihrlerstein 2024 und erneut 2025, wird meist tonnenweise Straßenaufbruch abtransportiert. Aus ihm werden bei MAV und Partnerfirmen neue Sekundärrohstoffe gewonnen. Foto: Nückel
Annika Saffer und Robert Nasseide
Zahnrad, Schaufel oder Matratzenfeder: Die Rostasche aus der Müllverbrennung enthält noch einiges an Metall.